Wortgeschichte
Metaphorische Verwendungen
Das Verb spalten ist seit dem Althochdeutschen bezeugt. Seine über Jahrhunderte konstante Hauptbedeutung ist etwas (mit Hilfe eines Werkzeugs) in zwei Teile trennen, zerteilen
(auch reflexiv sich spalten in zwei Teile zerfallen
(vgl. 1DWB unter spalten). Das Verb findet sich aber auch in verschiedenen metaphorischen Übertragungen, besonders auch auf gesellschaftlich-politische Verhältnisse. So wird bereits im Frühneuhochdeutschen die Ausbildung politischer oder religiöser Gegensätze innerhalb eines sozialen Gebildes (z. B. einer Stadt, einer Gemeinde) mit dem Verb spalten bezeichnet (vgl. 1499, 1522a, 1584a). Als Bedeutung ist anzugeben eine Gruppe von Menschen in zwei entgegengesetzte Lager, Positionen teilen; Uneinigkeit innerhalb einer Gruppe bewirken
. Ebenfalls seit dem Frühneuhochdeutschen gibt es auch die Zustandsbeschreibung gespalten sein im Sinne von entgegengesetzte Positionen vertreten, in entgegengesetzte Lager geteilt, uneins sein
(1584b, 1999). Gegenüber dem semantisch tendenziell eher neutralen trennen ist spalten in dieser Bedeutung insofern schon sehr früh als Stigmawort anzusehen, als der hierdurch erreichte Zustand stets als negativ bewertet wird. Im Ergebnis der metaphorischen Übertragung von der konkreten Handlung des Zerteilens auf soziale Gegebenheiten liegt somit eine Bedeutungsverschlechterung vor.
Von der Glaubensspaltung zur sozialen Spaltung
Das vom Verb abgeleitete Spaltung kann bereits seit dem 16. Jahrhundert einen Zustand der Uneinigkeit, des Geteiltseins einer Gruppe
ausdrücken. Dies tritt am deutlichsten in der Bezugnahme auf religiöse bzw. konfessionelle Uneinigkeit zu Tage (vgl. 1522b mit Bezug auf die Differenzen innerhalb einer frühchristlichen Gemeinde und als Übersetzung von altgriechisch schísmata, dann auch z. B. 1650). Die Spaltung der christlichen Kirche vor allem im Gefolge der Reformation wird dabei stark negativ perspektiviert (vgl. 1578, 1580, 1649). Aber auch ohne direkten Bezug auf Religion und Kirche erscheint das Wort in der Bedeutung Zustand der Uneinigkeit innerhalb einer Gruppe
(1677).
Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ist die Verbindung politische Spaltung bezeugt (1795, 1869). Auch soziale bzw. gesellschaftliche Spaltung wird seit Mitte des 19. Jahrhundert explizit als Problem benannt (1851, 1853, 1904, 2017), daneben jünger Spaltung in Arm und Reich u. ä. (1977, 1990, 2023). Als Zustandsbeschreibung und in Bezug auf abstrakte Sachverhalte drückt Spaltung durchgehend eine negative Wertung aus. Wird der Grad der Spaltung charakterisiert, so geschieht dies typischerweise über Attribute wie tief oder auch zunehmend (vgl. 1827, 1990, 1999 bzw. 1854, 2005). Insgesamt handelt es sich um ein Stigmawort mit negativer Deontik: Spaltung ist schlecht und sie muss deshalb überwunden werden.
Konzeptuelle Metapher
Die metaphorische Übertragung des Verbs bzw. der Ableitung von einer Ausgangsbedeutung in Teile trennen, zerteilen
zu eine Gruppe von Menschen in zwei entgegengesetzte Lager teilen
steht auf der Grundlage eines elementaren Vergleichsmusters – einer sogenannten konzeptuellen Metapher. Dieses Muster kann angegeben werden als das Ganze ist gut, Einzelnes ist schlecht
. Es kommt z. B. auch in der Semantik von Verben wie brechen, gebrochen (den Willen brechen, eine gebrochene Persönlichkeit) oder heilen (zu heil im Sinne von ganz
) zum Tragen. Auch die Antonyme ZusammenhaltWGd bzw. zusammenhaltenWGd, die entsprechend mit positiven Wertungen einhergehen, belegen die Gültigkeit dieses metaphorischen Musters.
