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Wortgeschichte zu

Provo

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Provo wird Mitte der 1960er Jahre mit der Bedeutung Anhänger einer in Amsterdam entstandenen antibürgerlichen Protestbewegung aus dem Niederländischen ins Deutsche entlehnt. Zunächst auf die Niederlande bezogen, wird es wenig später auch auf Vertreter der Subkultur außerhalb der Niederlande übertragen. Zu den wesentlichen Bedeutungsaspekten des Wortes gehört die gezielte Provokation. Seit Anfang der 1970er Jahre begegnet Provos in der Pluralform als Exotismus; Provos bezeichnet die Provisional Irish Republican Army bzw. für Kommandoeinheiten der Provisional IRA.

Wortgeschichte

Anhänger einer antibürgerlichen Protestbewegung

Das Substantiv Provo bezeichnet seit Mitte der 1960er Jahre Anhänger einer zunächst in Amsterdam gebildeten antibürgerlichen Protestbewegung, die dann auch europaweit Anhänger findet und sich durch provokantes Verhalten und Auftreten gegenüber Autoritäten und die Durchführung gewollt provozierender Aktionen auszeichnet. Das Wort geht auf das Niederländische zurück: Gebildet hat es 1965 der Kriminologe Buikhuisen in seiner Dissertation aus dem Wort provoceren als Ersatz für das Wort nozem, das eine den deutschen Halbstarken vergleichbare Sozialfigur bezeichnet (vgl. WNT Ergänzungen 4891-4892 ). Kurz darauf wurde provo von einer Gruppe Jugendlicher als Selbstbezeichnung übernommen (vgl. WNT Ergänzungen 5490–5491).

Erste Bezeugungen im Deutschen lassen die Wortprägung durch Buikhuisen noch erkennen (1965a, 1965b, 1965c). Kurze Zeit später wird Provo auch allgemein für Anhänger der in Amsterdam gebildeten antibürgerlichen Protestbewegung verwendet, zunächst weiterhin in Bezug auf die Niederlande (1966a, 1966c), wenig später auch auf Anhänger in weiteren europäischen Staaten (1967a, 1967b, 1967c, 1967d). Die Sozialfigur des Provos hat dabei Berührungspunkte zu anderen Sozialfiguren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wie etwa dem GammlerWGd oder dem HippieWGd (1967e, 1967g), insofern er der Mehrheitsgesellschaft gegenüber kritisch eingestellt ist (1969). Gleichwohl unterscheidet sich der Provo hinsichtlich der mit ihm verbundenen Konnotationen von anderen Sozialfiguren der Zeit: Der dominante Bedeutungsaspekt, der sich mit Provo verbindet, ist der der gezielten Provokation nicht nur in seinem Verhalten, sondern auch in politisch motivierten Aktionen (1965b, 1967d, 1966b).

Das Wort Provo scheint im Deutschen weniger verbreitet als andere Bezeichnungen für Sozialfiguren des 20. Jahrhunderts wie etwa Gammler oder Hippie. Gelegentlich begegnet im Deutschen auch die Wortbildung Provotariat (1967f), eine Kreuzungsbildung aus Provo und ProletariatWGd.

Provisional Irish Republican Army

Seit Anfang der 1970er Jahre ist in deutschsprachigen Texten Provos als Exotismus in einer neuen Bedeutung belegt: Das Wort kann sich nun auch auf die 1969 gegründete Provisional Irish Republican Army, einer Abspaltung von der älteren Irish Republican Army, beziehen (1972, 1981, 1989, 1995). Provo wird im Englischen aus prov- im Substantiv provisional sowie dem Suffix -o gebildet (vgl. 3OED unter Provo, n.3 and adj.) und bezeichnet hier entweder ein Mitglied der Provisional IRA oder einen Bezug auf die Provisional IRA. Im Deutschen begegnet das Wort in Bezug auf die IRA offenbar ausschließlich im Plural (1972, 1993).

Anna S. Brasch

Literatur

3OED Oxford English Dictionary. The Definite Record of the English Language. Kontinuierlich erweiterte digitale Ausgabe auf der Grundlage von: The Oxford English Dictionary. Second Edition, prepared by J. A. Simpson and E. S. C. Weiner, Oxford 1989, Bd. 1–20. (oed.com)

WNT Ergänzungen Woordenboek der Nederlandsche taal. Aanvullingen. Bd. 1–3. ’s-Gravenhage 2001.

Weitere wortgeschichtliche Literatur zu Provo.

Belegauswahl

„Mein Interesse für die Provos“, wie Buikhuisen die zum Provozieren neigenden Jugendlichen kurz nennt, „ist nicht vom üppigen Haarwuchs oder der ungewöhnlichen Kleidung angeregt worden, sondern von eigentümlichen gesellschaftlichen Gepflogenheiten.“

Die Zeit, 11. 6. 1965, Nr. 24. [DWDS] (zeit.de)

Wim Buikhuisens Urteil über eine bestimmte Gruppe von jungen Leuten, der er wegen ihrer Lust zu provozierenProvos“ nennt.

Die Zeit, 11. 6. 1965, Nr. 24. [DWDS] (zeit.de)

Buikhuisen spielte Provo mit den Provos, er begab sich zwischen seine lärmenden Studienobjekte. Er ließ sich die Haare bis auf die Schulter wachsen, zog sich schlampig an und schloß sich jugendlichen Gruppen an.

Die Zeit, 11. 6. 1965, Nr. 24. [DWDS] (zeit.de)

Es begann zwar mit einer Demonstration der Bauarbeiter, die sich um ihr Urlaubsgeld betrogen fühlten, aber alsbald hatten sich die bärtigen und langhaarigen „Halbstarken“, die sogenannten Provos, die Straße erobert.

