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Wortgeschichte zu

Spießbürger

Glefenbürger · Pfahlbürger

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Spießbürger sind wohl zunächst Personen, die erst durch den Kriegsdienst (d. h. durch den Dienst mit dem Spieß) das Bürgerrecht einer Stadt oder eines Gemeinwesens erwerben können. Gegenüber eingesessenen Vollbürgern kommt ihnen daher ein geringerer Status zu. Auf ihrer Stellung als Bürger zweiter Klasse beruht wahrscheinlich auch die Bedeutungsverschlechterung, die ab ca. 1700 greifbar wird. Im 19. Jahrhundert finden sich dann auch neutrale Belege, in denen das Wort für den – freilich etwas einfach gestrickten – Durchschnittsbürger steht.

Wortgeschichte

Herkunft: Warum Spieß?

Im Hinblick auf die Herkunft des Wortes wirft vor allem das Erstglied Spieß Fragen auf: Was hat eine ,engstirnige, geistig unflexible, sich ängstlich an Konventionen haltende Person‘ mit einem Spieß1) zu tun? Einen Herleitungsversuch hat bereits Johann Christoph Adelung Ende des 18. Jahrhunderts vorgelegt. In seinem Grammatisch-kritischen Wörterbuch wird Spießbürger erklärt als

eine ehemahlige Benennung derjenigen Bürger, welche mit Spießen bewaffnet waren, zu Fuße dieneten, und auch Glefenbürger hießen. Jetzt gebraucht man es nur im verächtlichen Verstande von einem jeden geringen Bürger, vielleicht weil man zu den Spießbürgern nur die ärmsten und untauglichsten wählete, dagegen die reichern bessern zu Pferde dieneten [2Adelung 4, 204].

Die Schwierigkeit dieser Erklärung, die sich in abgewandelter Form auch noch in aktuellen etymologischen Wörterbüchern findet (vgl. 25Kluge, 867; Pfeifer unter SpießbürgerDWDS), besteht darin, dass ihr eine ausreichende Quellenbasis fehlt. Bereits im ältesten Beleg, über den wir bislang verfügen (1640), ist Spießbürger eine abwertende Bezeichnung für Normalbürger (vgl. auch 1717, 1754). Weitere frühe Belege sind entweder historisierend (1719) oder enthalten ihrerseits einen Versuch, die Herkunft des Wortes zu erklären (1672). Die bislang einzige Textstelle, in der das Wort wohl tatsächlich mit Spießen bewaffneter, einfacher Bürger bedeutet, wird im DRW 13, 964 f. nachgewiesen (1744, hier mit der Bedeutungsbeschreibung Bürger, welcher der Pflicht zum Waffendienst in eigener Person und mit einem (schlichten) Spieß nachkommt). Der im DRW zitierte Beleg ist allerdings mehr als hundert Jahre jünger als die erste Bezeugung des Wortes und daher nur eingeschränkt aussagekräftig. Dass Adelungs Herkunftshypothese sich trotz ihrer schwachen Quellengrundlage bis in die Gegenwart gehalten hat, dürfte vor allem darin begründet sein, dass sie plausibel klingt: Ein unberittener, nur mit einem Spieß statt einem Degen oder einer Schusswaffe bewaffneter Bürger, der zudem nicht in der Lage ist, sich einen bezahlten Stellvertreter für seinen Militärdienst zu leisten, kann in der Tat als Prototyp des kleinen MannesWGd gelten. Die Plausibilität einer Erklärung kann freilich eine fehlende Quellenbasis nicht ersetzen.

