Wortgeschichte zu

Elite

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Elite (aus élitefrz ‚Auslese‘, zuerst 17. Jahrhundert) etabliert sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Bedeutung ‚kleine Gruppe von Menschen, die sich durch eine besondere Eigenschaft vor der großen Mehrheit auszeichnet‘. Es bezieht sich dabei auf unterschiedliche Formen selektiver Gruppenbildung: Leistungseliten, Standeseliten, Machteliten. Im 20. Jahrhundert gewinnt die Lesart ‚Machtelite‘ an Bedeutung. Ausgehend von der Soziologie verbreitet sich ab den späten 1920er Jahren der Plural Eliten als umfassende Bezeichnung für privilegierte Gruppen innerhalb einer Gesellschaft. In jüngster Zeit erscheint es als Fahnenwort in öffentlichen Debatten (Bildungs- und Populismusdiskurs).

Wortgeschichte

Anfänge

Elite stellt eine Entlehnung aus élitefrz ‚Auslese, Auswahl‘ dar, einer Bildung zum Verb élirefrz ‚auswählen‘, das auf gleichbedeutendes *exlegerevlat, ēligerelat zurückgeführt wird (s. Pfeifer s. v. EliteDWDS). Ins Deutsche gelangt das Wort zunächst als Ausdruck des Militärs. Hier bezeichnet es ‚eine kleine, für eine bestimmte Mission ausgewählte Gruppe besonders kampfstarker Soldaten‘ (1663), später dann auch ‚eine besonders erfahrene, gut ausgebildete und schlagkräftige militärische Einheit‘ (1831, 1848b; vgl. auch GardeDWDS).

Elite als ‚herausgehobene Gruppe‘

Seit den 1830er Jahren des 19. Jahrhunderts (vgl. 1834) findet sich Elite dann in der allgemeineren Bedeutung, die wir heute noch kennen: ‚kleine Gruppe von Menschen, die sich durch eine besondere Eigenschaft vor der großen Mehrheit auszeichnet‘. Vermutlich ist diese Bedeutung ebenfalls aus dem Französischen übernommen (s. DHLF 1, 722.) Je nachdem, worin diese besondere Eigenschaft besteht, kann man verschiedene Spielarten von Elite unterscheiden: a) ‚kleine Gruppe von Menschen, die sich durch besondere Leistungen, Fähigkeiten vor der großen Mehrheit auszeichnet‘, b) ‚kleine Gruppe von Menschen, die sich durch ein besonderes Sozialprestige vor der großen Mehrheit auszeichnet‘ sowie c) ‚kleine Gruppe von Menschen, die eine besondere Macht, besonderen Einfluss besitzt und sich dadurch vor der großen Mehrheit auszeichnet; Oberschicht‘. Kurz gesagt: Es gibt a) Leistungseliten, b) Standeseliten und c) Machteliten. Dass diese drei Formen der Elite nicht immer scharf zu trennen sind, versteht sich von selbst – Leistung, Macht und Prestige gehen nicht immer, aber doch häufig miteinander einher. Die für diesen Artikel ausgewerteten Belegstellen sind daher auch nicht immer eindeutig zuzuordnen.

Leistungseliten

Belege, in denen von Leistungseliten die Rede ist, finden sich seit den 1830/40er Jahren. Es gibt z. B. Eliten von Priestern, Intellektuellen, Künstlern (s. 1845, 1848c, 1856); auch die militärischen Eliten, von denen in den frühen Belegen die Rede war (1663, 1831), lassen sich diesem Konzept zuordnen. Gelegentlich ist auch von kleineren Gruppen die Rede, die für einen bestimmten Zweck und für eine begrenzte Zeit zusammengestellt werden: eine Elite deutscher Schauspieler, die auf Reisen geht (1913). In allen Fällen ist aus dem Beleg bzw. Belegkontext zu erschließen, dass die Personen, die als Elite beschrieben werden, besonders gut sind in dem, was sie tun. Die ursprüngliche Wortbedeutung ‚Auslese, Auswahl‘ scheint hier somit noch durch.

