Wortgeschichten
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Als kritische Bezeichnung für die auf Erhalt des Status quo bedachte herrschende Schicht in Politik und Gesellschaft gelangt Establishment um 1960 aus dem Englischen ins Deutsche. In den politischen Auseinandersetzungen um 1968 wird es zum Schlagwort der Protestbewegung; es wird hier auf die bürgerliche Gesellschaft als Ganze übertragen, von der sich die Protestierenden distanzieren. Wie schon im Englischen kann das Wort seit Beginn der Übernahme aber auch auf die tonangebenden Gruppen innerhalb einzelner gesellschaftlicher Felder (Medizin, Kunst, Literatur u. a.) bezogen werden.
Deutsches Wörterbuch
exit_to_app von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm
formales. westgermanische ablautende bildung zu schlieszen (s. d.), im goth. und altnord. fehlend, erst in neuerer zeit in die nordischen sprachen eingedrungen, dän. slot, schwed. slott, isländ. slot; auch im angelsächs. fehlt das wort, im engl. kommt es als slot und sloat vor; zum ersteren vergleiche Skeat et. dict. 563ᵇ, altfries. slot und slet (Richthofen 1037), altnd. slot und sclot (Heyne kl. altnd. denkm. 177), mnd. slot, slat, sclat, sloet, pl. slot, daneben auch slotte und slote (Schiller-Lübben 4, 248 f.). die quantität scheint zu schwanken, wenn man nach der schreibung urtheilen darf. nnl. slot, nnd. slot, slöt, pl. slote, slöte (ten Doornkaat Koolman 3, 208ᵇ f.), slöter (Woeste 241ᵇ), slör, slötter (Mi 81ᵃ), ahd. und mhd. slôʒ, sloʒ (Graff 6, 813 f., mhd. wb. 2, 2, 412ᵃ. 413ᵃ. Lexer mhd. handwb. 2, 987), sclos in hulzinsclos (voc. opt. herausg. von Wackernagel 17ᵃ, 107). die quantität steht nicht fest; über das schwanken von mhd. sloʒ und slôʒ vgl. Haupt zu Engelhard 475, Lachmann zu Iwein 505; im reime kommt es lang und kurz vor:
si tet sich abe
ir fröude, dô si mich verlôs,
ir herze ist ganzer triuwen slôz.
Wigalois 288, 30;
dagegen:
swâ minne sliuzet unverdroʒʒen,
man unde wîp mit triuwen sloʒʒen.
minnes. 3, 439ᵃ Hagen.
nhd. schlosz, plur. schlösser, daneben auch noch schloss in älterer zeit, z. b.:
hüt dich du Francken lande,
du hast auch sölche schloss.
Soltau deutsche volksl. 2, 69;
schlossʒ seind die understen teyle des buchs. Gersdorf feldbuch der wundarzn. 13ᵇ; es war dir nicht genug, dasz du .. mit ihm die schlosz aufgesprengt hattest. Simpl. 4, 186, 27 Kurz. auch der pl. schlosse kommt in älterer zeit vor: vort so en mach niemant schlosse en binnen Cölne schlieszen. weisth. 2, 747. im oberdeutschen ist statt schlosz meistens g'schlosz im gebrauch, vgl. Schm. 2, 536. Schöpf 624. in zusammensetzungen ist das wort häufig in den verschiedensten bedeutungen, besonders aber nach I, 1, a und II.
bedeutung.
I.
schlosz als gegenstand oder mittel eine öffnung zu verschlieszen.
1)
im engsten sinne, als mit dem schlüssel zu öffnendes schlieszgerät.
a)
an thüren aller art, kisten, kasten und anderen geräten: ahd. slôʒ, sera, repagulum, pessulus Graff 6, 813; mhd. nhd. sera, sloʒ, scloʒ, slosz, schlosz, slos, sclosz, slossze, sloysz, schlasz, sloszchen, niederd. slat Dief. 529ᵃ; verschiedener ausführung, in verbindung mit riegel oder klinke:
daʒ slôʒ si vür die tür dô stieʒ.