Literatur
1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)
Belegauswahl
Die Chroniken der deutschen Städte vom 14. bis ins 16. Jahrhundert. Bd. 13: Cöln. Zweiter Band. Leipzig 1876, S. 563 (vgl. ¹DWB Bd. 16, Sp. 1857).dairumb quam si [die Stadt Köln] kurtz in vil kummers […]leids ind ungemachs, ind alles durch unrecht gewalt der oversten ind dairnae durch uneinicheit der oversten mit der gemeinden: want do si sich spielden ind deilden und mit dem bischof ein verbunt machten weder die […]mechtigen ind oversten van der stat, do gingen si beide under.
Luther, Martin: Das Newe Testament Deutzsch. [Septembertestament.] Wittenberg 1522, Bl. R i r. (deutschestextarchiv.de)Die vnglewbigen Juden aber […]erweckten vñ entruſten die ſeelen der heydẽ widder die bꝛuder/ So hattẽ ſie nu yhꝛ weſen daſelbs eyn lange zeyt/ handelten freydig yñ dem herrn/ wilcher betzeugete das woꝛt ſeyner gnade/ […]vnd lies zeychen vnd wunder geſchehen durch yhre hende/ die menge aber der ſtad ſpaltet ſich/ ettlich hieltens mit den Juden/ vnd ettlich mit den Apoſteln.
Luther, Martin: Das Newe Testament Deutzsch. [Septembertestament.] Wittenberg 1522, Bl. c v r (1. Korinther 11, 18). (deutschestextarchiv.de)wenn yhr zuſamen komet ynn der gemeyne/ hoꝛe ich/ es ſeyen ſpaltung vnter euch […]/ vnd zum teyl glewbe ichs/ Deñ es muſſen ſpaltung vnter euch ſeyn/ auff das die/ ſo bewerd ſind/ offinbar vnter euch werden.
Hesshus, Tilemann: Bekandtnus Von der Formula Concordiae, Wieder das Gottlos und lesterlich gedicht des falschen Brieffs. Heinrichstadt 1578, Bl. A iij v. (deutschestextarchiv.de)Auch das ich […]/ souiel an mir ist / das heilsame / […]hochnötige / Christliche werck der einigkeit […]/ nicht allein mit meinem Gebet zu Gott / sondern auch mit meinem Consensu / vermanung vnd anhalten helffe befürdern / wie ein jeder Christ […]/ vermöge seines Beruffs / vnd souiel jme müglich ist / die einigkeit in der Christenheit zubefürdern / den Corruptelen vnd spaltungen aber zuwehren / für Gott schüldig ist.
Magirus, Johannes: Gründliche Widerlegung des unwahrhafftigen zwinglischen Buches, wölches Magister Ambrosius Vuolfius under dem Tittel (Historia der Augspurgischen Confession/ ꝛc.) in öffentlichem Truck außgehen lassen. Tübingen 1580, Bl. ):( 2 v. (deutschestextarchiv.de)Also auch zu diser letsten zeit […]/ nachdem der gnedige vnd Barmhertzige Gott / auß vberschwencklicher vnd vnaußsprechlicher Gnad vnd Gütte / das helle Liecht seines heilsamen Worts / widerumb angezündet / vnd an Tag / wider die dicke langwirige / greiffliche Fünsternus des Antichristischen Papstumbs / gebracht / hat er [der Teufel] nichts vnderlassen / sonder […]mit allem ernst / vnnd fleiß dahin gearbeittet / vil vnd mancherley Rotten / vnnd Secten […]/ als der Widertäuffer / vnd anderer mehr / sonderlich aber die Sacramentierer / den Carolstad / Zwingle / Oecolampad / Caluinum, Petrum Martyrem, Bezam, vnnd jhre Gehülffen / erwecket / wölche nicht allein ein wüste trennung vnd spaltung / in der Kirchen Gottes gemachet […]/ den lauff des H. Euangelij verhindert / sonder auch das Testament vnsers einigen Heilandts […]vnd Seligmachers Jesu Christi mit jhrer Deutteley verfelschet
Kirchner, Timotheus: Gründliche warhafftige Historia: Von der Augspurgischen Confession wie die Anno 1530 geschrieben […]. Leipzig 1584, S. 51. (deutschestextarchiv.de)Als / wer ersauffen sol / der ersauffe in einem bach oder mitten im strom / so ist er ersoffen. Also sage ich von diesen Geistern / wenn sie das wort fallen lassen / so laß sie jmmer gleuben vnd sich spalten / wie lange sie wollen […]/ wie bereit geschehen ist / das sechs oder sieben Secten auffgestanden sind vber dem Sacrament / doch alle indem wahn / das nicht Christus leib vnd blut da sey.