Leistungseliten werden bis in die Gegenwart hinein breit thematisiert. Dabei tut sich ein ganzes Spektrum von Gebieten auf, in denen Leistungen erbracht bzw. Fähigkeiten gezeigt werden können. Hier wären beispielsweise, zusätzlich zu den oben genannten Leistungseliten, die geistige Elite (1919), die musikalische Elite (1922a), die Elite der Reiterinnen und Reiter (1932), die Elite von Wissenschaftlern und Technokraten (1961) zu nennen. Das Feld, auf dem die Referenten als die jeweils Besten anzusehen sind, wird übrigens meist als Adjektivattribut ausgedrückt (geistige, wissenschaftliche, musikalische Elite usw.), die größere Gruppe, aus der die Referenten als Elite hervorragen, erscheint oft als Genitivattribut bzw. präpositionales Attribut (Elite der Reiterinnen, von Wissenschaftlern).

Macht- und Standeseliten

Im 19. Jahrhundert steht das Wort auch für eine kleine Schicht sozial Privilegierter, etwa die Oberschicht einer Stadt bzw. eines Landstrichs (1848a, 1896) oder für den Hochadel (1840). Eine spezifische Leistung oder Fähigkeit, die jemanden für diese Art von Elite qualifiziert, ist in den einschlägigen Belegen nicht erkennbar. Hier kann man folglich von einer Standeselite sprechen, wobei Standeszugehörigkeit und Herrschaftsausübung gerade in der immer noch stark hierarchisch strukturierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts oftmals auf das Engste zusammengehören, so dass man sie nur schwer trennen kann (zur französischen Entsprechung zu dieser Verwendung s. TLFi, s. v. élitefrz). Dass die Standeselite durchaus nicht mit der Leistungselite zusammenfällt, wird gelegentlich auch von den Zeitgenossen kritisch angesprochen (1843). Dass eine solche – zutiefst bürgerliche – Kritik laut wird, ist zugleich aber auch Beleg dafür, dass es ein gewissermaßen übergreifendes Eliten-Ideal gibt: Wer zur Standes- und Machtelite gehört, soll dafür auch durch eine positive Eigenschaft, vorzugsweise durch Bildung, qualifiziert sein.

Für die weitgehend egalitäre Gesellschaft des 20. Jahrhundert spielt die Kategorie des Standes keine wesentliche Rolle mehr, und die Bedeutung der Standeseliten nimmt dementsprechend ab, auch wenn gelegentlich noch von der Elite der Gesellschaft als der Schicht mit dem höchsten Sozialprestige die Rede ist (1906, 1922b, 1926). Umso stärker profiliert sich im 20. Jahrhundert die Lesart ‚herrschende Schicht innerhalb einer Gesellschaft, eines Staates‘ (1907, 1939), d. h. die Lesart, die sich klar auf eine Machtelite bezieht. Damit entfernt sich das Wort auch von seiner ursprünglichen Bedeutung: Wenn Elite nun einfach die herrschende Klasse bezeichnet, tritt der Aspekt der Bestenauswahl, der fest zur Ausgangsbedeutung gehörte, zunehmend in den Hintergrund. Die Frage, warum jemand zur Machtelite gehört, ist damit nicht mehr relevant.

Die Wortgebräuche, die auf Machteliten referieren, sind oft an einem Attribut erkennbar, das den Herrschafts- oder Einflussbereich angibt (die agrarischen, politischen Eliten 1939, 1981, die Eliten Chinas) oder es ist schlicht von den herrschenden, führenden Eliten die Rede (1981). Vereinzelt ist die Bezugsgröße auch nicht die gesamte Gesellschaft, sondern eine etwas kleinere Gruppe, innerhalb der ein innerer Kreis die ‚tonangebende Gruppe‘ bildet (1921, im Beleg Elite mit Genitivattribut).

Die Eliten: Präferenz des Plurals

Auffällig ist, dass das Wort seit Ende der 1920er Jahre häufiger im Plural belegt ist (1929, 1939, 1973), und zwar zunächst offenbar in Fachtexten der Soziologie. Der Plural Eliten (ein sog. ‚Sortenplural‘) wird hier offenbar verwendet, um einen höheren Grad an interner Differenzierung innerhalb der führenden Gruppen in einer Gesellschaft auszudrücken. Damit steht eine Bezeichnung zur Verfügung, die neben den Herrschenden im engeren Sinne auch sämtliche anderen Personengruppen übergreifend benennen kann, die in irgendeiner Weise über Privilegien und Ressourcen verfügen (Macht, Bildung, Reichtum) und die sich dadurch von den Massen (1929) abheben. Eliten hat als soziologischer Begriff neben einer größeren Binnendifferenzierung den Vorteil, dass er weniger wertend und vor allem ideologisch neutraler als z. B. Oberschicht oder herrschende Klasse ist – er weckt unter Umständen sogar eher positive Assoziationen, wenn man an die ursprüngliche Bedeutung ‚Auslese‘ denkt.

