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Spaltpilz

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Das Kompositum Spaltpilz, das seit ca. 1830 bezeugt ist, steht zunächst für eine Gruppe von Pilzen, die durch eine erkennbare Längsritze auf ihrem Fruchtkörper gekennzeichnet sind. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts findet der Ausdruck als terminologische Bezeichnung für Bakterie, Mikroorganismus Verbreitung, bis Spaltpilz in dieser Lesart ab Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig durch Bakterie abgelöst wird. Über eine volksetymologische Umdeutung wird das Wort als Pilz, der eine Spaltung bewirkt interpretiert. Auf dieser Basis steht die metaphorische Übertragung auf die heute gängige Lesart Person, Sachverhalt, die oder der die Einheit von etwas, speziell den Zusammenhalt einer Gruppe, gefährdet.

Wortgeschichte

Spaltpilz in der Botanik

Der Ausdruck Spaltpilz ist für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts als Fachterminus der Botanik nachweisbar (1833, 1840, 1843). Hier steht er für eine bestimmte Gruppe von Pilzen (Hysteriaceae), die sich durch eine ausgeprägte Längsritze auf ihrem Fruchtkörper auszeichnen (1833), auch spezifischer für den auf totem Holz wachsenden Muschelkernpilz, Lophium Mytilinum (Syn Hysterium Mytilinum). In diesem Fall bildet offenbar eine Formeigenschaft dieses Pilzes – der sichtbare Spalt – das Benennungsmotiv für den Ausdruck.

Spaltpilz und Bakterium

Visualisierung 1: Chronologie der Bedeutungen von Spaltpilz

In der Biologie wird Spaltpilz ab 1857 mit verändertem terminologischem Bezug verwendet. Innerhalb der Taxonomie des Naturforschers Karl von Nägeli ist das Wort – fachsprachlich Schizomycetes – Obergriff für alle Mikroorganismen einschließlich der Hefen und Pilze. Bei Nägeli ist der Ausdruck möglicherweise von der äußeren Gestalt der Mikroorganismen her motiviert (transverse in multas partes sponte dividuum, querliegend sich von selbst in viele Teile aufteilend; zitiert nach Historisches Wörterbuch der Biologie 1, 141). Allerdings ist das Benennungsmotiv nicht ausreichend klar.

Seit den 1870er Jahren hat sich anstelle von Spaltpilz zunehmend Bakterie/Bakterium durchgesetzt (zur Terminologiegeschichte Historisches Wörterbuch der Biologie 1, 141; vgl. auch 2DWB 4, 79). Hierbei handelt es sich um eine an altgriechisch baktḗrion Stäbchen, Stöckchen anknüpfende Bildung des Naturforschers Christian Gottfried Ehrenberg. Bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts ist Spaltpilz in diesem Sinne noch in Gebrauch (vgl. 1937, 1947). Danach hat sich Bakterie/Bakterium endgültig etabliert.

Volksetymologische Umdeutung

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts sind bildliche Verwendungen von Spaltpilz Bakterium festzustellen. Hier wird Spaltpilz zur Kennzeichnung geistiger Faktoren und Einflüsse verwendet, die in irgendeiner Weise als schädlich zu betrachten sind. So ist in einem Vergleich die Rede von Gedanken, die wie zersetzende Spaltpilze wirken (1890), oder es wird die Metapher vom Spaltpilz des Illusionismus geprägt, der wie ein Krankheitserreger auszumerzen ist (1897). Während in diesen frühen Belegen eher der Aspekt der durch schädliche Faktoren ausgelösten Krankheit im Mittelpunkt steht, verschiebt sich der Bedeutungsfokus seit der Mitte des 20. Jahrhunderts auf das Moment der sozialen und politischen Spaltung (1956, 1979, 1993). Spaltpilze als Faktoren, welche Einheit und Zusammenhalt gefährden, können dabei ebenso abstrakte Sachverhalte – z. B. eine bestimmte Exportpolitik (1979), der Multikulturalismus (1993) oder die Impfpflicht (2022 – wie auch Personen oder Parteien sein (2018, 2020). In dieser Entwicklung kommt somit zunehmend die im Erstelement des Kompositums enthaltene Bildlichkeit zum Tragen: ein Spaltpilz ist nicht allein schädlich wie ein Krankheitserreger, sondern wird vielmehr als Faktor der Zersetzung und Auflösung eines Ganzen in seine Einzelteile perspektiviert.

