Wortgeschichte
Spalter von der Reformation zur DDR
Spalter ist eine Ableitung zum Verb spaltenWGd. Die grundlegende Bedeutung des Substantivs ist dementsprechend Person, die etwas spaltet, zerteilt
bzw. Werkzeug zum Spalten
(vgl. 1DWB 10,1). Vereinzelte metaphorische Verwendungen sind bereits für das 16. und 17. Jahrhundert bezeugt; hier trägt das Wort bereits die Bedeutung Person, die Zwietracht verursacht
(1524–1527, 1691). In diesen frühen Belegen tritt auch eine weitere wesentliche semantische Eigenschaft dieses metaphorischen Gebrauchs hervor: Spalter bezeichnet hier nicht allein eine Person, die eine bestimmte Handlung ausführt – in diesem Fall die Verbreitung von Zwietracht –, der Ausdruck bezeichnet vielmehr eine negative Charaktereigenschaft: Ein Spalter führt nicht allein eine bestimmte Handlung aus, es gehört vielmehr fest zu seiner Persönlichkeit, dieses zu tun.
Breitere Verwendung findet Spalter allerdings erst in den Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Hier tritt es vor allem im propagandistischen Sprachgebrauch der DDR bzw. der Sowjetischen Besatzungszone in Erscheinung, wo es als Stigmawort zur Herabsetzung politischer Gegner verwendet wird. Die mit dem Wort verknüpfte Diffamierung zielt in zwei Richtungen. Zum einen ist sie auf Kräfte des eigenen Lagers gerichtet, die von der eigenen ideologischen Linie abweichen und daher als schädlich zu kennzeichnen sind (vgl. auch die sprachkritische Reflexion dieses Gebrauchs bei Victor Klemperer 1952). Sie gilt zum anderen aber auch für außenpolitische Gegner, in diesem Fall besonders Politiker der BRD bzw. der westlichen Besatzungszonen, denen die Teilung Deutschlands zur Last gelegt wird (Spalter der Volkseinheit im Beleg 1946; vgl. auch 1947, bzw. 1949a, 1950).
Die für den Sprachgebrauch des Sozialismus bzw. der DDR anzusetzenden Bedeutungen können somit angegeben werden als: Person, die von der Parteilinie abweicht und dadurch die Einheit der Bewegung gefährdet
sowie Person, Institution, die die Einheit Deutschlands gefährdet
. Bezeichnend ist, dass die Grenze zwischen beiden Arten von Gegnerschaft teils verschwimmen: Feinde im Inneren und Äußeren werden – in einer für Propaganda typischen Weise – als identisch oder doch zumindest als Komplizen dargestellt (vgl. 1946), dies übrigens auch explizit mit Bezug auf den Aufstand des 17. Juni 1953 (1953). In der Propaganda des DDR-Regimes wird Spalter dann auch häufig mit weiteren pejorativen Bezeichnungen für den politischen Gegner verwendet: Separatist und Pro-Imperialist (1985), Kollaborateur (1980), Verräter (1979).
Spalter im wiedervereinigten Deutschland
Auch das wiedervereinigte Deutschland kennt Spalter. Im Sprachgebrauch der Politik steht das Wort für Kräfte, denen vorgeworfen wird, dass sie in irgendeiner Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährdeten. Es kann sich beispielsweise um Spalter der Nation, rechtspoplulistische Spalter und Hetzer (2012) oder Gegner der europäischen Einigung handeln (2019). Die Prägung des Wortgebrauchs durch die Propaganda der DDR steht der Verwendung auch in jüngerer Zeit offenbar nicht im Weg.