Elite als Fahnenwort

In demokratischen Gesellschaften stehen Privilegierte und Privilegien unter Rechtfertigungsdruck. Dies spiegelt sich in öffentlichen Debatten darüber, welche Rolle Eliten einnehmen sollen, wie sie sich rekrutieren und wie ihr Verhältnis zur Mehrheit gestaltet sein soll. Fast schon stereotype Fragen wie Brauchen wir Eliten? (2003, 2018), Wieviel Elite brauchen wir? (2005b) bzw. Aussagen wie Deutschland braucht eine Elite (1993, 2005a) sind Indiz dafür, dass Elite vor allem im Bereich der Bildungspolitik bereits der Charakter eines Fahnenworts zukommt, da sich hieran gesellschaftliche und politische Positionen – für oder gegen Selektion in der Bildung, für oder gegen Exzellenzuniversitäten usw. – festmachen lassen (vgl. 1993, 2000, 2003). Ein Kennzeichen für den Wortgebrauch im Rahmen dieser Debatte scheint zu sein, dass die etablierten Bedeutungsunterschiede zwischen Leistungs- und Machtelite zugunsten eines diffusen Elitenbegriffs verwischt werden – Elite sind irgendwie alle, die über Wissen, Macht und Einfluss verfügen und sich dadurch von der Bevölkerungsmehrheit abheben.

In jüngster Zeit ist das Wort Elite auch in einem anderen Debattenkontext virulent geworden, und zwar im Zusammenhang mit der Populismusdebatte. Eliten werden hier als abgehoben, arrogant, nicht volksnah, ja als parasitär charakterisiert (z. B. 2008, 2013, 2016), eben als elitär. Das Wort Elite erfährt im Rahmen dieser Debatte zumindest im Ansatz eine Pejorisierung (wobei diese Debatte und die genannten negativen Charakterisierungen im Wesentlichen in Zeitungskorpora zu greifen sind; Elitenkritik erfolgt hier also nicht unmittelbar, sondern stellt eher eine Selbstreflexion der Elite dar). Auch in diesem Fall zeichnet sich der Wortgebrauch durch eine gewisse Unschärfe aus: Gegenstand der Kritik sind offenbar sämtliche Gruppen, die sich durch tatsächliche oder vermeintliche Privilegien von der (wie auch immer definierten) Allgemeinheit abheben; diese bildet gleichzeitig den positiven Bewertungsmaßstab.

Weitere Wortgebräuche

Jenseits der für das Feld Politik und Gesellschaft relevanten Hauptlinien hat das Wort auch einige weitere Verwendungsweisen ausgebildet, die freilich nur selten bezeugt sind. So tritt es in einem der frühesten Belege in der Bedeutung ‚Auswahl‘ auf, und zwar mit Bezug auf Bücher (1727). Gemeint ist an dieser Stelle offenbar schlicht eine Zusammenstellung empfehlenswerter juristischer Werke (vergleichbar ist hier eventuell 1858). Ferner tritt das Wort auch mit Bezug auf die Auswahl der besten Ergebnisse in der Tier- und Pflanzenzucht auf (²DWB 7, 1234–35). Dabei handelt es sich wohl um eine metaphorische Übertragung von der Domäne der Menschen auf andere Lebewesen.

Volker Harm

Literatur

  • DHLFDictionnaire historique de la langue française, par Alain Rey et al., 3. Aufl. Bd. 1–2. Paris 2000.
  • ²DWBDeutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Neubearbeitung. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (vormals Deutsche Akademie der Wissenschaften) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Bd. 1–9. Stuttgart 1983–2018.
  • TLFiTrésor de la language française informatisé (Trésor de la language française, sous la direction de Paul Imbs/George Quemada. Bd. 1–16, Paris 1972–1994). (atilf.fr)