Spießbürger, Glefenbürger, Pfahlbürger

Alternativ zu den Herkunftshypothesen in der Tradition Adelungs wäre aber im Anschluss an den Beleg 1719 noch eine weitere Herleitung in Betracht zu ziehen. In dem genannten Beleg ist von Personen die Rede, die sich Roß / oder andern Kriegs=dienste halben / als Bürger einschreiben lassen und die deshalb Spießbürger oder Clevenbürger (von Glewe einer Lantzen) genannt wurden. Daraus wäre zu folgern, dass es sich bei einem Spießbürger gerade nicht um einen einfachen, durchschnittlichen Bürger einer Stadt, sondern gewissermaßen um einen Bürger zweiter Klasse handelt, der sein Bürgerrecht erst über den Militärdienst erworben hat.2) Wenn einem Spießbürger also zunächst geringerer Status zukam, liegt es nahe, dass sich hieraus eine abwertende Bezeichnung entwickelt hat.

Mit Pfahlbürger wäre auch eine aussagekräftige Parallelentwicklung für die hier skizzierte Herleitung von Spießbürger zu nennen. Unter Pfahlbürgern sind nach 1DWB 7, 1598 ebenfalls Bürger zu verstehen, die nicht zu den richtigen Bürgern zählen, in diesem Fall allerdings nicht, weil sie erst über ihren Militärdienst das Bürgerrecht erlangen, sondern weil sie in den mit Palisaden (Pfählen) geschützten Vorwerken außerhalb der Stadtmauern wohnen. Auch die Pfahlbürger sind somit in gewisser Weise als Bürger zweiter Klasse zu beschreiben. Für das Wort Pfahlbürger hat sich dementsprechend im Laufe des 18. Jahrhunderts ein deutlich abwertender Gebrauch (einfältige, provinzielle Person) herausgebildet (1778, vgl. 1898 sowie die Belege in 1DWB 7, 1598).

Spießbürger als Ausdruck der Studentensprache?

Spießbürger ist von Bezeugungsbeginn an eine grundsätzlich abwertende Bezeichnung. Im Erstbeleg 1640 wird das Wort als eine von mehreren Bezeichnungen aufgeführt, mit denen sich die Studenten vom gesellschaftlichen Durchschnitt zu distanzieren suchen. Möglicherweise handelt es sich deshalb ursprünglich um einen Ausdruck, der von Studenten geprägt wurde (so Pfeifer unter SpießbürgerDWDS, 10Paul, 938). Wenn dem so wäre, hätte das Wort freilich schon sehr früh sein studentensprachliches Gepräge verloren, da für das 18. Jahrhundert offenbar keine weiteren Belege für einen solchen Verwendungszusammenhang greifbar sind. Da wir nur über den Beleg von 1640 verfügen, fehlt für eine gesicherte Beurteilung dieser Herkunftshypothese die empirische Grundlage.

Abwertender Gebrauch

Die Abwertung der Personen, auf die sich Spießbürger bezieht, ist als Konstante des Wortgebrauchs zu beschreiben, die von der ältesten Bezeugung bis in die Gegenwart reicht. Die abwertende Zielrichtung tritt auch in den Attributen, die das Wort kennzeichnen, deutlich zu Tage: Spießbürger sind hirnlos (1800), einfältig (1858), feist und selbstzufrieden (1900a), blöde (1923) und ihnen eignet ein kleinlicher, neidischer Sinn (1840). Die geistige Beschränktheit, der enge Horizont und das Provinzielle des Spießbürgers wird auch durch Oppositionsbildungen akzentuiert. So steht Spießbürger im Gegensatz zum Philosophen (1779), zum Weltbürger (1796, 1863) bzw. zur eleganten Welt (1844).