Kirchner, Timotheus: Das die zwey vnd vierzig anhaltische Argument/ wider der Vbiquisten Trewme/ noch fest stehen. Zerbst 1584, S. 6. (deutschestextarchiv.de)Darauff wir zur antwort geben / Erstlich / das wir jnen nicht gönnen / das sie die sach mehr nach den personen / deñ nach der warheit vrteiln […]/ weil sie die Regel Tertulliani solten bedacht haben: Veritas non ex personis, sed personae ex veritate iudicari debent. Nach welcher meinung auch Plato der weise Heid / sehr vernünfftig / vnd wol geredet hat: Omninò enim, non quis dixerit, sed quàm rectè dicatur, considerandum est. Zum andern / nemen sie jr selber nicht wol in acht / dieweil sie hiemit jre affect verrathen / das sie nemlich die Leut gern vberreden wolten / die Theologen im Fürstenthumb Anhalt weren gespalten […]/ vnd mangelte an etlich wenigen / die es hinderten / da sonsten die andern alle zu jnen tretten würden / etc.
N. N.: Friedens-Schluß / So von der Römischen Käyserlichen / Vnd Aller-Christl. Königl. Mayst. […] in Westphalen / am 24/14. Octobris Im Jahr 1648. in offentlicher Versamblung vnderschrieben vnd bekräfftiget […]. Mäyntz/Franckfurt 1649, S. 1. (deutschestextarchiv.de)Nachdem die im Heyl. Röm. Reich / von vielen Jahren hero entstandene Spaltungen / vnd innerliche Kriege / so weit eingerissen / daß sie nicht nur gantz Teutschland / sondern auch etliche benachbarte Königreiche / […]bevorab Franckreich / an den Reyhen gezogen / daß dannenhero ein langwährender […]vnd starck eingerissener Krieg entstanden.
Wartmann, Sigismund Friedrich: Germaniae Pertvrbatae et Restavratae sive Vnpartheyischer wolmeynender Theologo-Politicorum Discvrsvm Ander vnd dritter Theil. Franckfurt 1650, S. 20. (deutschestextarchiv.de)Jn den Concilien weren die Glaubensbekanntnuſſen gemacht/ die Ketzereyen verdampt/ die Sitten verbeſſert/ die Nationen in der Chriſtenheit vereinet/ Volck außgeſchickt das heilige Land einzunehmen/ Koͤnige vnd Keyſer abgeſetzt/ vnd die Spaltungen in der Kirchen auffgehoben worden.
Butschky, Samuel von: Pathmos. Leipzig 1676, S. 887. (digitale-sammlungen.de)Zum Exempel sey die Schwirigkeit/ Uneinigkeit und Spaltungen/ wozu manche Völcker und Länder sehr geneigt seyn.
Schulz, Friedrich: Reise eines Liefländers […]. Bd. 2, Drittes Heft. Berlin 1795, S. 100. (deutschestextarchiv.de)Politiſcher Charakter der Polen. Kaͤuflichkeit. Jahrgelder von auswaͤrtigen Maͤchten. Politiſche Spaltungen in Familien. Gleichguͤltige Staatsbuͤrger.
Spindler, Carl: Der Jude. Bd. 1. Stuttgart 1827, S. 132.Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zählte, statt Eines Statthalters Christi, ihrer Dreie, die einander, von feindlichen Parteien erwählt, erbittert gegenüber standen
Die Grenzboten 10/4/2 (1851), S. 368. (deutschestextarchiv.de)Die locale Presse bemächtigte sich gereimt und ungereimt des Gegenstandes, es drohte eine gesellschaftliche Spaltung, die ganze Leidenschaftlichkeit der getrennten Bekenntnißverwandten wurde erregt, und der Anfangs dem Vorurtheil zu trotzen geneigte Pastor war am Ende ganz froh, eine passende Gelegenheit zu finden, sich mit einigem Anstande aus der Affaire zu ziehen.
Die Grenzboten 12/2/1 (1853), S. 112. (deutschestextarchiv.de)Die Kluft zwischen beiden Parteien wird dadurch noch größer, daß sich auch in Tessin der […]jetzt fast über die gesammte Schweiz verbreitete Gegensatz der ländlichen und der städtischen Bevölkerungen in den Cantonen in dem Gegensatz der politischen Principien einstellt, obwol grade in Tessin diese sociale Spaltung wenigstens vergleichweise geringer ist […]oder vielmehr die Bedeutung wie anderwärts gar nicht erlangen kann.
