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Wortgeschichte zu

Generationskonflikt / Generationenkonflikt

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Der Generationskonflikt ist kein modernes Phänomen, vielmehr als Motiv in der deutschen Literatur seit alters her verbreitet. Das Wort selbst aber hat eine nur etwa hundertjährige Geschichte. Erste Belege findet man zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Literaturwissenschaft. Seit den späten 1950er Jahren wird das Kompositum zunehmend allgemeinsprachlich verwendet, es bezeichnet einerseits familiäre, andererseits gesamtgesellschaftliche Konflikte.

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Wortgeschichte

Von der Literaturwissenschaft zur Allgemeinsprache

Die Bildung Generationskonflikt, auch Generationenkonflikt, ist seit Beginn des 20. Jahrhunderts bezeugt und findet sich zunächst in literaturwissenschaftlichen Abhandlungen (1903, 1929, 1948). Erst seit dem Ende der 1950er Jahre findet es Eingang in die Allgemeinsprache, so zeigt eine deutliche Zunahme der Belege in der Presse (1956, 1964, vgl. Abb. 1). Das Kompositum löst dabei jedoch Formulierungen wie Konflikt der GenerationenKonflikt zwischen den Generationen (1906, 1957) nicht gänzlich ab.

Die Wortverlaufskurve des DWDS-Zeitungskorpus zu Generationskonflikt und Generationenkonflikt steigt seit dem Ende der 1950er Jahre und zeigt einen Höhepunkt der Belegzahl um die Jahrhundertwende.

Abb. 1: Wortverlaufskurve zur Verwendung von „Generationskonflikt“ bzw. „Generationenkonflikt“

DWDS (dwds.de)

Generationskonflikt bezeichnet eine Auseinandersetzung zwischen Angehörigen verschiedener Generationen. Er kann im privat familiären (1967, 1984, 2003) oder im gesellschaftlichen Kontext (1956, 1979, 2009) angesiedelt sein. Die jeweilige Bedeutung des Erstglieds Generation setzt dabei entsprechend semantische Akzente (einzelne Stufe in der Geschlechterfolge oder durch gleiches Alter, gemeinsame Interessen verbundene Menschengruppe, s. GenerationWGd). Vielfach ist eine inhaltliche Trennung nicht möglich (1963, 1986; vgl. dazu EdN unter Generationenkonflikt).

Generationskonflikt oder Generationenkonflikt

Die Verlaufskurve zu Generationenkonflikt steigt seit Ende des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig sinkt die Verlaufskurve zu Generationskonflikt.

Abb. 2: Wortverlaufskurven zu „Generationskonflikt“ und zu „Generationenkonflikt“ im Vergleich

DWDS (dwds.de)

Die Zusammensetzungen Generationskonflikt und Generationenkonflikt werden wie einige andere Komposita mit dem Erstglied GenerationWGd mit en- oder s-Fuge ohne Bedeutungsunterschied nebeneinander gebraucht (s. Variantengrammatik 2018 unter (e)n-/ s-Fuge bei Substantivkomposita , vgl. auch GenerationswechselWGd). Auch einige Wörterbücher gehen dazu über, beide Varianten zu buchen (1981, 1999). Die Wortverlaufskurve des DWDS-Zeitungskorpus zeigt Anfang der 90er Jahre dann mehr Belege der Wortform Generationenkonflikt (2005, vgl. Abb. 2).

Ulrike Stöwer

Literatur

EdN Enzyklopädie der Neuzeit online. Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern hrsg. von Friedrich Jaeger. Leiden 2019. [basierend auf der Druckausg. im J. B. Metzler Verlag Stuttgart, 2005–2012]. (brillonline.com)

Variantengrammatik 2018 Variantengrammatik des Standarddeutschen (2018). Ein Online-Nachschlagewerk. Verfasst von einem Autorenteam unter der Leitung von Christa Dürscheid, Stephan Elspaß und Arne Ziegler. Open-Access-Publikation. (ids-mannheim.de)

Belegauswahl

Sei dem, wie es wolle: vorläufig müſſen wir den Dramatiker Gorki, wie eigentlich bisher alle ſeine ruſſiſchen Kollegen auf der Bühne, preisgeben, freilich nur um deſto entschloſſener und freudiger unſern Schild über den Dichter Gorki zu erheben, der aus den brodelnden Nebeln ſeiner dramatiſchen Unzulänglichkeiten nur um ſo leuchtender hervortritt. Es iſt merkwürdig, daß, wie die „Monna Vanna“, auch dieſes Stück [Die Kleinbürger] mit ſeinem tragiſchen Ringen zwiſchen roſtenden Alten und unklar gärenden Jungen, zwiſchen flügelmattem Freiheits= und Selbſtändigkeitsdrang auf der einen und enggebundener Kleinſeligkeit auf der andern Seite das Gedächtnis jenes Größern weckt, der in ſeinem „Meiſter Anton“ einen ähnlichen Generationenkonflikt geſtaltet hat.