Im Laufe der Zeit sind allerdings Verschiebungen im Hinblick auf die negativen Eigenschaften zu verzeichnen, die einem Spießbürger jeweils zugeschrieben werden. So finden sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts Belege, in denen der Spießbürger nicht nur als intellektuell beschränkt, sondern auch als emotional verkümmert dargestellt wird (1804 in Bezug auf musikalisches Empfinden, 1852, 1856a, 1887). Mitte des 19. Jahrhunderts, besonders während der 1848er-Revolution, treten dann weitere Bedeutungsaspekte hinzu: In der progressiven Presse werden Spießbürger als reaktionäre Kräfte verhöhnt, die notwendigen politischen Veränderungen ablehnend und verständnislos gegenüberstehen (1848a, 1848b, hier mit dem prägnanten Synonym Berliner Weißbierphilister). Um die Mitte des 19. Jahrhunderts, vor allem aber ab dem 20. Jahrhundert tritt ein weitere stereotype Eigenschaftszuschreibung hinzu: Spießbürger werden nun nicht allein als einfältige, aber sonst harmlose Gestalten thematisiert; ihre Engherzigkeit und Engstirnigkeit kann vielmehr auch in Aggression und Brutalität umschlagen. Dementsprechend verschiebt sich auch das Spektrum der Prädikate, die auf Spießbürger bezogen sind. Diese können dem wildesten Fanatiker folgen (1855), sie toben und sind wildgeworden (1914), sie errichten ein rohes System von Brutalität, Feigheit und Herrscherwahnsinn (1927) und haben sich im Nationalsozialismus als blonde Bestien (1951) aufgeführt.

Spießbürger als Durchschnitt

Vor dem Hintergrund der überwiegend negativen Charakterisierungen, die das Wort ausdrückt, mag es überraschend erscheinen, dass sich für Spießbürger im Ansatz auch positiv gefärbte Verwendungsweisen herausgebildet haben. Diese Bedeutungsverbesserung nimmt von ironisch-humoristischen Wortgebräuchen ihren Ausgang, in denen die geistige Beschränkung ins Idyllische gewendet und als Grundbedingung für Zufriedenheit und bürgerliche Solidität dargestellt wird. Geistige Beschränkung und Provinzialität werden hier somit metonymisch mit Behaglichkeit in Beziehung gesetzt. In den entsprechenden Belegen ist freilich schwer zu entscheiden, ob dies belächelt oder eben doch mit Sympathie betrachtet wird (1790, 1826, 1827, 1856a, 1861, 1932). In einigen Fällen scheint sich das Wort dann zu einer weiteren Bezeichnung für den in einfachen Verhältnissen lebenden und etwas einfach gestrickten Durchschnittsbürger entwickelt zu haben (1856b, 1900b, 1900c, 1920, 2017, vgl. dazu kleiner MannWGd, Mann auf der StraßeWGd).

Volker Harm

Anmerkungen

1) Das Wort Spieß selbst hat eine komplexe Geschichte: In dem gegenwartssprachlichen Wort sind aufgrund lautlicher und semantischer Ähnlichkeit zwei ältere Wörter zusammengefallen: mittelhochdeutsch spiez Jagdspieß und mittelhochdeutsch spiz Bratspieß; vgl. dazu 25Kluge, 867 und Pfeifer unter 1Spieß, 2SpießDWDS.

2) Laut DRW 4, 937 sind Glefenbürgern lanzentragende Soldaten, welche gegen ein zehnjährig erhaltenes Bürgerrecht der Stadt Kriegsdienste leisten; zu Glefenbürger s. 1DWB 7, 7934 mit weiteren einschlägigen Belegen.

Literatur

2Adelung Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart. Mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen, 2. vermehrte und verbesserte Ausg. Bd. 1–4. 2. Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1793–1801. Hildesheim u. a. 1990. (woerterbuchnetz.de)

DRW Deutsches Rechtswörterbuch. Wörterbuch der älteren deutschen Rechtssprache. Bis Bd. 3 hrsg. von der Preußischen Akad. der Wiss., Bd. 4 hrsg. von der Deutschen Akademie der Wissenschaften (Berlin, Ost), ab Bd. 5 hrsg. von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (bis Bd. 8 in Verbindung mit der Akademie der Wissenschaften der DDR). Bd. 1 ff. Weimar 1912 ff. (adw.uni-heidelberg.de)

1DWB Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Bd. 1–16. Leipzig 1854–1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971. (woerterbuchnetz.de)

25Kluge Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Aufl. Berlin/Boston 2011.

10Paul Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10., überarbeitete u. erweiterte Aufl. von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel. Tübingen 2002.