Weber, Georg: Lehrbuch der Weltgeschichte. Bd. 2. 6., verb. und bis auf die Gegenwart fortgef. Aufl. Leipzig 1854, S. 599. [DWDS] (gei.de)Diese zunehmende Spaltung lähmte die parlamentarische Lebenskraft und hinderte Beschlüsse, die durch ihre Einmüthigkeit oder überwiegende Majorität Eindruck gemacht hätten.
Der neue Pitaval 4 (Neue Serie) (1869), S. 30. [DWDS] (digitale-sammlungen.de)Religiöse und sociale Streitigkeiten, die politischen Spaltungen der Gesellschaft trüben das Antlitz, verunstalten die Schönheiten des Landes.
Die Grenzboten 63/1 (1904), S. 199. (deutschestextarchiv.de)[…]Schon zweimal hat Deutschland, dank dem Weitblick des Kaisers, in die ostasiatische Frage eingegriffen, das erstemal diplomatisch, das zweitemal militärisch; aber es vermochte das nur, weil alle Mächte hier einig waren. Wird es stark genug sein, seine Interessen hier zur Geltung zu bringen auch im Kampfe der Mächte? Leider kann man nicht sagen, daß das Verständnis für die Schwierigkeiten unsrer Lage irgendwie in breitern Schichten unsers Volks, ja auch nur der Gebildeten, vorhanden wäre. Parteiinteressen, soziale Spaltungen, kirchliche Zänkereien nehmen uns ganz ungebührlich in Anspruch […], und während wir uns über Reichsfinanzreform, Wahlrechtsreformen, Bekämpfung der Sozialdemokratie, konfessionelle Parität und dergleichen innere Fragen raufen, vergessen wir, ganz wie schon einmal im sechzehnten Jahrhundert, daß da draußen die Welt verteilt wird, und zwar, wenn das bei uns so fortgeht, wahrscheinlich wieder ohne uns.
N. N.: Afrika-Reise Ceausescus. In: Archiv der Gegenwart, Bd. 47, 15. 3. 1977, S. 20848. [DWDS]Bei der Prüfung der internationalen Lage habe man die tiefgreifende Verlagerung hervorgehoben, die sich zu Gunsten der Durchsetzung des Willens der Völker vollzogen im Kampf gegen Kolonialismus, Fremdherrschaft und Unterdrückung […]und für ein gerechteres und besseres Leben, frei über ihre Geschicke verfügen zu können; das Andauern der wirtschaftlichen Unterentwicklung und der Spaltung in arme und reiche Völker sei eine Gefahr für die Menschheit […]; eine neue internationale ökonomische und politische Ordnung müsse eingeführt werden.
Plenarprotokoll vom 22. 11. 1990. In: Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll Nr. 11/236, S. 18877. [DWDS] (bundestag.de)Die Spaltung zwischen Arm und Reich ist tief und brutal.
Berliner Zeitung, 17. 6. 1999. [DWDS]Die Europawahl hat in Berlin erneut das Bild einer Stadt ergeben, die politisch tief gespalten ist.
Berliner Zeitung, 8. 11. 2005. [DWDS]Hinter den Gewaltausbrüchen, die wir heute erleben, tauchen grundlegende Probleme auf – das Versagen der Integration, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, die Grenzen der Einwanderung, alles Themen, die uns heute unter den Nägeln brennen.
Gabriel, Sigmar: Rede von Außenminister Sigmar Gabriel auf der sicherheitspolitischen Konferenz der SPD-Fraktion „Impulse für eine europäische Verteidigungsunion“, 28. 3. 2017. [DWDS] (auswaertiges-amt.de)Was immer man über die Frage denkt, wie das zu bewältigen ist – wir werden jedenfalls aufpassen müssen, dass diese soziale Spaltung in Europa nicht so tief geht, dass sie Vorhaben wie die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik beschädigt, weil wir uns immer mehr voneinander entfernen.
Thüringer Allgemeine, 13. 1. 2023. [DWDS]Soziale Ungleichheit, also die gesellschaftliche Spaltung in arm und reich, die Folgen für Bildung und den eigenen Lebensweg waren eine Einheit im Lehrplan.