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Wortgeschichte zu

Clanchef / Klanchef

Clankriminalität / Klankriminalität

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Das Kompositum Clanchef wurde bereits im 19. Jahrhundert in deutschen Texten verwendet, zunächst aber mit Bezug auf das schottisch-englische Äquivalent Clanchief. Der Soziologe Ferdinand Tönnies schließlich stellt die Weichen für die bis in die Gegenwart gebräuchliche Bedeutung Oberhaupt einer Großfamilie, bekannter wurde es aber erst ein Jahrhundert später. Mit zunehmender Clankriminalität erlangt Clanchef Ende des 20. Jahrhunderts in der Bedeutung Anführer eine besondere Aktualität.

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Wortgeschichte

Erste Belege in deutschen Texten

Das Kompositum Clanchef – selten Klanchef – ist bereits im 19. Jahrhundert in deutschen Texten belegt, zunächst noch mit Bezug auf die ClansWGd im historischen Schottland (1867, vgl. auch 1892 mit Bezug auf Irland). Selten wird anstelle von Clanchef das schottisch-englische Äquivalent Clanchief (1906) gebraucht. Parallel ist das Wort auch bei dem Soziologen Ferdinand Tönnies in dessen Hauptwerk Gemeinschaft und Gesellschaft zu finden. Hier wird es von seinem Ursprung gelöst und in die Nähe der Bedeutung Oberhaupt einer Großfamilie oder einer familienartigen Gemeinschaft gestellt (1887, ClanWGd). Der einschlägigen Bedeutung von Clan entsprechend bezeichnet es schon in einem Beleg aus dem Jahr 1890 den Anführer krimineller Banden (1890).

Clanchef im allgemeinen Sprachgebrauch

Die Wortverlaufskurve zu Clanchef und Clan-Chef zeigt einen Anstieg der Belegzahlen seit Ende des 20. Jahrhunderts und einen starken Anstieg seit etwa 2010 im DWDS Zeitungskorpus.

Abb. 1: Wortverlaufskurve zu „Clanchef“ und „Clan-Chef“

DWDS (dwds.de)

Gebräuchlicher wird Clanchef im Deutschen erst rund hundert Jahre später. So wird es seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vielfach in der Bedeutung Oberhaupt einer Großfamilie, die auch wirtschaftlich oder politisch tätig sein kann verwendet (1961, 1981, 2001, vgl. auch GroßfamilieWGd). Ende des Jahrhunderts nimmt die Wortgeschichte eine neue Wendung: Mit der Zunahme von organisierter Kriminalität – später auch Clankriminalität genannt (2010, 2020a) – werden die Anführer solcher organisierten Gruppierungen immer häufiger als Clanchefs bezeichnet. Die Belegzahlen zeigen besonders in jüngster Zeit einen deutlichen Anstieg (1998, 2008, 2020b, vgl. Abb. 1).

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2019: Clankriminalität wird erstmals definiert

Im Bundeslagebild Organisierte Kriminalität erfolgt im Berichtsjahr 2018 erstmals eine ausführliche Betrachtung zum Thema kriminelle Mitglieder ethnisch abgeschotteter Subkulturen (sog. Clankriminalität) […]. Bislang existiert keine bundesweit verbindliche Definition des Begriffs Clankriminalität. Für eine bessere Darstellung der Clankriminalität im Kontext Organisierter Kriminalität haben die Bundes- und Landesbehörden Zuordnungskriterien und Indikatoren für Clankriminalität erstellt, auf deren Grundlage die nachfolgend aufgeführten Ergebnisse beruhen. Die definitorischen Ansätze für Clankriminalität, die mitunter in vereinzelten Ländern bereits existieren, bleiben von den neu entwickelten Zuordnungskriterien und Indikatoren allerdings unberührt. [Bundeskriminalamt 2019, 28]
Ulrike Stöwer

Literatur

Bundeskriminalamt 2019 Organisierte Kriminalität. Bundeslagebild 2018, hrsg. vom Bundeskriminalamt. Wiesbaden 2019. (bmi.bund.de)

Belegauswahl

Diess Eigenthum war Eigenthum des Clans, der Chef oder „grosse Mann“ nur Titulareigenthümer als Repräsentant des Clans, wie die Königin von England Titulareigenthümerin des englischen Grund und Bodens ist. Diese Revolution, welche in Schottland nach der letzten Schilderhebung des Prätendenten begann, kann man in ihren ersten Phasen verfolgen bei Sir James Steuart [folgt die Anmerkung: „Steuart sagt: ‚Die Rente dieser Länder (er überträgt irrthümlich diese ökonomische Kategorie auf den Tribut der taskmen an den Clanchef) ist durchaus unbedeutend im Vergleich zu ihrem Umfang‘.“] und James Anderson.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Erster Band. Buch I: Der Produktionsprocess des Kapitals. Hamburg 1867, S. 714–715. (deutschestextarchiv.de)

