Wortgeschichte
Ein Wort der Geisteswissenschaften
Das Kompositum Epochenbruch ist zuerst 1930 im Zeitungsfeuilleton belegt. Es bezieht sich hier auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die als tiefer Einschnitt empfunden wird, welcher zudem mit einem Generationenbruch zwischen älteren und jüngeren Kriegsteilnehmern einhergehe. Nach einer Überlieferungsslücke setzt in den 1960 Jahren wieder eine zunächst freilich sporadisch bleibende Bezeugung ein. Das Wort steht nunmehr für tiefgreifende Einschnitte zwischen größeren (geistes-)geschichtlichen Zeiträumen, etwa Antike und Mittelalter bzw. Mittelalter und Neuzeit (1966, 1987, 2000b). Die jeweiligen historischen Wendepunkte werden dabei auch durch ein Genitivattribut näher bestimmt: Epochenbruch des Holocaust (2005), Epochenbruch des Ersten Weltkriegs (2008).
Während das Bestimmungswort Epoche seit dem 18. Jahrhundert in der einschlägigen Bedeutung (geschichtlicher) Zeitabschnitt
nachgewiesen werden kann, ist das Grundwort Bruch in der Bedeutung Einschnitt, Umschwung, Veränderung (in einer Abfolge usw.)
bereits seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert in Gebrauch (vgl. 2DWB 5, 589 und 2DWB 8, 1568). Beide Wortbestandteile können somit auf eine längere eigenständige Geschichte zurückblicken.
Von der Wende 1989/90 bis zu Trump
Seit Mitte der 1990er Jahre ist Epochenbruch auch über die Geisteswissenschaften hinaus verbreitet. Zugleich findet sowohl eine Politisierung als auch eine Aktualisierung des Wortgebrauchs statt, und zwar insofern, als das Wort nicht mehr nur auf weit zurückliegende Ereignisse, sondern auf zeitgeschichtliche und zeitgenössische Umwälzungen angewandt wird. Konkret wird zunächst vor allem das Ende des Kalten Krieges sowie die Wendezeit 1989/1990, die zum Untergang der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung führte, als Epochenbruch bezeichnet. Dies geschieht allerdings erst im Abstand von rund fünf Jahren nach den betreffenden Ereignissen (zuerst 1994, dann auch 1995, 1998, 2000a; vgl. WendeWGd).
Um die Jahrtausendwende ändern sich die Bezugsgrößen des Wortes noch einmal. Im Vordergrund stehen nunmehr weltumspannende politisch-ökonomische Umwälzungen der Gegenwart wie Globalisierung (2003, 2019) oder Digitalisierung (2020). Epochenbruch wird damit auch nicht im Rückblick verwendet, wie noch in der Bezugnahme auf die Wende 1989/90, sondern als Gegenwartsdiagnose. In jüngerer Zeit wird Epochenbruch vorwiegend mit folgenreichen politischen Entwicklungen und Ereignissen wie dem Krieg Russlands gegen die Ukraine, der Neuordnung der politischen und ökonomischen Kräfteverhältnisse nach der zweiten Amtszeit Donald Trumps oder auch den ökonomischen und sozialen Folgen von Künstlicher Intelligenz in Verbindung gebracht (2022, 2026).
Epochenbruch und Zeitenwende: Plesionymie
In der jüngsten Wortgeschichte tritt Epochenbruch als inhaltliche Steigerung zu dem ansonsten weitgehend gleichbedeutenden Kompositum ZeitenwendeWGd in Erscheinung (Zeitenwende, ja Epochenbruch im Beleg 2021, nicht nur Zeitenwende, sondern Epochenbruch im Beleg 2022). Dass Epochenbruch gegenüber Zeitenwende als stärkerer Ausdruck wahrgenommen wird, ist auf die Motivationsbedeutung zurückzuführen, die in den jeweiligen Bestimmungswörtern enthalten ist. Wende drückt die Änderung einer Richtung aus, die durch eine reale oder eine gedachte Bewegung eingeschlagen wird; es liegt implizit also eine Wende wohin
vor. Bruch versprachlicht indes nicht die Richtungsänderung einer ansonsten kontinuierlichen Bewegung, sondern das Ende von etwas; diesem Ende folgt ein unbestimmt bleibender Neuanfang. Das Moment des Diskontinuierlichen, Abrupten, Disruptiven kommt damit im Wort Epochenbruch in besonderer Weise zum Ausdruck.