Entscheidendes Moment der jüngeren Bedeutungsgeschichte ist eine volksetymologische Umdeutung des Kompositums. Zunächst ist Spaltpilz über das Aussehen motiviert – ein Spaltpilz ist ein Pilz mit einer Spalte auf seinem Fruchtkörper. Mit dem Aufkommen der Bedeutung Bakterie, Mikroorganismus tritt dieser Motivationsbezug in den Hintergrund. Spaltpilz wird im Anschluss dann aber offenbar remotiviert und als ein Pilz, der Spaltung bewirkt aufgefasst. Dass es Pilze dieser Art nicht gibt, tut der Deutung keinen Abbruch. Das Wissen darum, dass Bakterien bei Fäulnis- und Zersetzungsprozessen eine Rolle spielen, scheint hier vielmehr ausreichend zu sein (1880, 1918). Damit erscheint die Deutung des Ausdrucks als Pilz, der Spaltung bewirkt ausreichend begründet. Auf der Basis dieser volksetymologischen Umdeutung steht dann die metaphorische Übertragung auf die Bedeutung Person, Sachverhalt, die oder der die Einheit von etwas bedroht.

Auch die rezenteren Belege für das Wort lassen erkennen, dass die volksetymologisch hergestellte Bildquelle eines Pilzes, der Spaltung bewirkt, gelegentlich noch durchscheint. Dies bezeugen Verbindungen mit Verben wie eindringen, sich ausbreiten, gedeihen oder aus dem Boden schießen (1994, 2024).

Literatur

2DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Neubearbeitung. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (vormals Deutsche Akademie der Wissenschaften) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Bd. 1–9. Stuttgart 1983–2018. (woerterbuchnetz.de)

Historisches Wörterbuch der Biologie Toepfer, Georg: Historisches Wörterbuch der Biologie. Geschichte und Theorie der biologischen Grundbegriffe. Bd. 1–3. Stuttgart 2011. (doi.org)

Wikipedia Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. (wikipedia.org)

Belegauswahl

Hysterium. Spaltpilz. Sporangium mit ein. Längsritze, Sporenschläuche enthaltend, d. nicht in ein Pulver zerfallen.

Link, H. F.: Handbuch zur Erkennung der nutzbarsten und am häufigsten vorkommenden Gewächse. Bd 3. Berlin 1833, S. 386. (nbn-resolving.de)

Hysterium Tode, Spaltpilz.

Rabenhorst, Ludwig: Flora Lusatica oder Verzeichniss und Beschreibung der in der Ober- und Niederlausitz wildwachsenden und häufig cultivirten Pflanzen. Bd. 2: Kryptogamen. Leipzig 1840, S. 382. (digitale-sammlungen.de)

Spaltpils [sic], Lophium. Fruchthälter scheitelrecht, zusammengedrückt, in eine fast geschlossene Längespalte aufreißend.

Behlen, Stephan: Real- und Verbal-Lexicon der Forst- und Jagdkunde mit ihren Hülfswissenschaften. Bd. 5. Frankfurt a. M. 1843, S. 639.

Die Zellmembran des Mycoderma aceti und der Spaltpilze (Bakterien) schwankt rücksichtlich der Weichheit zwischen der Cellulose und dem Pilzschleim der Hefe. Auch ist die Bakteriencellulose mehr löslich in Kupferoxydammoniak. Auch den Bakterienschleim muſs man von dem Hefepilzschleim unterscheiden. […]Der erstere tritt immer auf bei der schleimigen Gährung, ist aber nach Nägeli kein Gährungsproduct (Milchsäuregummi, Gährungsgummi), sondern besteht nur aus den sehr weichen und schleimigen Membranen der Spaltpilze (Bakterien).

Polytechnisches Journal 229 (1878), S. 440. (bbaw.de)

Während die Sproſspilze (Hefe u.s.w.) vorzugsweise die Zersetzung der Kohlehydrate bewirken und am besten in Zucker haltigen Säften gedeihen, ist die Zahl der organischen Stoffe, welche durch Spaltpilze zersetzt werden, eine unbegrenzte.