Gottfried Trist. 33, 40;
wirf schnell die thür ins schlosz.
Grabbe 1, 257;
an den zu schlieszenden gegenstand befestigt oder vorgehängt, vorhängeschlosz, vgl. auch hängeschlosz th. 4², 453, malschlosz th. 6, 1510: und leite zwei gute sloʒ vor di tor. Ködiz 86, 3; gegensatz dazu riegelschlosz theil 8, 925. der besondern einrichtung nach unterscheidet man deutsche, französische schlösser, ein- und zweitourige Karmarsch-Heeren³ 7, 700 ff. Jacobsson 7, 239ᵇ, verdecktes schlosz Steinbach 2, 448;
er hieʒ ûf ietwedern schrîn
vil grôʒe spangen güldîn
und slôʒ von golde rîche
würken meisterlîche.
Barlaam 47, 3;
eʒn wart nie sloʒ sô manicvalt,
dû diebe meisterinne, daʒ vor dir gestüende.
Walther 55, 32;
nachdem ich dieselbe (die springwurzel) hatte, probirte ich ihre würckung beynahe an allen thüren und schlossen. Simpl.
4, 134, 24 Kurz; ein schrank, der meine geringe geduld aufs ärgste durch sechs künstliche schlösser prüfte. Thümmel 6, 58 (1803). ein gegenstand wird mit einem schlosse verschlossen oder das schlosz eines gegenstandes wird geschlossen:
diu (porte) was mit slôʒe alsô behuot.
Wolfram Willeh. 229, 6;
diu juncfrouwe Seimeret
die tür hin nâch zuo sluoc
und mahte sie veste gnuoc
mit rigeln und mit slôʒen.
krone 18884;
gedanc ist âne slôʒ bespart.
Parz. 466, 17;
diser kaste soll mit vier underschiedlichen besundern schlossen .. verschlossen werden. Luther (Weim. ausg.) 12, 20, 24; laszt beide schlösser vorfallen. Schiller Fiesko 3, 5. ein schlosz aufschlieszen, entschlieszen:
ûf tuot er âne slüʒʒel
alliu slôʒ und îsenhalt.
Helmbr. 1205;
der slüʒʒel vromt, swâ man sol slôʒ ûf slieʒen.
Frauenlob 56, 12;
so en mach niemant schlosse .. schlieszen oder entschlieszen oder upbrechen. weisth. 2, 747; wil einer schnel ein schlosz uff schlieszen, so kan einer das loch nimer finden. Pauli schimpf und ernst 169 Österley; ein schlosz öffnet sich, geht auf, springt auf:
daʒ ie daʒ slôʒ danne schôʒ,
als er von verren gie dar zuo.
Helmbr. 1208;
ein schlosz mit gewalt öffnen, aufbrechen, aufsprengen:
diu slôʒ man ab den kisten brach,
dâ daʒ guot inne lac.
Ottokar reimchron. 8575;
welcher naturkündiger hat jemahl erfahren oder ergründet, dasz ein gewächs sei, so die krafft habe, ein schlosz mit stählinen federn .. auffzusprengen? Simpl. 4, 185, 32 Kurz; wie man handschriften nachmacht, würffel verdreht, schlösser aufbricht .. das sollst du noch von Spiegelberg lernen. Schiller räuber trauerspiel 1, 4. formelhafte verbindung schlosz und riegel:
und mahte sie (die thür) veste gnuoc
mit rigeln und mit slôʒen.
krone 18884;
so hond wir gewelb zuo dem gelt, die seind mit schlossen und starcken riglen wol versorgt. Keisersberg in Wackernagels leseb. 1⁴, 1301; sie decketen es und setzeten ein seine thür, und schlösser und rigel. Neh. 3, 6;
hinter meines vaters hof steht ein thür,
da ist weder schlosz noch riegel dafür.
wunderhorn 1, 115 Boxberger;
ich ging mit offnen armen auf ihn los,
und fühlte schlosz und riegel, keine brust.