Epochenbruch in unspezifischer Verwendung
Gegenüber den auf große geschichtliche Umbrüche zielenden Gebräuchen ist auch eine Reihe von Verwendungen zu finden, in denen das Wort radikale Änderung, Entwicklungssprung
bedeutet und damit eine vergleichsweise unspezifische Lesart angenommen hat. So kann etwa allgemein im Plural von mehreren Epochenbrüchen in der Gegenwart (2007) die Rede sein; es kann aber auch ein einschneidender Wandel auf einem bestimmten Sachgebiet gemeint sein. In diesem Fall steht Epochenbruch teils mit einem Attribut, das den von der Umwälzung betroffenen Bereich näher bestimmt: Epochenbruch im Klavierbau (1997), Epochenbruch in der Mainzer Fernsehfastnacht (2008), Epochenbruch der Energieversorgung (2011). Diese Gebrauchsweise kann als Resultat einer Bedeutungsverallgemeinerung beschrieben werden.
Literatur
2DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Neubearbeitung. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (vormals Deutsche Akademie der Wissenschaften) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Bd. 1–9. Stuttgart 1983–2018. (woerterbuchnetz.de)
Belegauswahl
Thüringer Allgemeine Zeitung, 12. 12. 1930, S. 3.Die Meinung dieser heute Dreißigjährigen [Kriegsteilnehmer] ist wichtig, sie haben auf Grund ihres Erlebnisses ein Recht, gehört zu werden, auch wenn ihre Meinung nicht der unseren entspricht, denn mitten in unserem Epochenbruch gibt es noch einen Generationenbruch von unabsehbarer Tragweite. […]Man versuche es einmal, sich als Vierzigjähriger mit einem Zwanzigjährigen zu unterhalten, das Ergebnis ist null, wir sprechen wohl die gleiche Sprache, aber wir verstehen uns im tiefsten Grunde nicht.
Blumenberg, Hans: Die Legitimität der Neuzeit. Frankfurt a. M. 1966, S. 101.Hinzu kommt […] die Verengung des Ausschnittes historischer Thematisierung auf die ‚großen Jahrhunderte‘, auf die stabile Substanz der ‚klassischen‘ Formation […]. Bei diesem Verfahren, das sich dem Blick von Hochformation auf Hochformation hingab, blieb freilich der Epochenbruch [zwischen Antike und Mittelalter] unverständlich und nahm den Charakter der reinen Katastrophe oder der reinen Willkür an.
Frank, Manfred: Ein Grundelement der historischen Analyse: die Diskontinuität. Die Epochenwende von 1775 in Foucaults „Archäologie“. In: Reinhart Koselleck/Reinhart Herzog (Hrsg.): Epochenschwelle und Epochenbewußtsein. München 1987, S. 97–130; hier S. 117.Meine Fragerichtung ist: reicht der von Foucault erstellte Merkmalskatalog des historischen Wissens hin, die These vom Epochenbruch um 1775 zu erhärten?
Berliner Zeitung, 18. 3. 1994. [DWDS]Wovon sie [Christa Wolf] im „Weg nach Tabou“ redet, ist der Epochenbruch des Jahres ’89, in dem der reale Sozialismus erst in Deutschland und dann in ganz Europa an sein Ende gelangte.
Plenarprotokoll vom 12. 10. 1995. In: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 13/61, S. 5079. [DWDS] (bundestag.de)Die Deutschen sind mit ihren staatlichen Möglichkeiten selten so verantwortungsbewußt umgegangen wie bei der Vereinigung am 3. Oktober 1990. Wenn wir an diesem fünften Jahrestag zurückdenken, dann denken wir an einen Epochenbruch, aber auch daran, daß jene Anerkennung verdient haben, die entscheidend zum ersehnten Ziel der deutschen Vereinigung beigetragen haben.
Berliner Zeitung, 20. 6. 1997. [DWDS]Aber der hatte wenigstens als Kind noch auf Elfenbein geübt und im Alter soviel Musikalität gespeichert, daß er seinen Chopin zur Not auch auf dem Kamm blasen konnte. Spätestens seit dem mühseligen Gefingere des Pianisten David Helfgott zeigt dieser verhängnisvolle Epochenbruch im Klavierbau [Wechsel von Elfenbein- auf Kunststofftasten] seinen wahren Schrecken.