Grazie, Marie Eugenie delle: Genius. In: Westermanns illustrierte deutsche Monatshefte 47/93 (1903). S. 438.

Das Gegebene möge uns natürlich als Ausgangspunkt dienen. Das ist in diesem Falle der Anti=Lear, den Ernst skizziert und der Shakespeareschen Tragödie entgegengestellt hat. Ernst will damit gewissermaßen eine typische Tragödie für den „Konflikt der Generationen“ umschrieben haben. Ich lasse es zunächst ununtersucht, inwiefern es berechtigt ist, gerade eine solche dem Shakespeareschen „Lear“ gegenüberzustellen. Ich möchte nur sagen, daß ich in der Ernstschen Skizze gerade diese Tragödie nicht ausgedrückt finde.

Jacobsohn, Siegfried (Hrsg.): Die Schaubühne. Wochenschrift für Politik, Kunst, Wirtschaft. 2. Jahrgang, Bd. 1. Berlin 1906, S. 452. (archive.org)

Wie schon oben festgestellt, neigt das moderne Drama zur Problemliteratur und zum Streitgespräch, weil von Anfang an die bürgerlichen Tugenden ihren Wert erst durch die Konfrontierung mit einer anderen Ethik zu erweisen hatten. Diese ethischen Gegensätze sind aber meist zugleich historische: Eine jüngere Ethik verdrängt die ältere, der dramatische Kampf nimmt die Form des Generationskonfliktes an. Wirklich ist im „Ottokar“, im „Bruderzwist“ und in der „Libussa“ der Schauplatz des Dramas der Treffpunkt von zwei zeitlich getrennten Welten.

Weissbart, Gertrud: Bürgerliches Lebensgefühl in Grillparzers Dramen, Bonn 1929, S. 43.

Wir sehen jetzt, wie es die Stimmungen des Generationskonfliktes nachklingen läßt, den uns die Dichtung der Zeit von 1180 bis 1200 so vielfach bezeugt.

Curtius, Ernst Robert: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Tübingen: Francke 1993 [zuerst 1948], S. 108. [DWDS]

Aber das modische Kolorit wie Florentiner Hüte läßt auf die saturierte Epoche vor dem ersten Weltkrieg schließen. Um den Generationskonflikt dieser Zeit, der vielfältig literarische Gestaltung fand, handelt es sich auch hier. Gina sucht ein Leben in Wahrheit und Schönheit, und sie stößt mit solchem Streben auf völlige Verständnislosigkeit bei ihrer Umgebung.

N. N.: Das Mädchen und seine Mutter. In: Berliner Zeitung, 18. 2. 1956. [DWDS]

Die in der Familie auftretenden Konflikte zwischen den Generationen werden von beiden Seiten nach Möglichkeit isoliert und beiseite gestellt, vor allem aber in keiner Weise mehr in sozial prinzipielle Positionen hinein verlängert und überfolgert.

Schelsky, Helmut: Die skeptische Generation, Düsseldorf 1957, S. 157. [DWDS]

Und schließlich die Jugend in aller Welt, die doch immer wieder das Gefühl hat, in allem, was Staat heißt und Politik, ihren Vätern ausgeliefert zu sein, von denen sie sich durch die längst Literatur gewordenen Ressentiments des Generationenkonflikts getrennt fühlt, und ihren Großvätern, die sie überhaupt nicht mehr versteht. Kennedy war der Staatsmann der jungen Generation; am bedingungslosesten, am uneingeschränktesten, das zeigte selbst die unzureichende „Meinungsbefragung“ des Deutschen Fernsehens, wurde er von diesen Jungen bewundert und geliebt, die ihn als einen der Ihren sahen und dabei gar nicht auf den Gedanken kamen, daß auch der jüngste Präsident der Vereinigten Staaten, genaugenommen, eher zur Generation ihrer Väter gehörte.

N. N.: Was ist ihnen Kennedy? In: Die Zeit, 29. 11. 1963, Nr. 48. [DWDS] (zeit.de)

Im Gegenteil, ihre große Mehrheit ist so normal wie jemals eine Jugend gewesen ist. Nur trägt sie ihre Generationskonflikte selbstbewußter aus, was den älteren Generationen recht unverständlich ist; sie wollen die Folgen der biologischen Frühreife nicht begreifen.