Göthe Tasso 4, 1;
bald thät' es noth,
wir hätten schlosz und riegel an den thüren.
Schiller Tell 1, 4.
als redensart: hinter schlosz und riegel sitzen, gefangen sitzen; andere verbindungen sind schlosz und band: dem schlosser von den pantten und schlossen czu verczin und vernewen. Tucher haushaltb. 55; schlosz und bund, bildlich:
di hie ir trew prechen
an der minne, den werd chunt
der schanden sloʒ und auch ir punt.
Suchenwirt 24, 297;
du bist sloʒ unde bunt der toufe.
Ulrich v. d. Türlin Willeh. 2ᵃ.
in allitterierenden verbindungen schlosz und schlüssel: schlosz und schlüssel macht man nicht für treue finger. Simrock 9091;
noch slôʒ noch slüʒʒel was dar an.
Trist. 426, 40;
schlosz und schrein:
dû bist daʒ sloʒ und daʒ schrîn,
dâ êre unt tiu vreude mîn
inne besloʒʒen lît.
Iwein 5545.
schlosz in sprichwörtlichen wendungen: besser ein hölzern schlosz als eine offene thür. ein offenes schlosz verführt auch eine ehrliche hand. kein schlosz, man kann es mit goldenem schlüssel öffnen. man macht keyn schlosz für fromm leut. etwas unter sieben (hundert) schlössern haben. Wander 4, 244. nd. alles im slate hebben, alle seine sachen verschlossen halten. brem. wb. 4, 851.
b)
schlosz an einer kette, kettenschlosz: und hat im ain besundere eisnen kethin gemacht mit haimlichen schlossen, die im an hals gelegt ist worden. d. städtechron. 23, 41, 20;
ade! mein kercker bricht entzwei,
die kette reiszt, mein geist wird frey,
die schlösser sind zusprungen.
A. Gryphius (1698) 2, 148.
c)
schlosz in übertragener, freier, bildlicher anwendung; schlosz vor dem munde: o dasz ich könnte ein schlosz an meinen mund legen, und ein fest siegel auf mein maul
drücken. Sir. 22, 33; fürwar ich hette besser dran gethan, dasz ich ein schlosz an meinen mund gelegt .. hette. Schuppius schriften 1, 795;
herr öffne mir den mund. brich meiner lippen schlosz.
P. Fleming (1666) 22;
man hat ihm ein güldin schlosz ans maul gelegt. Eiselein sprichw. 552; man müste viel schlösser haben, wenn man allen leuten den mund zuschlieszen wollte. Simrock 9091; er hat kein schlosz vor seinem munde. Wander 4, 245. mannigfache andere bilder, namentlich in älterer sprache:
nû hielt der Prâbant ouch dâ vor
reht als er der kristenheit wær slôʒ unt tor.
Lohengrin 5385;
wande ich in dem munde trage
daʒ slôʒ dirre âventiure.
Parz. 734, 7;
dîn wort ist aller dinge slôʒ.
Barl. 2, 25;
und wann sie nit schnell genug postieren können, so sein der Hey. verdienst darbei auch frü auff, darmit sie bald die schlösser der rechnung und abzalung öffnen. Fischart bienenkorb 106ᵇ;
erlaube, liebes wachs —
gesegnet seyd, ihr bienen, die ihr knetet
der heimlichkeiten schlosz! der liebende
und schuldbedrängte betet sehr verschieden;
den ausgeklagten werft ihr ins gefängnisz,
hold riegelt ihr das wort Cupidos ein!