Pfeifer Pfeifer, Wolfgang u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. (dwds.de)

Weitere wortgeschichtliche Literatur zu Spießbürger, Glefenbürger, Pfahlbürger.

Belegauswahl

Sie [Studenten] schelten feine eisgraue und erfahrene Männer, Matronen, keusche Jungfrauen und Bürger für Bächen, Baren, Spießbürger etc., alte Hummeln, leichtfertige Säcke.

Schröder, Joachim: Friedensposaune (1640), S. 39; zit. nach Friedrich Kluge: Die ältesten Belege für Philister. In: Zeitschrift für deutsche Wortforschung 1 (1901), S. 50–57, hier S. 51.

Ich geschweige anderer Sprichwoͤrter mehr / drauß dieses erhellet / daß vor weilen die Spiesse bei allen Geschlechten der Leute sehr gewoͤhnlich gewesen / als deren sich der Hencker auch gebrauchet hat im Spiessen und die Buͤrger im Aufziehen / daher man ein alter Spies-Buͤrger sagt.

Praetorius, M. Johannes: Satyrus Etymologicus Oder der Reformirende und Informirende Rüben=Zahl […]. o. O. 1672, S. 434.

Allein es giebt auch Schrifften, die eben nicht dazu verfertiget, daß so fort jeglicher Spieß-Bürger seinen schmutzigen Barth darüber hengen soll, sondern die vielmehr unter einem schlechten Titul nur scharffsinnigen Gemüthern sollen in die Hände gespielet werden.

Rabener, J.G./Schöttgen, C./Walch, J.G.: Deutsche acta eruditorum: oder Geschichte der Gelehrten, welche den gegenwartigen zustand der literatur in Europa begreiffen. Bd. 5, 59. Theil. Leipzig 1717, S. 777. (books.google.de)

Und wer sich endlich in einer Stadt der Roß / oder andern Kriegs=dienste halben / als Bürger einschreiben lassen den hat man Spießbürger oder Clevenbürger / von Glewe einer Lantzen / auch wohl Stadt=Soldner genennet.

von Ludewig, J.P.: Vollständige Erläuterung der Güldenen Bulle. Bd. 2. Frankfurt 1719, S. 156 (books.google.de)

[…]der pfarrer gehet ab oneribus personalibus frey aus; hat er ein buͤrger-haus gekauft, und solches trifft die reihe der wache: so kann er solche einen spies-buͤrger fuͤr sich verrichten lassen.

Gundling, N.H.: Allg. Geistliches Recht der drey Christlichen Haupt-Religionen II. Frankfurt 1744, S. 1459; zit. nach DRW 13, 964 f. (adw.uni-heidelberg.de)

Will man Personen glauben, die gegen einander aufgebracht sind, und von Leidenschaften beherrschet werden: so ist der Gelehrte ein Schulfuchs, der Richter ein Spießbürger, der Finanzmann ein Blutigel, der Edelmann ein Putenjunker.

Bruyère, J.L.: Theophrasts Kennzeichen der Sitten; Nebst des Herrn Johann de la Bruyere Mitglieds der französischen Akademie Moralischen Abschilderungen dieser Zeit: Aus dem Französischen übersetzet von einem Mitgliede der königlichen deutschen Gesllschaft zu Königsberg in Preußen. Regensburg/Wien 1754, S. 475. (books.google.de)

Alle Sprachen haben das an ſich, daß man oft nicht den Sin aus einzelnen Woͤrtern, ſondern dem ganzen Zuſammenhange aufgreifen mus. Schreibt man ferner einem ſolchen Pfalbuͤrger Rat fuͤr Rath, ſo iſt es luſtig, ſeine Maulgrimaſſen zu ſehen, wenn er behauptet, daß man das Wort, ohne h, nicht anders, als Ratt ausſprechen koͤnne.

Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen 1778, S. XIX. (deutschestextarchiv.de)

Der Erſte [physiognomische Blick] ſagt ihm was fuͤr Menſchen er vor ſich habe, obs Spießbuͤrger oder Philoſophen, Keſſelflicker oder Schoͤndenker, Zieraffen oder geſezte Maͤnner ſind.

Musäus, Johann Karl August: Physiognomische Reisen. Drittes Heft. Altenburg 1779, S. 128. (deutschestextarchiv.de)

Ich bin kein Genie, sondern ein schlichtes, ehrliches Menschengesicht, das ordentlich lebt, wie ein Spießbürger, und arbeitet wie ein fleißiger Buchhändler.

Archenholz, J.W.: Neue Litteratur und Völkerkunde: ein periodisches Werk. Leipzig 1790, Bd. 1, S. 443. (books.google.de)

Und in der That bin ich noch nicht mit mir darüber einig, wer mehr Beyfall verdient – ein Weltbürger oder – ein Spießbürger.

Schreiber, A. W.: Launen und Träume eines Mannes, der weder Kosmopolit noch Spiessbürger ist. Frankfurt a. M. 1796, S. 75. (books.google.de)

Der Raiſonniergeiſt hatte allenthalben überhand genommen; der unwiſſendſte Client

kritiſirte ſeinen Richter, der dummſte Dorfpfarrer seinen Biſchof , der hirnloſeſte Spießbürger, der nie vom Hauſe weggekommen war, die weiſeften Schlüſſe des Staatsrathes.

Müller, J.G.: Ueber ein Wort, das Franz I. von den Folgen der Reformation gesagt haben soll: Ein Anhang zu dem siebenten der Briefe über die Wissenschaften von dem gleichen Verfasser. Zürich 1800, S. 37. (books.google.de)

Hebt noch etwas den Spiesbuͤrger empor am Ohr, ſo iſts zwei-hoͤchſtens dreierlei, 1) wenn aus einem halbtodten Pianiſſimo ploͤzlich ein Fortiſſimo wie ein Rebhuhn aufknattert, 2) wenn einer, beſonders mit dem Geigenbogen, auf dem hoͤchſten Seile der hoͤchſten Toͤne lange tanzt und ruſcht.

Jean Paul: Flegeljahre. Eine Biographie. Zweites Bändgen. Tübingen 1804, S. 135. (deutschestextarchiv.de)

War es ein Nuͤrnberger Spießbuͤrger, der, mit weißer Nachtmuͤtze auf dem Kopfe und weißer Tonpfeife im Maule, am lauen Sommerabend vor ſeiner Hausthuͤre ſaß, und recht behaglich meinte: es waͤre doch huͤbſch, wenn er nun ſo immer fort, ohne daß ſein Pfeifchen und ſein Lebensathemchen ausgingen, in die liebe Ewigkeit hineinvegetiren koͤnnte! [Oder war es ein junger Liebender, der in den Armen ſeiner Geliebten jenen Unſterblichkeits-Gedanken dachte, und ihn dachte, weil er ihn fuͤhlte, und weil er nichts anders fuͤhlen und denken konnte!

Heine, Heinrich: Reisebilder. Erster Theil. Hamburg 1826, S. 168. (deutschestextarchiv.de)

Als er in einem schlichten Rocke, mit einem gewöhnlichen Stock in der Hand ins Parlament trat, lächelte man über den amerikanischen Spießbürger.

Nösselt, Friedrich: Lehrbuch der Weltgeschichte für Bürgerschulen und die mittleren Klassen der Gymnasien. Theil 2. Leipzig 1827, S. 521. (gei.de)

Unglücklicherweise ist diese Versammlung, mit Ausnahme von etwa zwanzig Mitgliedern, aus unwissenden, leidenschaftlichen und für öffentliche Geschäfte unfähigen Männern zusammengesetzt; dazu kommt noch Eitelkeit, beschränkte Ansichten, ein kleinlicher, neidischer Sinn, der den Spießbürgern stets eigen, endlich die Sucht zu regieren und Verordnungen zu machen, wie bei allen kleinen Geistern.