Polytechnisches Journal 235 (1880), S. 245. (bbaw.de)

Bei den niedern Beamten ist Entfremdung schon vielfach erfolgt […], statt des Beamtenstolzes fühlen sich manche als ausgenutzte Proletarier. Das Heer betrachtet sich noch schroff als Stand, doch Gedanken sind wie zersetzende Spaltpilze, sie finden überall Eingang […]; und in das Heer treten von der einen Seite junge Leute als Rekruten ein, Hauptanhänger der Sozialdemokratie, von der andern Reservisten als verbitterte und organisirte Parteimänner.

Die Grenzboten 49/2 (1890), S. 12. (deutschestextarchiv.de)

Wie in den meisten dieser Internate, so lebte auch in ihr das bewährte Staffelprinzip des Lebens, das sich in Kürze so darstellen läßt: Die Unteren sind die Fußschemel der Oberen, und keiner kommt ungetreten in die Höhe. […]So erfüllen diese Anstalten aufs Vollkommenste den erzieherischen Zweck, aufs Leben vorzubereiten. Denn sie nehmen es in seiner ganzen Rohheit vorweg. Der Spaltpilz des Illusionismus wird mit kräftiger Hand ausgemerzt, und die bedenkliche Neigung mancher jungen Seelen ins Optimistische wird […]durch reichlich und konsequent applizierte Blitzgüsse weggeschreckt.

Bierbaum, Otto Julius: Stilpe. Ein Roman aus der Froschperspektive. Berlin 1897, S. 13. (deutschestextarchiv.de)

Der Milzbrand ist eine Blutkrankheit, bei welcher das Blut durch eingedrungene Spaltpilze zersetzt wird; es wird schwarz, teerartig und gerinnt nicht mehr.

Schlipf, Johann Adam: Schlipfs populäres Handbuch der Landwirtschaft. Berlin 1918, S. 432. [DWDS]

Sie umfassen insgesamt gegen 2000 Arten, während das ganze Pilzreich über 100000 Arten aufweist, wobei die nicht zu den Pilzen gehörigen Schleimpilze (Myxomyzeten) und Spaltpilze (Bakterien) nicht mitgerechnet sind.

Ulbrich, Eberhard: Essbar oder giftig? Berlin 1937, S. 73. [DWDS]

Ein scheibenförmiges Organ am Magen der Laus, auf das man sich keinen Vers machen konnte, bis man entdeckte, daß alle Zellen dieses Organs dicht mit winzigen Spaltpilzen angefüllt sind.

Frisch, Karl von: Du und das Leben. Berlin 1947, S. 198. [DWDS]

Individuum ist hier nicht Spaltpilz oder auch nur schwätzende Flause, Kollektiv ist nicht Bequemlichkeit, Stagnation, Konformismus und Sittenpolizei; vielmehr: klassenbewußtes, gar klassenlos gewordenes Kollektiv stellt aufs neue ein Drittes dar […], ein Drittes zwischen, besser über bisherigen Individuen samt bisherigem Kollektiv.

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Bd. 3. Berlin 1956, S. 54. [DWDS]

In der „Frankfurter Rundschau“ hieß es: Dadurch, daß das englische Gemeinschaftsöl in Importöl für den Rest Europas verwandelt wird, ist auch „ein Spaltpilz in der Gemeinschaft geschaffen worden, der gefährlich wuchern kann“.

Plenarprotokoll vom 4. 7. 1979. In: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 08/167, S. 13331. [DWDS] (bundestag.de)

Die Befürworter einer möglichst vorbehaltlosen Assimilierung von Minderheiten und Einwanderern meinen dagegen, daß „Multiculturalism“ ein schädlicher Spaltpilz sei.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. 5. 1993. [DWDS]

[…] im Untergrund gedeiht schon der Spaltpilz, und eine eigene Fraktion der Frustrierten ist schnell aus dem Boden geschossen: […].

Berliner Zeitung, 12. 2. 1994. [DWDS]

Der Spaltpilz Seehofer hat im Land nichts bewirkt und im Bund nur geschadet: Gerade in der Flüchtlingsfrage geht der Riss quer durch den christlichen Markenkern der CSU.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 10. 2018. [DWDS]

Die AfD lege den Spaltpilz in die demokratischen Institutionen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. 2. 2020. [DWDS]

Könnte das Thema Impfpflicht ein Spaltpilz für die große Koalition im Saarland werden?

Saarbrücker Zeitung, 10. 2. 2022. [DWDS]

Die Gegenwart der Gesellschaft beschrieb Habeck düster, „der Spaltpilz des Populismus ist eingedrungen und breitet sich aus“.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. 11. 2024. [DWDS]