Vorschauansicht

Wortgeschichte zu

Underdog

Politik & Gesellschaft · Freizeit & Sport

Kurz gefasst

Das Substantiv Underdog wird in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus dem Englischen entlehnt. Es ist zuerst in politischen Zusammenhängen in der Bedeutung Unterlegener, Schwächerer gebräuchlich. Zudem wird Underdog auf gesellschaftlich benachteiligte Personen(gruppen) bezogen. Seit den 1970er Jahren erfährt Underdog eine erhöhte Verbreitung durch seine Verwendung im Bereich des Sports. Hier bezeichnet es Personen oder Teams im sportlichen Wettkampf, die eigentlich als chancenlos gelten, denen aber häufig die Sympathien des Publikums gelten.

Wortgeschichte

Gebrauch im Englischen

Im Englischen ist die Bildung underdog seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bezeugt. Sie setzt sich zusammen aus dem Erstglied under unten bzw. unterlegen, niedriger in Position (vgl. 3OED) und dem Substantiv dog Hund. Wörtlich übersetzt bedeutet underdogengl. demnach unterer, unterlegener Hund. Das Wort ist in mehrere europäische Sprachen entlehnt, neben dem Deutschen auch ins Niederländische und in skandinavische Sprachen (vgl. z. B. NAOB unter underdog).

Das englische Syntagma under dog verbreitet sich möglicherweise durch das im Jahr 1859 veröffentlichte, damals offenbar populäre Gedicht The Under Dog in the Fight. Die Wortverbindung wird später in verschiedenen Texten aufgegriffen (z. B. 1880, 1888; vgl. 1892). Auch wenn der Bezug zu den damals beliebten Hundekämpfen, bei denen der schwächere Hund als underdog bezeichnet wird (vgl. 6Duden Herkunft, 886), nur in wenigen Belegen deutlich wird (z. B. 1875), ist das Bild des unterlegenen Hundes wohl als Ausgangspunkt für die metaphorische Verwendung anzusehen: Das Wort wird seit den 1860er Jahren für Personen gebraucht, die in bestimmten Beziehungen oder Situationen unterlegen oder benachteiligt sind (1864, 1871). Synonyme sind im Englischen bottomdog und underling, als Antonyme sind topdog und overdog gebräuchlich (vgl. 3OED).1)

Gebrauch im Deutschen

Das Substantiv Underdog wird in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ins Deutsche entlehnt; vereinzelt sind Belege seit den 1910er Jahren zu finden. Zunächst wird der Ausdruck als Exotismus mit Hinweis auf den englischen Sprachgebrauch verwendet (1915, 1924 im Kontext mit outlaw, 1935, 1937). Seit den 1940er Jahren ist das Wort in Großschreibung bezeugt (z. B. 1948a).

Wie im Englischen ist Underdog auch im Deutschen in politischen Zusammenhängen in der Lesart Unterlegener, Schwächerer gebräuchlich. Dies kann sich auf einzelne Personen, aber auch auf Staaten und Völker beziehen, die aufgrund tatsächlicher oder angenommener ungleicher Machtverhältnisse als nicht ebenbürtig betrachtet werden (1915, 1924).

Seit den 1940er Jahren erhält Underdog eine zusätzliche Bedeutung. Das Wort bezieht sich nun auch auf Personen oder Gruppen, die sozial benachteiligt sind und zur unteren Gesellschaftsschicht gehören (1940, 1948b, 2004).

Eine Zunahme des Gebrauchs ist seit den 1970er Jahren feststellbar. Seitdem ist Underdog im Bereich des Sports in der Lesart Außenseiter in einem Wettkampf mit Bezug auf einzelne Sportler oder Teams als Antonym zu FavoritWGd gebräuchlich (1970, 1976). Vielfach bezieht sich Underdog auf ein voraussichtlich chancenloses Team im Fußball, häufig in der Wortverbindung absoluter Underdog (1978, 2023). Im Bereich des Boxsports kann das Wort eine zusätzliche soziale Implikation tragen (1997).

Underdog wird synonym zu dem Wort AußenseiterWGd verwendet (2003a). Als Antonyme werden Favorit und SpitzenreiterWGd gebraucht (1976, 2005), selten auch das englische Lehnwort Topdog (1992). Die Lehnübersetzung Unterhund kommt nur vereinzelt vor (1929).

Sympathien für den Underdog

Der Gebrauch des Worts Underdog bringt in der Regel keine negative Bewertung der bezeichneten schwächeren Person oder Gruppe zum Ausdruck. Die Verwendung des Worts ist zumeist positiv konnotiert: Dem Underdog werden Eigenschaften wie Durchhaltevermögen und Entschlossenheit zugeschrieben – er steht symbolisch für die Hoffnung, dass man sich aus einer nahezu aussichtslosen Position heraus gegenüber einem überlegenen Gegner behaupten kann (2003b; vgl. Anglizismen-Wb. 3, 1619). Wortverbindungen wie Sympathie mit dem Underdog bzw. Sympathie für den Underdog und zum Underdog halten drücken aus, dass im Falle eines ungleichen Kampfes bzw. einer nicht ebenbürtigen Konkurrenzsituation viele zu dem eigentlich Chancenlosen halten (1946, 1950, 2001, bereits 1871 im Englischen). Man vergleiche hier auch das Kompositum UnderdogeffektDWDS (1986).