Allgemeine Zeitung, 23. 6. 1840, Nr. 175, S. 1396. (deutschestextarchiv.de)

Hier iſt der Sammelplatz der eleganten Welt, gerade hier ſind wir am ſicherſten, ſo einem Spießbürger, wie er iſt, nicht zu begegnen.

Nestroy, Johann: Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in vier Aufzügen. Wien 1844, S. 103. (deutschestextarchiv.de)

Die friedlichen Spießbürger, die immer nur nach „Ruhe“ schrien; die Bürgerwehr, welche noch vor 4 Wochen so reaktionär war, daß sie z. B. die Literaten am liebsten an den Bayonetten aufgespießt hätte; sie sind durch die aufgedeckten volksfeindlichen Umtriebe der Regierung […], die Bürgerwehr besonders durch die ihres frühern Kommandeurs, General von Aschoff, so vollständig umgestimmt, daß man glauben sollte, wir hätten eine neue Revolution gehabt.

Neue Rheinische Zeitung, 14. 6. 1848, Nr. 14, S. 58. (deutschestextarchiv.de)

In Paris soll es an 70,000 Spießbürger gegeben haben, an denen die große Revolution gänzlich spurlos vorüberging, ohne sie zu berühren. Daß es in unserer lieben Stadt auch eine gute Anzahl solcher Leute giebt (sie bilden den Kern „meiner lieben Berliner“), das beweist dieVoss. Ztg. täglich. Wie der Berliner Weißbierphilister kannegießert, beweist unter Anderem folgendes Citat der „Vossischen“:

[…]‒ Die Aufhebung des eximirten Gerichtsstandes für Kriminalsachen ist von dem Justizminister Hrn. Märker augenscheinlich deßhalbbeantragt worden, um die Einführung der Geschwornengerichte vorzubereiten, da es zu viele Schwierigkeiten machen würde, wenn man besondere Geschwornengerichte für Eximirte und für Nicht-Eximirte einrichten wollte!!!

Neue Rheinische Zeitung, 29. 7. 1848, Nr. 59, S. 294. (deutschestextarchiv.de)

Perſoͤnlichkeiten ſoll ich ihnen zeigen, ſoll dieſe vor ihnen ſchaffen, entfalten, zerſtoͤren! Soll vor ihnen grollen, raſen, ſterben! Soll Alles mitempfinden, mit durchleben, — blos weil ſie ihr Legegeld an der Kaſſe entrichtet? — und ich ſoll keiner großen Leidenſchaften in mir ſelbſt faͤhig, ſoll derſelben nicht beduͤrftig, ſoll ein Spießbuͤrger ſein, wie ſie? Soll fein-ſaͤuberlich heimgehen, unter meine Decke kriechen und Fliederthee ſaufen, wenn meine Pulſe noch gluͤhen, mein Herz noch tobt, meine Nerven zu zerreißen drohen? Die großen Leidenſchaften ſind es ja, ihr ewigen Philiſter, ſie allein, die den großen Schauſpieler geben!

Holtei, Karl von: Die Vagabunden. Roman in vier Bänden. Bd. 2. Breslau 1852, S. 112. (deutschestextarchiv.de)

Denn grade der Spießbürger, der in ruhigen Zeilen jedes Extrem verabscheut, ist geneigt, für Augenblicke, wo seine Furcht lebhaft angeregt ist, dem wildesten Fanatiker zu folgen, wenn er sich unter seinem Schutz am sichersten fühlt.

Die Grenzboten 14/4/2 (1855), S. 471. [DTA]

Dem dresdner Mittelstand gilt Leipzig als ein kleines Berlin, der Leipziger erscheint ihm als ein unternehmender, herausfordernder und gefährlicher Charakter, anmaßend und absprechend, voll der verwegensten Entwürfe und Urtheile; der Berliner dagegen ist geneigt, in dem Leipziger einen gutmüthigen, höflichen, aber etwas langweiligen und nüchternen Spießbürger zu sehen.