Shakespeare Cymbeline 3, 2.
die sieben schlosz, ein gewisses gebet (vgl. Schmeller 2, 536. Haupts zeitschrift 7, 137 anm.): so thuen viele sünder keine busze mehr, und bethen die heiligen 7 schlosz dafür, und der teufel mag ihnen doch nicht zu. quelle bei Schm. a. a. o.; hier beghinen die seuen sloeten. nd. jahrb. 10, 23. der plural auch im sinne der umschlieszung:
swâ zwêne münde gernt gelîche
kuslîcher vriuntschaft minne rîche,
seht, da gernt ouch vier arme lîhte zweier sloʒʒe.
minnes. 3, 438ᵇ Hagen;
des muͦs ich ellends magatein
aus lieben slossen strecken (mich herausziehen).
O. v. Wolkenstein 29, 3, 15;
und des umschlossenen raumes oder umschlieszenden behälters, in niederd. quellen: wen eyn mensche ichteswat gelenet hadde unde lecht dat in syne slote unde slut de dore nicht to. Schiller-Lübben 4, 249ᵃ; welck minsche jennich gudt in slote setten will, de mot dat anspreken vor duffte effte roff, wenn he dar erst by kumpt unde in de slote bringen let mit dem fronen vor besetenen borgeren. ebenda; und schattede on af hundert dusent mark ane golt und sulver, dat he ut oren sloten nomen hadde und ut oren husen, de men upsloch und tobrak. d. städtechron. 7, 153, 19; selbst des gefängnisses: hebben seten in der stad slote umme er undat. Schiller-Lübben 4, 249ᵃ; de gude here hedde gern geweten, worumme he scholde in de gefencknisse gahn, awerst eme wolde nemandt gehore gevenn, unde muste gahn in de schlotte. ebenda; dies auch hochdeutsch, mhd. einen in daʒ sloʒ legen, gefangen setzen Lexer handwb. 2, 988: sie sind obligirt, entwedder zalen, genuegsame caution thuen oder zu schlosz gehen muessen. Dief.-Wülcker 841; zu bezahlen .. oder aber zu schlosz (auf des klägers embsig anhalten und kosten) zu gehn. Frankf. ref. 1, 11 § 3.
2)
schlosz von schloszähnlichen oder einem schlosse verglichenen gegenständen.
a)
von verschiedenen theilen des thierischen organismus.
α)
der schlieszapparat der muscheln Oken 5, 1, 262.
β)
am menschlichen und thierischen körper werden verschiedene theile des beckens schlosz genannt, und zwar zunächst allgemein: schlosz überhaupt die beckenknochen des thierischen körpers. Stalder 2, 330: schlossz seind die understen teyle des buchs, zuͦn dyecher unnd uff die scham. Gersdorf feldbuch d. wundarzn. 13ᵇ. in besonderem gebrauch nennt man das hüftgelenk so: coxa, geschloss quelle bei Tobler 391ᵃ; coxam frangere, das schloss verrenken. Faber thesaurus (1655) 269ᵇ; schloss am beine, ischion Steinbach 2, 499; nachdem spaltet man hinten (am hirschen) das schlosz auff. Fleming t. jäger (1719) 263ᵃ; ein eisbein wird ein halb theil von dem schlosse genannt, wann aber beide noch beisammen, so heiszt es das schlosz. Tänzer jagdgeheimnis 11; erschrecken dich deine gedanken nicht, dasz die schlosse an deinen lenden aufgehen? Lavater bei Wackernagel lesebuch 4, 539, 22; wo die beiden keulen am becken, durch welches der mastdarm geht, zusammengewachsen sind, da findet man einen weiszen knorpel, diesen nennt man das schlosz. v. Thüngen waidm. pract. 308.
γ)
weibliches becken bei thier und mensch mit bezug auf die geburt Tobler 391ᵃ: schlosz, diejenigen knochen an einem stück wild, welche sich von einander thun, wenn es seine jungen gebähret. Jacobsson 7, 239ᵇ; die jungen (bären) sind ganz klein, die ursache hievon ist, weil sich das schlosz bei einer bärin nicht öffnet. Heppe jagdlust (1783) 1, 343; dann wann ... des kindes haupt (beim gebären) auf die schultern (nicht) umgestürtzt wird, beschieht es, dasz es so stark an den schlossen angehalten wird. Mauriceau tractat (1680) 212; vgl. auch schloszbein.