Kerstin Meyer-Hinrichs

Anmerkungen

1) Die Vermutung, underdogengl. stehe im Zusammenhang mit dem Handwerk der Holzfällerei und bezeichne dort den unten in einer Sägegrube stehenden Arbeiter, kann nicht verifiziert werden (vgl. dagegen Wikipedia). Laut 3OED sind hier seit 1700 die Bezeichnungen pit sawyerengl. und top sawyerengl. gebräuchlich.

Literatur

Anglizismen-Wb. Anglizismen-Wörterbuch. Der Einfluß des Englischen auf den deutschen Wortschatz nach 1945, begründet von Broder Carstensen, fortgeführt von Ulrich Busse. Bd. 1–3. Berlin/New York 1993–1996.

6Duden Herkunft Duden – das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 6., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Berlin 2020.

DWDS DWDS. Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute. (dwds.de)

NAOB Det Norske Akademis Ordbok. Hrsg. v. Det Norske akademi for språk og litteratur. Oslo 2018. (naob.no)

3OED Oxford English Dictionary. The Definite Record of the English Language. Kontinuierlich erweiterte digitale Ausgabe auf der Grundlage von: The Oxford English Dictionary. Second Edition, prepared by J. A. Simpson and E. S. C. Weiner, Oxford 1989, Bd. 1–20. (oed.com)

Wikipedia Wikipedia – Die freie Enzyklopädie. (wikipedia.org)

Weitere wortgeschichtliche Literatur zu Underdog.

Belegauswahl

But for me, I never shall pause to ask
Which dog may be in the right,
For my heart will beat, while it beats at all,
For the under dog in the fight.

[Barker, David]: The Under Dog in the Fight. In: The American Freemasons’ New Monthly Magazine 4 (1859) Nr. 21, S. 175. (books.google.de)

„Horace Greeley,“ said a friend of his, on one occassion, „is the best under-dog in the world!“ Never was a truer estimate of Mr. Greeley’s character, and it is one which does him credit. He is the „best under-dog“ on all questions – a stout, iron-jawed mastiff, with a grip that will hang on to the uppermost assailant, and never let go until the „dog is dead.“ […]To drop figure, Mr. Greeley is the best „minority fighter,“ the staunchest champion of an opposition against some tyrannous and aggressive power that can possibly be imagined.

New York Dispatch 22, 26. 5. 1867, Nr. 29, S. 4. (loc.gov)

I have some sympathy for the under-dog in an unequal fight, […]and, while I abhor polygamy and have small pity for superstition, I want to see the labor and the seventy millions of acquisitions in Utah saved to our country and to the simple citizens who have accumulated it.

The Nation 13, 30. 11. 1871, Nr. 335, S. 354. (digitale-sammlungen.de)

The governor and citizens must stand by and play the part of spectators at a dogfight, and the upper dog and the under dog must tear each other until they fight it out. […]If right and peace and law go down in the grapple, and the conflict spread, still the sworn guardians of the peace must look on impartially like judges at a horse-race or umpires at a prize-fight.

Jones, Charles H.: An Abridgment of the Debates of Congress (from the Congressional Record). New York 1875, Sp. 586. (books.google.de)

But if the under dog in the social fight runs away with a bone in violation of superior force, the top dog runs after him bellowing, „Thou shalt not steal,“ and all the other top dogs unite in bellowing, „This is divine law and not dog law;“ the verdict of the top dog so far as law, religion, and other forms of brute force are concerned, settles the question.

Spencer, Herbert: The Theory of Evolution. In: Van Buren Denslow: Modern Thinkers Principally Upon Social Science: What They Think, and why. Chicago 1880, S. 211–256, hier S. 245. (books.google.de)

The impecunious, the worsted in the money-getting race, the under dogs in the fight, are a great and growing opposition party, bent upon making the ins outs, and getting the outs in.

The Forum 6 (1888), S. 321. (google.de)

Dog, The under. The phrase „The under dog in the fight“ seems to be a modern one, and may have been derived from the once well-known song by David Barker, which ran as follows: THE UNDER DOG IN THE FIGHT.

Walsh, William S.: Handy-Book of Literary Curiosities. Philadelphia 1892, S. 243. (google.de)

[…]Erstens wird das Eingreifen Amerikas dem unterliegenden Kaiser ein willkommenes Mittel sein, die Unschuldsmiene seinem Volk gegenüber zu wahren („to save his face“) mit der Begründung, daß die ganze Welt gegen ihn war, und Deutschland kann dann hoffen, bei seinem Niedergang in der Geschichte die Rolle des von Übermacht überwältigten Hundes („the under dog“) gespielt zu haben.