Basler Zeitung, 28. 2. 1998. [DWDS][Als] Béguin 1948 den Blick auf die Nachkriegszeit öffnete und Pilet 1991 das Sensorium für den Epochenbruch nach dem Kalten Krieg verlieh.
Die Zeit, 13. 4. 2000, S. 2. [DWDS]Wieder einmal sind die Erwartungen groß, endlich werde sich auch die koreanische Halbinsel, zehn Jahre nach dem Epochenbruch in Europa, aus der Angst- und Hassstarre lösen.
Berliner Zeitung, 15. 12. 2000. [DWDS]Der Epochenbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit, der Frühmoderne, ist eine spezifisch europäische Errungenschaft.
Saarbrücker Zeitung, 13. 3. 2003. [DWDS]Denn langsam fügen sich die Beschäftigungskrise und alle von ihr ausgehenden Verwerfungen zu einem Epochenbruch, der mit dem Schlagwort Globalisierung eher verharmlosend gekennzeichnet ist.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26. 10. 2005. [DWDS]Adorno hat die Zäsur von 1755 mit dem Epochenbruch des Holocaust verglichen, jedenfalls verblassen neben der geistesgeschichtlichen Bedeutung des Erdbebens von Lissabon alle Naturkatastrophen seither.
Köhler, Horst: 50 Jahre Stiftung Preußischer Kulturbesitz – Grußwort von Bundespräsident Horst Köhler beim Festakt im Konzerthaus Berlin, 7. 9. 2007. [DWDS] (bundespraesident.de)Die Aufmerksamkeit für alte und für fremde Kulturen, die Anschauung der Ausdrucksmittel verschiedener Epochen und Regionen: all das kann sensibel machen auch für die Epochenbrüche der Gegenwart, für die Vorboten kultureller und damit auch gesellschaftlicher Umwälzungen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 4. 2. 2008. [DWDS]Ob es 2008 tatsächlich zum Epochenbruch in der Mainzer Fernsehfastnacht kommt, wie manche mutmaßen?
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14. 6. 2011. [DWDS]Die Befürworter der Atomenergie verbauen sich selbst den Weg in die Zukunftsmärkte, sie investieren auch nicht in „alternative“ Ausbildungen und Forschungsinstitute. Die Situation am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts ist vergleichbar mit anderen Epochenbrüchen der Energieversorgung.
Der Spiegel, 7. 12. 2019. [DWDS]Koppetsch analysiert die AfD als emotionale Reaktion auf einen unbewältigten Epochenbruch: die Globalisierung der Wirtschaft und der Wissenschaft, der Kultur und der Kommunikation.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. 11. 2020. [DWDS]Kommunen sind zudem abhängig von der Gewerbesteuer und werden deshalb im Abschwung weniger Geld zur Verfügung haben. Den Schulen drohen also weitere Kürzungen – und das mitten in der Digitalisierung, einem Epochenbruch, der ohne Bildung nicht bewältigt werden wird.
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27. 6. 2021. [DWDS]In den Tagen zuvor hatten also Spitzendenker wie Johann Lafer, Matthias Horx oder der Schlagersänger Thomas Anders „Impulsvorträge“ gehalten, und Joschka Fischer hatte, seiner weitumfänglichen Bedeutung angemessen, von der postpandemischen „Zeitenwende“, ja dem „Epochenbruch“ gesprochen, und den eigentlichen Beginn des 21. Jahrhunderts auf das Jetzt und Heute datiert – so wie das 20. Jahrhundert ja auch erst 1914 mit dem Ersten Weltkrieg begann.
Neue Osnabrücker Zeitung, 7. 10. 2022. [DWDS]Krieg gegen die Ukraine ein „Epochenbruch“ Der macht klar, dass Russlands Krieg gegen die Ukraine nicht nur eine „Zeitenwende“, sondern einen Epochenbruch markiere.
Reutlinger General-Anzeiger, 8. 1. 2026. [DWDS]Holger Stark analysiert, warum das, wofür Trump steht, keine flüchtige Momentaufnahme ist, sondern ein Epochenbruch.