Die Grenzboten 15/3/2 (1856), S. 81. [DTA]

Ein kaum bewußter Trieb, ſich unter anſpruchloſen, natürlichen Menſchen in etwas zu vergeſſen, bewog den Muſiker zur Einkehr. Er ſetzte ſich an einen der ſparſam von Bäumen beſchatteten Tiſche zu einem Wiener Brunnen-Obermeiſter und zwei andern Spießbürgern, ließ ſich ein Schöppchen kommen und nahm an ihrem ſehr alltäglichen Discours eingehend Theil, ging dazwiſchen umher, oder ſchaute dem Spiel auf der Kegelbahn zu.

Mörike, Eduard: Mozart auf der Reise nach Prag. Novelle. Stuttgart/Augsburg 1856, S. 82. (deutschestextarchiv.de)

Sie veranstalten in jener kleinen Stadt mit Hilfe einiger einfältigen Spießbürger eine politische Demonstration, wo sie mehr wohlgemeinte als inhaltreiche Reden halten.

Die Grenzboten 17/2/1 (1858), S. 298. [DTA]

Wer weiß? am Ende ſteckt noch irgendwo in einem verborgenen Winkel meines Innern der Keim zu einem ſoliden Spießbürger, der nur der Wärme des häuslichen Heerdes bedarf, um ſich glorreich zu entwickeln.

Spielhagen, Friedrich: Problematische Naturen. Bd. 4. Berlin 1861, S. 105. (deutschestextarchiv.de)

Nunmehr oder durch eine solche Incorporation wurde wenigstens rechtlich aus dem europäischen freien Künstler ein gebundener und gedrückter städtischer Handwerksmann, aus dem bisherigen Weltbürger ein Spiessbürger, aus dem Wanderer ein Stillständer, aus dem Freunde aller Menschen der Feind aller Nichtstädter und Nichtzünfter.

Schauberg, Joseph: Vergleichendes Handbuch der Symbolik der Freimaurerei. Bd. 3. Schaffhausen 1863, S. 211. (deutschestextarchiv.de)

Der Spießbürger, von dem sich der Poet abkehrt, mit allem Recht abkehrt, kann die gesunde, normale Liebe eben nicht erleben.

Die Grenzboten 46/3 (1887), S. 378. [DTA]

Im Sinne geſchichtlicher Entwickelung wird das Verhältnis beider Gruppen wohl ſo ſein, daß vor Zeiten aus Würmern gewiſſe Ur-Schnecken entſtanden ſind, aus denen ſich nach der einen Seite die heutigen Schnecken entwickelt haben, während nach der anderen Seite durch Anpaſſung an eine konſequent ſitzende Lebensweiſe und eine damit verbundene unzweifelhafte Degeneration die Muſcheln entſtanden ſind. Während du alſo in der hübſchen Weinbergſchnecke eine Spitze und Zier des Weichtierreiches verſpeiſt, ſchluckſt du im formloſen Klumpen des Auſternleibes den verſtockten und etwas verkommenen Pfahlbürger und Philiſter desſelben Reichs.

Bölsche, Wilhelm: Das Liebesleben in der Natur. Eine Entwickelungsgeschichte der Liebe. 1. Folge. Florenz/Leipzig 1898, S. 282. (deutschestextarchiv.de)

Im Entrée nichtssagende Büsten. Portraits feister, selbstzufriedener Spießbürger. Ich spuckte aus.

Hagenauer, Arnold: Muspilli. Linz u. a. 1900, S. 137. (deutschestextarchiv.de)

Der italieniſche Arbeiter iſt dem deutſchen vielfach überlegen. Dabei iſt der Gegenſatz der Stände geringer als irgendwo; der Fürſt ſitzt in der Kneipe neben dem Spießbürger und neben ſeinem Pächter; alle Klaſſen ſind ſtädtiſch angehaucht, haben ſtädtiſche Gewohnheiten, was freilich nicht hindert, daß die Ärmſten der Armen auf dem Lande faſt ein Leben wie die Wilden führen.