Die Zeit, 24. 6. 1966, Nr. 26. [DWDS] (zeit.de)

Ihre erste größere „Provokation“ erregte Schlagzeilen, als der deutsche Claus von Arnsberg die holländische Kronprinzessin Beatrix ehelichte und sich mit ihr in einer goldenen Karosse den Amsterdamern zeigte. Damals bewarfen die Provos sie mit abgezählten zwölf Eiern und einigen Tomaten. Es war dies jedoch kein Akt von Deutschfeindlichkeit – das „Provotariat“ ist international –, sondern eher eine Demonstration gegen die Monarchie, die ihre Glaubwürdigkeit den Provos nicht überzeugend beweisen kann.

Die Zeit, 1. 7. 1966, (zeit.de)

Amsterdams Polizisten warten auf die Provos.

Die Zeit, 1. 7. 1966, (zeit.de)

Es gehört Phantasie dazu, im AStA-Vorsitzenden der Kölner Universität, Klaus Laepple, einen Revolutionär zu sehen, einen Volkstribun der Alma mater, einen für dunkle oppositionelle Ziele agierenden akademischen „Provo“ – aber da der 26jährige Volkswirtschaftsstudent CDU-Mitglied ist, scheint einigen regierenden SPD-Stadtvätern und Behörden dieses Bild dennoch nicht gar so abwegig.

Die Zeit, 6. 1. 1967, Nr. 01. [DWDS] (zeit.de)

Und im Gegensatz zum Gammler braucht ein Provo – so der deutsche Provo-Führer Ernst – „keine langen Haare zu haben und nicht ungewaschen zu sein“.

Der Spiegel, 20. 3. 1967, S. 100. [IDS]

Zunächst begnügte er sich mit der Formulierung dessen, wogegen ein guter deutscher Provo zu sein habe: „gegen das Grundgesetz“, gegen das „kapitalistische Wirtschaftssystem“, gegen die „Konsum.-Gesellschaft“ und gegen „die Polizei“.

Der Spiegel, 20. 3. 1967, S. 100. [IDS]

Die Rauchbomben, die Amsterdamer Provos ihrer Kronprinzessin vor die Hochzeitskutsche warfen, haben Kopenhagens langmähnige Unruhestifter nicht ruhen lassen. Zur Vermählung der Kronprinzessin Margarethe mit Graf Henri de Monpezat am 10. Juni planen die dänischen Provos einen Riesenspaß.

Die Zeit, 2. 6. 1967, Nr. 22. [DWDS] (zeit.de)

Jedermann weiß, daß Gammler, Provos und Klamauk-Studenten speziell in Berlin sich seit Monaten zur Landplage entwickelten –

Die Zeit, 23. 6. 1967, Nr. 25. [DWDS] (zeit.de)

Hans Tuynman: „Ich bin ein Provo“, Autor Tuynman, 25, Titelhalter des Zellensitzrekords aus dem Amsterdamer Straßenprovotariat, berichtet über das Rauchbombardement zur Beatrix-Hochzeit, über Gammler-Brauche und Anarchisten-Gespräche.

Der Spiegel, 28. 8. 1967, S. 111. [IDS]

Das „revolutionäre Potential“ ist in Nürnberg klein genug – nach Blomes Schätzung rund 300 Provos, Gammler, Oberschüler, Hippies, Kriegsdienstverweigerer, Arbeiter und Linksintellektuelle.

Die Zeit, 15. 12. 1967, Nr. 50. [DWDS] (zeit.de)

Die Universität Amsterdam hat für ihre Bibliothek das Archiv der Provos erstanden – jener Jugendlichen, die einmal die Avantgarde der Rebellion gegen das europäische Establishment waren und es schafften, einen Stadtrat für Amsterdam zu stellen.

Die Zeit, 21. 2. 1969, Nr. 08. [DWDS] (zeit.de)

Ein Auslieferungsabkommen zwischen Dublin und London existiert nicht. Die neuesten Steckbriefe der prominenten „Provos“, die Scotland Yard aus Irland geschickt bekam, dienen lediglich der Identifizierung, nicht der Amtshilfe bei Festnahmen. Dies ist das den Juristen geläufige Schlupfloch, das sich den Mitgliedern der irischen Untergrundorganisation bietet, seit die Regierung Lynch der Republik Irland das Aburteilen der IRA erleichtert hat.

Die Zeit, 8. 12. 1972, Nr. 49. [DWDS] (zeit.de)

Der Wahlsieg des Bobby Sands war der größte Sieg der IRA, seit sie sich (nach dem Provisional Government der Republik von 1916) Provisional Irish Republican Army, kurz Provos, nennt.

Die Zeit, 8. 5. 1981, Nr. 20. [DWDS] (zeit.de)

Vor fünfzehn Jahren kappten die Provos – die Kombattanten der IRA – hier mit zwei Sprengladungen die Überlandleitung von der Republik Irland in den Norden.

Die Zeit, 11. 8. 1989, Nr. 33. [DWDS] (zeit.de)

Sie begreifen nicht, daß die „Provos“ der IRA, die das britische Festland mit Terror überzogen, die Bomben in englischen Einkaufszentren und in Londons Innenstadt gelegt haben, jetzt „hofiert“ werden, während sie selbst draußen in der Kälte stehen.

Die Zeit, 3. 12. 1993, Nr. 49. [DWDS] (zeit.de)

In der Ardoyne wie in anderen katholischen Hochburgen hat die IRA die Funktion der Staatsgewalt usurpiert. Ihre Kommando-Einheiten, „Provos“ genannt, sind Polizei und Justiz zugleich.

Die Zeit, 12. 5. 1995, Nr. 20. [DWDS] (zeit.de)