[…]Nach Analogie des Hauses werden hier als die am meisten abgegrenzten Gestaltungen gemeinschaftlichen Besitzes und Genusses das Dorf und die Stadt betrachtet. Vor der Zweiheit von Haus und Dorf ist der Clan, und ist schon bezeichnet worden als Familie vor der Familie, ebenso aber, wenn auch in viel weniger deutlicher Ausprägung, als Dorf vor dem Dorfe begreifbar. Denn allerdings enthält er die Möglichkeiten beider Haupt-Formen in sich. Daher ist in ihm der patriarchalische Charakter (um hierin alle Würde zusammenzufassen, welche durch Erzeugung begründet ist) mit dem fraternalen (geschwisterlich-gleichen) vermischt. Und wie in der Haus-Gemeinde vorzugsweise der erstere, so kommt dieser am meisten in der Dorf-Gemeinde zur Geltung. Doch fehlt der brüderliche Geist so wenig dort, wie hier das väterliche Walten. Aber nur das letztere [väterliche Walten], wie es in einem Systeme von Dorfverfassungen mächtig bleibt, ist für die begriffliche Ansicht der Historie wichtig: nämlich als die Grundlage des Feudalismus. Als worin der Glaube an die natürliche Würde eines hervorragenden Hauses als des edlen, adlichen, sich erhält, auch wenn solches Glaubens Wurzeln absterben: die Ehrfurcht vor dem Alter und erhabener Abstammung, welche den Clan-Chef wirklicher oder eingebildeter Maassen mit dem gemeinsamen Ahnherren des ganzen Clans auf directeste Weise (in gerader und ungebrochener Linie) verbindet und also ihm eine göttliche Herkunft, folglich auch leicht göttliche Würde zu verbürgen scheint.

Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Abhandlung des Communismus und des Socialismus als empirischer Culturformen. Leipzig 1887, S. 36. (deutschestextarchiv.de)

Hier noch einige actenmäßig mir mitgetheilte Beiſpiele von dem Einfluſſe des Banditismus auf die Bevölkerung. Im Jahre 1885 erklärte der Bandit Poli den geſammten Landbriefträgerdienſt im Canton Prunelli „in vendetta“. Augenblicklich ſtellten die Poſtboten ihre Gänge ein. Erſt nach der Unſchädlichmachung des p. Poli, d. h. nach 5 Tagen, begann dieſer Dienſtzweig wieder zu functioniren. – Ein Duell ſollte (1886) vor den Thoren von Ajaccio ſtattfinden. Mehrere Banditen, die ihren Clan-Chef der Gefahr ausgeſetzt ſahen, einen Degenſtich in’s Herz zu bekommen, erſchienen auf dem Terrain und unterſagten den Zweikampf.

Schütte, Alexander: Das Banditenwesen auf Corsika. III. (Schluß). In: Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung 29. 3. 1890, S. 151. (books.google.de)

[Fußnote:] Zur vierten Auflage. Während einiger in Irland zugebrachten Tage iſt mir wieder friſch ins Bewußtſein getreten, wie ſehr das Landvolk dort noch in den Vorſtellungen der Gentilzeit lebt. Der Grundbeſitzer, deſſen Pächter der Bauer iſt, gilt dieſem noch immer als eine Art Clanchef, der den Boden im Intereſſe Aller zu verwalten hat, dem der Bauer Tribut in der Form von Pacht bezahlt, von dem er aber auch in Nothfällen Unterſtützung erhalten ſoll. Und ebenſo gilt jeder Wohlhabendere als verpflichtet zur Unterstützung ſeiner ärmeren Nachbarn, ſobald dieſe in Noth gerathen. Solche Hülfe iſt nicht Almoſen, ſie iſt das, was dem ärmeren vom reicheren Clangenoſſen oder Clanchef von Rechtswegen zukommt.

Engels, Friedrich: Der Ursprung der Familie, des Privateigenthums und des Staats. 5. Aufl. Stuttgart 1892, S. 135. (books.google.de)

Sir Randal erkannte, daß das Spiel aus war, und daß für einen Clanchief keine Existenzmöglichkeit mehr vorhanden war; er verwandelte sich in einen englischen Landlord und wurde als solcher Kolonisator […].

Bonn, Moritz Julius: Die englische Kolonisation in Irland. Bd. 1. Stuttgart/Berlin 1906, S. 277.