N. N.: Die beste Jugend, die es gab. In: Die Zeit, 29. 5. 1964, Nr. 22. [DWDS] (zeit.de)

Die Kinder machen sich gut; forsch und unverzagt sehen sie ihrer Fortsetzungsverpflichtung in die Augen. Generationenkonflikte entbrennen an der Zigarettenfrage, am Taschengeld oder an der Frisur. Das tägliche Leben spielt sich in schonungsloser Nichtigkeit ab.

N. N.: Nett und schonungslos nichtig. In: Die Zeit, 25. 8. 1967, Nr. 34. [DWDS] (zeit.de)

Man bricht – auch sprachlich – aus, um sich „von den alten Knackern“ absetzen zu können. Damit verbunden ist also ein latenter sprachlicher Generationskonflikt, der sich nicht nur darin äußert, daß die Literarisierung des Jargons – etwa bei Grass – in bestimmten Schichten der älteren Generation auf Ablehnung stößt, sondern daß sich dieser Konflikt auch im moralischen Bereich, ausdrückt. Wolfgang Müller: „Was für Ältere vulgär und unter Umständen beleidigend ist, empfinden Jüngere lediglich als salopp, als schicken Nonkonformismus.

N. N.: Angemacht und aufgerissen. In: Die Zeit, 22. 6. 1979, Nr. 26. [DWDS] (zeit.de)

[Buchung 1] Generationenkonflikt […] = Generationskonflikt […]

[Buchung 2] Generationskonflikt […] Konflikt zw. älterer u. jüngerer Generation infolge ihrer unterschiedlichen Auffassungen; […].

Brockhaus Wahrig: Deutsches Wörterbuch. Hrsg. von Gerhard Wahrig u. a. Wiesbaden/Stuttgart 1980–1984. Bd. 3 (1981), S. 143.

Schon in den Jahren vor Hitler hatte sich der Antisemitismus in Deutschland spürbar verstärkt. In vielen jüdischen Familien kam es deswegen zu einem Generationskonflikt. Während sich die Eltern noch mehr anzupassen versuchten, gingen die jungen Menschen auf Konfrontationskurs.

N. N.: Durchhalten im Untergrund. In: Die Zeit, 23. 11. 1984, Nr. 48. [DWDS] (zeit.de)

Die Eltern sind toleranter, verständnisvoller und großzügiger geworden. Der Generationenkonflikt, der die 68er aus dem Haus und auf die Barrikaden trieb, scheint (vorerst) überwunden.

N. N.: Ruhiges Zimmer bis 300,– warm. In: Die Zeit, 17. 10. 1986, Nr. 43. [DWDS] (zeit.de)

[Buchung 1] Generationenkonflikt, der (seltener): Generationskonflikt.

[Buchung 2] Generationskonflikt, der: Konflikt zwischen Angehörigen verschiedener Generationen, bes. zwischen Jugendlichen u. Erwachsenen, der aus den unterschiedlichen Auffassungen in bestimmten Lebensfragen erwächst.

Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 10 Bänden. Hrsg. von der Dudenredaktion. 3., völlig neu bearb. u. erw. Aufl. Mannheim u. a. 1999. Bd. 4, S. 1456.

Zunächst wurde die Familie zwar entlastet, aber nicht aus der Verantwortung entlassen, so dass der Generationenkonflikt weiter auf ihren Binnenraum beschränkt blieb.

N. N.: Krieg der Generationen. In: Der Tagesspiegel, 13. 8. 2003. [DWDS]

Unter den jungen Abgeordneten hat dies am Tag eins nach der personellen Neuaufstellung eine emotionale Debatte ausgelöst. „Die Grünen müssen aufpassen, dass es in der Partei nicht zu einem neuen Generationenkonflikt kommt“, sagte der Verbraucherpolitiker Matthias Berninger der Berliner Zeitung. Bislang sei es eine gute Tradition gewesen, jüngere Kräfte einzubinden.

Michel, Jörg: Zu wenig Platz für die grünen Indianer. In: Berliner Zeitung, 29. 9. 2005. [DWDS]

In der Bundesrepublik nahm der Protest der 68er Züge eines scharfen Generationskonflikts an. »Der Generationsbruch ist ungeheuer«, beobachtete Hannah Arendt bereits Anfang der sechziger Jahre.

N. N.: „Evt. Butterbrot bereithalten“. In: Die Zeit, 18. 6. 2009, Nr. 26. [DWDS] (zeit.de)