δ)
die weibliche scham: fräwlich schlosz der geburt, vulva Schm. 2, 536; unverruckt und unversert bliben Mariä schlosz. ebenda; und der herr gedachte Rachaelis und erhört sy und tet auf ir weiplich schlosz (vulvam eius aperuit). bibel von 1483, 1 Mos. 30, 22. in anspielungen auf diese bedeutung, vgl. unter schlöszlein; im sprichwort: das schlosz ist übel zu verwahren, dazu jedermann einen schlüssel hat. Wander 4, 244.
ε)
schlosz nennt man auch an den pferden das ende der nase, an der scheidewand derselben. Campe; vielleicht hierher gehörig: nimb knoblauch ..., mach ein kugel darausz, und schmier das pferdt hinden auff dem schlosz darmit, und umb die naszlöcher. Seuter rossarznei 9.
b)
in gewerblicher sprache.
α)
schlosz an kleidungsstücken oder schmuckgegenständen, täschchen, beuteln: auch nennt man schlosz diejenigen hefte, die man an den hals- oder armbändern und ketten braucht, solche zu bevestigen. Jacobsson 3, 632ᵇ; schlosz, an hals-gehängen und armbändern, elater quo torques vel armilla clauditur ne decidat. Frisch 2, 201ᵃ; ir gemein kleidt ist ein mantel, welchen sie mit einem krappen oder schlosz zu machen. Micyllus Tacitus (1535) 443ᵃ.
β)
an büchern: schlösser, clausuren an den büchern. Jacobsson 7, 240ᵇ: dô sach er ein buoch daʒ was besloʒʒen mit siben insigeln, mit siben sloʒʒen, daʒ künde nieman ûf geslieʒen. Berth. v. Regensb. 1, 567, 19; dieses wercklein, wann es gleich .. mit einem güldenen schnitt auszgezieret und wie ein liebes gebetbüchlein mit silbernen schlossen verwahrt wäre. Simpl. 4, 6, 22.
γ)
auch den im mittelalter, besonders in Italien gebräuchlichen keuschheitsgürtel nannte man schlosz, keuschheits- oder italienisches schlosz, vgl. Schultz alltagsleben 127: zum hauptzwecke war nicht zu gelangen, weil Oegneck seinen lustgarten mit dem gewöhnlichen italiänischen schlosse dergestallt vest verwahrt hatte, dasz niemand einsteigen konte. cavalier im irrgarten 351.
δ)
am gewehr heiszt schlosz die vorrichtung am hintern ende des laufes, die zum abfeuern dient, vgl. feuerschlosz, flintenschlosz, gewehrschlosz; besondere bezeichnungen nach der einrichtung, luntenschlosz, radschlosz, schnapphahnschlosz, stechschlosz (vgl. Böheim waffenk. 473 ff.). schlosz an einer büchse, elater sclopi scutatus, lamina igniarii sclopi, ein feurschlosz Frisch 2, 201ᵃ; und der kleine hatte nicht eher ruhe, bis ich ihm ein paar pistolen und eine jagdflinte schenkte, und bis er heraus gebracht hatte, wie ein deutsches schlosz aufzuziehen sey. Göthe 19, 357; oder bey der büchsen hat er nicht wol gewischt .. oder das schlosz war verrürt: oder hett nit vor der kugel gschmirt. Fischart Garg. 181ᵇ;
dem achten (schützen) war das schlosz zerbrochen.
Grob ausreden der schützen, bei Haupt 3, 247.
ε)
beim orgelbau schlosz eine blechklappe, die dazu dient, die öffnung der orgelpfeife beliebig zu verschlieszen, auch schlüssel genannt Frisch 2, 201ᵃ.