Bruder Bobby

Während man sich in Washington erzählte, Vater Kennedy wolle in der Nähe des Weißen Hauses eine Villa mieten, um den Sohn schneller beraten zu können, malte der Clan-Chef den politischen Ehrgeiz seiner neun Sprößlinge in den grellsten Farben aus.

N. N.: Bruder Bobby. In: Der Spiegel Nr. 1 (1961), S. 31.

Im kommenden September wird Clan-Chef Rudolf-August Oetker 65 Jahre alt und übergibt die Mach: [sic!] Jüngeren, unter anderem seinem 36jährigen Sohn August.

N. N.: Manager und Märkte. In: Die Zeit, 2. 1. 1981, Nr. 02. [DWDS] (zeit.de)

„Die Staatsanwaltschaft hat gegen den Libanesen ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung, versuchter Nötigung und wegen versuchter Anstiftung zur Falschaussage eingeleitet.“ Der einschlägig vorbestrafte Clan-Chef war Anfang September in einem Drogenprozeß von der 25. Strafkammer des Landgerichts Berlin verurteilt worden. In der Verhandlung hatte er gestanden, zweimal geholfen zu haben, Rauschgift nach Deutschland zu schmuggeln.

Helberg, Michael: Vorbestrafter libanesischer Rauschgifthändler wieder im Gefängnis. In: Berliner Zeitung, 6. 10. 1998. [DWDS]

Jedes Mal, wenn sie einen kleinen Seiltänzer zur Welt brachte, machte der alte Johann Traber seiner Frau ein Geschenk. Die Trabers sind eine Seiltänzerfamilie, und in Seiltänzerfamilien müssen die Clanchefs ihre Kinder aus der Obhut der Frauen auslösen. Sie müssen die Sorge der Mütter zudecken mit Kostbarkeiten.

Der Tagesspiegel, 3. 2. 2001. [DWDS]

Mehr als 15 Monate nach den Mafia-Morden von Duisburg ist jetzt ein ’Ndrangheta-Boss in Amsterdam festgenommen worden. Bei dem 35-jährigen Clanchef handele es sich um den seit über zehn Jahren gesuchten Giuseppe Nirta, der als mutmaßlicher Täter gilt. Nach dem auch „Charlie“ genannten Boss, auf den in Italien eine Haftstrafe von 14 Jahren und 8 Monaten wegen Drogenhandels wartet, war international gefahndet worden.

N. N.: Mutmaßlicher Duisburg-Täter gefasst. In: Die Zeit, 25. 11. 2008, Nr. 48. [DWDS] (zeit.de)

Etwas ratlos sind die Sicherheitsfachleute in der Berliner Politik angesichts der Kriminalität der arabischen Clans. Deren Straftaten gehören zur organisierten Kriminalität, doch das ist es nicht allein. Die Clans, die es nicht nur in Berlin gibt, leben nach ihren eigenen Regeln. Sie rekrutieren den kriminellen Nachwuchs aus der Großfamilie. Einzelfälle zeigen immer wieder, dass das Einzige, was sie mit dem deutschen Staat verbindet, der Bezug von Transferleistungen ist. Bodo Pfalzgraf von der Polizeigewerkschaft hat deshalb das Zusammenwirken vieler Behörden in einer „Taskforce“ angeregt – und damit auf ein Defizit in der Berliner Politik hingewiesen. Von Ideen zur Bekämpfung der Clan-Kriminalität war dort länger nichts zu hören.

Conrad, Andreas: Prinzip Galilei vernetzt gegen die Clans. In: Der Tagesspiegel online, 14. 11. 2010. (tagesspiegel.de)

Clankriminalität in Hameln

Der Tod des Mohamed S. und seine Folgen

Als ein Mitglied der Großfamilie S. aus dem siebten Stock des Hamelner Polizeigebäudes stürzt und stirbt, eskaliert die Gewalt. Auszug aus dem SPIEGEL-Buch „Die Macht der Clans“.

Heise, Thomas/Claas Meyer-Heuer: Der Tod des Mohamed S. und seine Folgen. In: Spiegel Plus (11. 11. 2020) (spiegel.de)

Die Beziehung zwischen dem Rapper und dem Clanchef ist kompliziert. Der Vorsitzende Richter gibt sich an diesem Mittwoch viel Mühe, sie zu ergründen. Von einer Art Zwangsehe mit Clanchef Arafat Abou-Chaker hatte Bushido an einem früheren Verhandlungstag gesprochen. Und davon, dass Abou-Chaker ihn als sein Eigentum betrachtet habe. Richter Martin Mrosk hat dazu nun ein paar Fragen. „Ich habe ein Verständnisproblem“, sagt er.

Ramm, Wiebke: „Dann wollen wir mal sehen, was du für ein Gangsta-Rapper bist“. In: Spiegel online 11. 11. 2020. (spiegel.de)