Schmoller, Gustav von: Grundriß der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre. Erster größerer Teil. Begriff. Psychologische und sittliche Grundlage. Litteratur und Methode. Land, Leute und Technik. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft. Leipzig 1900, S. 153. (deutschestextarchiv.de)

Auch die Zuginsassen paßten vorzüglich in das Milieu; zum Teil gute französische Spießbürger, die mit Kind und Kegel und vielem Lärm einen Ausflug machten; […]meist aber Pariser Sommerfrischler: Männlein und Weiblein in chikem Radelkostüm, die sich von der Dampfmaschine bergauf ziehen ließen, um dann mit ihrem Velo auf der Fahrstraße zu Thal zu sausen.

Jahrbuch des Schweizer Alpen-Clubs. Schweizer Alpen-Club, Zürich 1900, S. 60. [DTA]

»Euch unverschämter Nation sollte man die Hände zusammenschnüren, daß euch das Blut aus den Nägeln spritzt«, so kann man sich vorstellen, wie die wildgewordenen Spießbürger tobten.

Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. Bd. 1. In: Oliver Simons (Hrsg.) Deutsche Autobiographien 1690–1930. Berlin 2004 [zuerst 1914], S. 9386. [DWDS]

Er selber freilich war unversehens auf jene brüllende Terrasse voller Menschen im Isartal geraten und ins Gedränge von langen Biertischen mit grauen Maßkrügen und gehäuften Brotkörben, von Münchener Spießbürgern, Studenten und Kellnerinnen, alt und stämmig.

Schaeffer, Albrecht: Helianth. Bd. 1. Bonn 1995 [zuerst 1920], S. 339. [DWDS]

Fünf Jahre lang hat die Republik geduldet, daß von den Verbrechern des alten Systems und ihrer Gefolgschaft blöder Spießbürger und halbwüchsiger Knaben mit ihr Schindluder getrieben wurde.

Vorwärts, 9. 11. 1923, S. 1. [DWDS]

Hier wurde durch ein ausgeklügeltes und rohes System von Brutalität, Feigheit und Herrscherwahnsinn mittlerer Spießbürger und kleiner Unteroffiziersnaturen gequält, gefoltert, gedrückt und gepeinigt.

Tucholsky, Kurt: Der Rechtsstaat. In: Werke – Briefe – Materialien. Berlin 2000 [zuerst 1927], S. 5273. [DWDS]

Es ist noch nicht lange her, daß der Spießbürger mit behaglicher Ruhe Stock und Schirm waagrecht unter den Arm steckte, stehen blieb, umständlich seine Zigarre anzündete und das Streichholz brennend aufs Pflaster warf, daß auf dem Schulweg die Knaben rauften und frohe Mädchenscharen Arm in Arm den Fahrdamm sperrten.

Gleichen-Russwurm, Alexander von: Der gute Ton. In: Werner Zillig (Hrsg.): Gutes Benehmen. Berlin 2004 [zuerst 1932], S. 6830. [DWDS]

Wenn in Deutschland die Spießbürger als blonde Bestien sich bewährt haben, so rührt das keineswegs von nationalen Eigentümlichkeiten her, sondern davon, daß die blonde Bestialität selber, der gesellschaftliche Raub, vor der offenbaren Fülle zur Haltung des Hinterwäldlers, des verblendeten Philisters, eben des „Zu kurz Gekommenen“ geworden ist, gegen den die Herrenmoral erfunden war.

Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Frankfurt a. M. 1971 [zuerst 1951], S. 121. [DWDS]

Man muss dann auch die unbequeme Frage zulassen, warum, wenn die progressive Linke jahrzehntelang das Recht auf eigene Identität und intakte Lebensweise für alle möglichen Gruppen – etwa Indigene in Brasilien – verfochten hat, dasselbe Recht nicht auch dem deutschen, britischen oder ungarischen Spießbürger zukommen sollte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 9. 5. 2017, S. 12.