ζ)
im bergbau gewisse schachtkränze bei der schachtzimmerung, die mit den vorspringenden enden in das gestein eingelassen sind und daher ohne sonstige stütze festsitzen, auch schachtschlosz genannt Scheuchenstuel 214. Veith 422; an den gestängen die verbindung zweier stangen, die einschnitte an denselben, da sie in einander gefügt und mit ringen verbunden werden. ebenda.
η)
in letzterem sinne findet es auch in der eisengieszerei anwendung, wo es die theile an den formkästen und den theilen der guszschalen bezeichnet, welche das genaue zusammensetzen ermöglichen. Karmarsch-Heeren³ 3, 125.
θ)
ebenso nennen die böttcher die in einander greifenden kerben der enden eines reifens das schlosz.
ι)
an der buchdruckerpresse ist schlosz die verbindung zwischen spindel und tiegel.
κ)
in der schiffersprache nennt man schlosz den kettenstich am ende der zur verbindung eines bonnets d. h. eines zur vergröszerung dienenden stückes segeltuch mit dem segel angebrachten
kettenbugten, durch dessen lösung alle kettenbugten gelöst werden. auch in niederd. form schlot Bobrik 605ᵇ.
λ)
in der baukunst ist schlosz der schlieszende stein eines gewölbes, vgl. schloszstein, schon im mhd.:
daʒ gewelbe daʒ was obene
besloʒʒen wol ze lobene,
obn ûf dem slôʒe ein krône.
Tristan 419, 35;
die wîle er sich gehaben wil
hin ûf, dâ sich der tugende gôʒ
zesamne welbet an ein slôʒ.
425, 30;
im allgemeinen scheint in diesem gebrauche heute das wort schluszstein eingetreten zu sein, technisch gebräuchlich ist es noch bei der ziegelbrennerei, wo man 'im ziegelofen diejenigen reihen mauersteine' so nennt, 'die die gewölbe über den schlufften oder feuerlöchern schlieszen, und worauf nachgehends die dachziegel gesetzt werden'. öcon. lex.² 2607.
3)
schlosz oder schlosztritt (s. d.) der tritt, welchen der hirsch mitten in seinem bette mit einem der vorderläufe thut, indem er aufsteht. Adelung.
II.
schlosz, burg, castellum; ahd. noch nicht vorhanden, obwol die bedeutung eines gesperrten raumes bereits sich zeigt: sloʒ, claustra, clausa Graff 6, 814; unmittelbar auf die im mhd. sloʒ ausgebildete bedeutung leitet der begriff der wegsperre durch eine warte oder feste, wie er gelegentlich hervortritt:
daʒ sî zu Wilow machtin
eine burg und achtin
dî zu einre warte
und vor ein slôʒ sô harte,
daʒ dî brûdre dâvur
niht mochtin nâch ir willekur
mit den Samin gereisin.
Jeroschin 10164;
und von wo aus sich der sinn auch des gröszeren befestigten baues ausbildet.
1)
schlosz, burg, befestigter platz; seit dem mhd.: wi lantgrave Lodewig mit groʒem volke quam uff sine burg und sloʒ Nuwenburg. Ködiz 4, 12; in das schloss nach Kuefstein erscheinen. tirol. weisth. 1, 42, 6; er bawet auch schlösser in der wüsten, und grub viel brünnen. 2 chron. 26, 10; in den welden bawet er schlösser und thürne. 27, 4;
biʒ er sach Athênis, daʒ slôʒ ûʒ erwelt.
Wolfdietr. C 2, 19, 4;
komen si darnach zu sloʒʒin
die gud und rîche und veste sint.
Bartsch md. ged. 110, 433;
hüt dich, du francken lande,
du hast auch sölche schlosz.