Das Adjektiv spalterisch
Das vom Substantiv Spalter abgeleitete Adjektiv spalterisch wird ebenfalls durchgehend pejorativ verwendet. Es gehört ebenfalls zum festen Bestand des sozialistischen Propagandawortschatzes, so bereits im frühen Beleg von 1930. Es dient hier sowohl der Diffamierung intern abweichender Positionen innerhalb des sozialistischen Lagers als auch der Disqualifizierung des außenpolitischen Gegners, in diesem Fall besonders der westlichen Staaten und der BRD, denen die deutsche Teilung angelastet wird (1948, 1965 bzw. 1949b). Indes ist spalterisch auch nach dem Untergang der DDR bzw. des Sozialismus ein Stigmawort in politischen Auseinandersetzungen geblieben (2004). Hier bezeichnet es die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch rechtspopulistische Politik (2025).
Literatur
1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)
Belegauswahl
Luther, Martin: Predigten über das 2. Buch Mose. Kritische Gesamtausgabe. Bd. 16. Weimar 1899, S. 244. (archive.org)Wider die Spalter der Eintrechtigkeit.
Stieler, Kaspar von: Der Teutschen Sprache Stammbaum und Fortwachs, oder Teutscher Sprachschatz. Nürnberg 1691, Sp. 2068. (digitale-sammlungen.de)Spalter/ der/ scindens, findens, schismaticus, sector, sectarius.
Verhandlungen des Reichstages. Berlin 1930, S. 4376. [DWDS] (digitale-sammlungen.de)Die Gewerkschaftsbureaukraten, sowohl die Sozialdemokraten wie die Zentrumler […], diese Agitatoren für den Young-Plan, spalten die Arbeiterschaft; sie wollen die Organisierten von den Unorganisierten trennen. Ihre spalterische Tätigkeit äußert sich schon in einer Beschimpfung der Unorganisierten.
Neues Deutschland, 24. 4. 1946. [DWDS]Trotz der Anstrengungen der Spalter der Volkseinheit werden wir in einem Einheitsblock der demokratischen Parteien in die Wahlen gehen und unsere Freiheit und Unabhängigkeit verteidigen.
Protokoll der 69. Sitzung des Nationalrates der Republik Österreich. V. Gesetzgebungsperiode, 15. Dezember 1947. [DWDS]Dies wurde von kommunistischen Arbeitern zum Anlaß genommen, S. als einen Spalter der Arbeiterschaft zu bezeichnen.
Archiv der Gegenwart, Bd. 18, S. 1548 ff., 29. 6. 1948. [DWDS]Das Zentralkomitee wundere sich, weshalb Zujovic […], der 1931 durch die Komintern aus dem jugoslawischen Zentralkomitee ausgeschlossen worden sei, und weshalb Hebrang […], der sich verräterisch bei der Ustascha-Polizei (29 A) benommen habe, verteidigt würden. Beide Männer hätten eine spalterische Tätigkeit in der jugoslawischen Partei ausgeübt und den Wirtschaftsaufbau sabotiert.
Archiv der Gegenwart, Bd. 19, S. 1936 ff., 12. 5. 1949. [DWDS]Die Kräfte der Aggression mußten den Rückzug antreten. Ich habe jedoch nicht die Illusion, daß es keine Spalter und Kriegsabenteurer mehr gibt, daß sie ihre Ziele aufgegeben haben, die darin bestehen, aus einem westdeutschen Separatstaat ein Aufmarschgebiet gegen die demokratischen Friedensstaaten zu machen.
Archiv der Gegenwart, Bd. 19, S. 2047 ff, 20. 8. 1949. [DWDS]Zu den Wahlen in Westdeutschland […](2040 E) schrieb die Prawda laut TASS. in einem Kommentar unter anderem: "Tatsache allein, daß diese Wahlen stattfinden, beweist, daß die Westmächte ihre rechtswidrige, spalterische Deutschlandpolitik fortsetzen.
Neues Deutschland, 14. 4. 1950, S. 2. [DWDS]Herr Adenauer steht zum Spalter unseres Vaterlandes und seiner Hauptstadt, John McCloy, in verwandtschaftlicher Beziehung. Aus seiner vorhitlerischen Vergangenheit ist er wegen seines Eintretens für den rheinischen Separatismus bekannt.
Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1952. In: Ders.: So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Berlin 1999 [zuerst 1952], S. 290. [DWDS]LQI: Zweifel, ob Diversanten u. Spalter identisch.
Neues Deutschland, 21. 6. 1953. [DWDS]Die Angriffe auf unsere demokratische Ordnung sind zurückgeschlagen. Das von den Kriegstreibern und Spaltern Deutschlands ausgehaltene faschistische Netz von Agenten und Provokateuren wurde zerrissen. Ihre Versuche, breite Teile der Arbeiter zu mißbrauchen, sind gescheitert.
Archiv der Gegenwart, Bd. 35, S. 11734, 8. 3. 1965. [DWDS]Im Wettstreit zwischen dem kapitalistischen und dem sozialistischen Wirtschaftssystem unterschätzten die Chinesen die Möglichkeiten und Aussichten des letzteren. Die spalterische Tätigkeit der chinesischen Führer sei die Hauptgefahr für die kommunistische Bewegung geworden, da sie die Einheit bedrohe und den Großteil der Stoßkraft vom Kampf gegen den Imperialismus ablenke.
Berliner Zeitung, 1. 3. 1979. [DWDS]Die alte II. Internationale war 1914 bei Ausbruch des imperialistischen Weltkrieges am Opportunismus der rechten sozialdemokratischen Führer zerbrochen. Zu dieser Zeit hatte Lenin […]— als erster — die Forderung erhoben, daß die ehrlichen, internationalistischen Kräfte mit den Verrätern und Spaltern der Arbeiterbewegung brechen […], daß sie selbständige, von den Opportunisten unabhängige Parteien gründen und sich zu einer neuen Internationale zusammenschließen sollten.
Berliner Zeitung, 25. 9. 1980. [DWDS]Reaktionäre Gewerkschaftsführung und USA-Geheimdienst zahlen gut für Spalter und Kollaborateure.
Berliner Zeitung, 4. 1. 1985. [DWDS]Das 745-Millionen-Volk [China] bewies seine politische Reife in einer Form, die seinen Gegnern nichts zum Deuteln übrig läßt. Die Spalter, Separatisten, Pro-Imperialisten wurden vernichtend geschlagen.
Berliner Zeitung, 17. 9. 2004. [DWDS]Die Behauptungen der SPD, bei Durchsetzung des CDU-Bildungskonzeptes drohe die Schließung von 220 Grundschulen, sei „infam und falsch“, sagte er. Zudem betreibe die SPD einen spalterischen Wahlkampf, indem sie Ministerpräsident Matthias Platzeck als starke Stimme des Ostens anpreise. Damit stelle sich die SPD gegen den Westen.
Nazi-Angriff auf türkischen Imbissbesitzer in Sachsen-Anhalt. In: Jacob Jung Blog (Blog), 13. 3. 2012 (Kommentar). [DWDS] (wordpress.com)Sie dürfen gerne versuchen, rechtspopulistische Spalter und Hetzer zu überzeugen und zu ganz ganz lieben und netten Menschen zu machen, […] ich halte das allerdings mit Verlaub für wenig erfolgversprechend.
Maas, Heiko: Rede des Bundesministers des Auswärtigen, Heiko Maas, beim WDR-Europaforum „Diamant Europa“, 23. 5. 2019. [DWDS] (bundesregierung.de)Am Sonntag geht es um mehr als um die Wahl des Kommissionspräsidenten. Es geht darum, ob wir Europa den Chaoten, den Spaltern und den Angstmachern überlassen, denjenigen, die Europa letztlich kaputt machen wollen, oder ob diejenigen in der Mehrheit sind, die für Zusammenhalt, Ausgleich und Zuversicht stehen.
Münchner Merkur, 21. 2. 2025. [DWDS]Das oberste Ziel muss sein, den Einfluss der AfD gering zu halten. Deren spalterische Aktivitäten spielen Trump und Putin in die Karten und gefährden die Sicherheit unseres Landes.