Soltau 2, 69.
im oberdeutschen, wo übrigens das wort schlosz in der ganzen bedeutung II seltener zu sein scheint, tritt häufig die form geschlosz ein. Schöpf 624. in neuerer zeit ist diese bedeutung sehr verwischt. der begriff des festen ist meistens auf das wort burg übergegangen, hat sich aber in sprichwörtern und redensarten, besonders burg und schlosz, erhalten, vgl. unter 3, auch die zusammensetzung raubschlosz th. 8, 233. in manchen fällen bedeutet schlosz die feste burg im gegensatz zu der dazu gehörigen stadt oder dorf: daz man daz stetlein Lichtenburg vor dem slosz sult ersteigen bei nacht und vor dem slosz bewaren. d. städtechron. 2, 64, 10;
also lidit man danne gebrechin
in den stetin adir in den sloʒʒin.
Bartsch md. ged. 203, 3810;
in wachs trückt sie die schlüssel ab
und wurff imbs von dem schlosz hienab.
H. Sachs fastn. sp. 1, 6, 188 neudruck.
in andern fällen werden auch kleine befestigte städte schlösser genannt, ebenso wie burg in derselben bedeutung vorkommt, vgl. oben th. 2, sp. 535. schlosz in festen verbindungen; mit verben: schlosz bauen, castellum exstruere, excitare, munimentis sepire, operibus cingere. schlosz belägern, castrum obsidione cingere, armis circumsedere, exercitu sepire. schlosz stürmen, impetu oppugnare, assalire, ingressionem in arcem facere. schlosz einnehmen, sive erobern, expugnare, occupare. schlosz aushungern, arcem fame frangere. das schlosz ergiebt sich, arx dedit se hostibus, victori se committit. schlosz besetzen, praesidium in arcem collocare. schlosz vertädigen, defendere castrum. schlosz verlaszen, educere praesidium e castro, egredi. Stieler 1841 fg.; darumb wil ich .. jre schlösser verwüsten. Zephanja 3, 6; ein schlosz schleifen, vgl. unter schleifen II, 3, g; wenn ich meine sieben schlösser schleifen lasse. Schiller räub. 5, 1 schausp.; mit adjectiven: starkes, festes, hohes schlosz; hochs schlossz, edita arx, weerhaft schlosz, munitissima arx, schlosz, das nit zuͦ gewünnen ist, arx invictissima Maaler 357ᶜ; offenes
schlosz, in welchem ein anderer das besatzungsrecht hat: sein sloss Rigelsrewt schol unser offen slosz sein. d. städtechron. 2, 89, 26; und ist Schwabhaim des reichs offen schloss. 5, 259, 13.
2)
die bedeutung des wortes verengt sich derart, dasz die befestigung mehr zurück, der glanz des baues in den vordergrund tritt; schlosz ist der reiche fürsten- oder herrensitz, der durch werke geschützt, aber auch offen sein kann: sus kamen si zu dem koniglichen vesten sloʒe, genant Presborg. Ködiz 13, 25; die spinne wirkt mit jren henden, und ist in der könige schlösser. spr. Sal. 30, 28; da er auf seinem königlichen stuel sasz zu schlos Susan. Esther 1, 2; führe sie gerade nach des edelmanns schlosz. Schiller räuber 4, 5 schauspiel;
von drüben herüber, von drüben herab,
dort jenseits des baches vom hügel,
blickt stattlich ein schlosz auf das dörfchen im thal,
die mauern wie silber, die dächer wie stahl,
die fenster wie brennende spiegel.
Bürger 60ᵇ;
hast du das schlosz gesehen,
das hohe schlosz am meer?
Uhland 206;
es stand in alten zeiten ein schlosz so hoch und hehr:
weit glänzt es über die lande bis an das blaue meer;
und rings von duftgen gärten ein blüthenreicher kranz.
390
in formelhafter verbindung mit stadt:
paw ich nit schlösser, märkt und stet?
H. Sachs fastn. sp. 1, 29, 253 neudruck;
sted schlösser müssen ihr eigen sein.
bergreihen 27 neudruck;
allein umsonst wird schlosz und stadt durchsucht.
Wieland 18, 187;
wie scheidemünze geht von hand zu hand,
tauscht stadt und schlosz den eilenden besitzer.
Schiller Piccol. 4, 4.
3)
schlosz in bildern und sprichwörtlichen redensarten; das luftschlosz, vgl. th. 6, 1262: schlösser in der luft zu bawen ist vergeblich. Lehmann 71; mancher baut schlösser in der luft, der keine hütte auf dem lande bauen könnte. Simrock 491;
ich aber sitze am beschneiten fenster;
ein blaues knasterwölkchen steigt
mit tausend luftgebauten schlössern,
dünnere lüfte zirkelnd empor.
Schubart (1829) 2, 233;
dasz die schöne, schamhaft zu gestehen,
und in hoffnung, wieder dich zu sehen,
manche schlösser in die luft gebaut.
Göthe 1, 219;
nur festem grund sollst du vertrauen,
nicht schlösser in den lüften bauen.
Eichendorff (1864) 6, 497;
in ähnlichen verbindungen: ein schlosz aufs eis bauen. spanische schlösser bauen. Wander 4, 246;
baun tag und nacht viel böhmische schlösser
ins blaue hinein.
Wieland 18, 278;
empfindungen mit dem, der ohne herz ist, theilen,
heiszt schlösser auf die wellen baun.
17, 59;
wie wird es heisz! fort zieht das eis
und meine goldnen schlösser;
wie ruft es dort im flusse leis,
da drunten wär es besser!
des knaben wunderhorn 1, 153 Boxberger.
anders schlösser auf einen bauen, als ausdruck unbegrenzten vertrauens: man darf keine schlösser auf ihn bauen. Wander 4, 245; ähnlich: der name des herrn ist ein festes schloss. spr. Sal. 18, 10;
gott fürchten ist sein burg und schlosz.
Rebhun Susanne 3, 4, v. 326;
du bist mein himmel, und dein schosz
bleibt allezeit mein burg und schlosz,
wann diese erd entweichet.
P. Gerhard 193, 90.
in weiteren mannigfachen bildern für ewigkeit, himmel, leben u. a.: wer es verstünde, dem tod diesen ungebahnten weg in das schlosz des lebens zu ebenen? Schiller 2, 58 (räub. 2, 1);
so lang es meine sonne
mir warm zum hertzen geht,
solt ihr seyn meine wonne;
ich hab in mir erhöht
ein schloss für euch, darinnen
ihr ewig herrschen solt.
ged. des Königsberger dichterkr. 177;
das reiche schlosz der ewigkeit
geht auf! ich bin ankommen.
A. Gryphius (1698) 2, 149:
wenn wir aus dem leben ziehen,
will ins schlosz der ewigkeiten
uns die starcke faust einleiten.
160;
das blaue schlosz des himmels
entfärbt sich ob der that.
P. Fleming 10;
man musz, der göttinn (wahrheit) schlosz zu finden,
durch manchen dornenpfad sich winden.
Gotter 1, 377;
und nun auf diesem felsengrunde
von forschungsgeist, natur- und völkerkunde
sich ihres denkens schlosz erbaut.
398;
hab auf höhen glänzend weisz,
auf des gletschers kühnstem eis
mein krystall'nes schlosz erbaut.
Raimund 2, 215 Glossy-Sauer.
III.
im ahd. hat slôʒ auszer der unter I angeführten bedeutung noch die, die heute durch schlusz vertreten ist: slôʒ conclusio, inlatio, confectio, sive complexio. tes man sprichit an demo sloʒe, predicati in illatione. niunzen sloʒ, decem et novem modi syllogismorum Graff 6, 814; auch im mnd.: dat gebet ys eyn anbegyn unde eyn sloet alles gudes. quelle bei Schiller-Lübben 4, 249ᵃ. im nhd. ist diese bedeutung verschollen, soweit sie nicht noch in der zusammensetzung sich zeigt, vgl. schloszbalken, schloszstein u. a.
Fremdwörter
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Wagner 1724 Soldatenbibl. 63 wiewohl es offt gar Romanhafftig herauskommt;