Kölnische Zeitung, 28. 2. 1915, Nr. 216, o. S. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

[…]Diesem Mann sind die dicken Kommissionsgelder aus Hamburg gut genug dafür, daß er an der Bar die nötigen Whiskys bezahlen kann, über denen hinweg er immer und immer wieder uns Deutsche angreift und das Gift ausstreut, worunter wir zu leiden haben. Er ist es, der mit allen Mitteln darauf hinarbeitet, daß die Deutschen auch ferner die „outlaws“ und „underdogs“ bleiben, daß sie aus der Gesellschaft zurückgehalten werden und auch weiter von jeder Einladung ausgeschlossen werden.

Hannoverscher Kurier 76, 24. 8. 1924, Nr. 397, o. S. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

[…]Immer ist da ein Stärkerer, ein Oberleidender, der mit der Zeit die höchste Stufe des Kellers erreicht – er kann mit dem Kopf hinaussehen und reicht beinah in das Unterpersonal hinein. Dieses verwehrt ihm natürlich in Ernstfällen den Zutritt; in leichten Fällen wird er ihm gewährt, und das hebt ihn sehr und läßt ihn viel von dem, was er zu erleiden hat, vergessen. Er bezahlt das teuer, vielmehr: seine Mitleidenden bezahlen das teuer. Er ist meist ein Angeber, ein Speichellecker, ein Unterhund – er ist der Helfer von Helfershelfern.

Die Weltbühne 25/2 (1929), S. 804. [DWDS] (archive.org)

Wir Deutschen verstehen dieses britische Gefühl „for the underdog“ (für den Unterlegenen) sehr gut und achten es, wie dies bei Angehörigen gleicher Rasse ja gar nicht anders sein kann.

Weißeritz-Zeitung 101, 17. 12. 1935, Nr. 293, o. S. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

Die Engländer […]schmälern niemals den Erfolg ihrer Gegner, und es geht ihnen auch viel weniger um den Erfolg als um den Kampf; sie haben eine schwache Seite für den Unterlegenen, den „underdog“, […]und oft und oft hört man die – übrigens ganz außerordentlich sachverständigen – Ansager auf der Strecke die tapferen Bemühungen des Unterliegenden preisen.

Neue Freie Presse, 6. 7. 1937, Nr. 26156, S. 9. (onb.ac.at)

Er spricht das häßliche Englisch des Londoner Ostens. Er gehört zu den Underdogs und nicht zur Kaste der Gentlemen. Landarbeiter in Devonshire, Geschirrwäscher in Bristol.

Völkischer Beobachter 53, 19. 7. 1940, Nr. 201, S. 1. (onb.ac.at)

Sympathie für den „Underdog“, für jeden, der in die Maschine einer überlegenen Macht geraten ist oder sonst auf dem Boden liegt, ist ein nationaler Charakter des Engländers.

Weltpresse 2, 11. 10. 1946, Nr. 235, S. 2. (onb.ac.at)

Harry S. Truman […]war nicht unter den Genannten. Aber er hat eine andere Eigenschaft, die den Wählern lieb und wert ist. Sie war ihm aufgezwungen worden, nämlich die Position des „Underdog“, des von allen Seiten Geprügelten und Getadelten, von seinen Freunden Belächelten und von seinen Feinden Verhöhnten.

Aufbau 14, 5. 11. 1948, Nr. 45, S. 3. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

[…]Was bleibt da dem Kapitän schon übrig, als nun selber ein Schurke zu werden, respektive sich mit solchen gegen die Interessen der Schiffahrtslinie zu verbünden? Ist er doch ein „Underdog“, ein sozial Schwächerer, der natürlich nie jenes Maß an moralischer Stärke aufbringen kann wie ein Angehöriger der Oberklasse, ein Syndikus und Generaldirektor.

Österreichische Zeitung, 10. 6. 1948, Nr. 132, S. 5. (onb.ac.at)

Es wird als eine der besten Eigenschaften des Amerikaners gerühmt, daß seine Sympathie immer den am Boden Liegenden, dem „underdog“, zufliegt.

General-Anzeiger 59, 3. 5. 1950, Nr. 18393, o. S. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

Tennis-Baron Gottfried von Cramm meinte sogar: „Wir sind dort die underdogs (geschlagene Hunde).“

Honnefer Volkszeitung 89, 20. 8. 1970, Nr. 192, o. S. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

„Der FC Bayern ist der Favorit und St. Etienne der „underdog“ (Außenseiter) und unsere Zuschauer sind immer auf der Seite des Schwächeren“, meinte heute morgen der schottische Schiedsrichter-Obmann Jack Mowat.

Honnefer Volkszeitung 95, 12. 5. 1976, Nr. 111, o. S. (deutsche-digitale-bibliothek.de)

Die Underdogs des Weltfußballs – Tunesien für Afrika, Österreich für Europa und Peru für Südamerika – machten Furore.

Die Zeit, 30. 6. 1978, Nr. 27. [DWDS] (zeit.de)

Sicher spielen auch Underdog-Effekte hinein, Mitleidsgefühle für den Vielgescholtenen und Belächelten.

Die Zeit, 19. 9. 1986, Nr. 39. [DWDS] (zeit.de)

„Abschied in Tanger“; wie das ist, wenn der Underdog sein Joch abwirft und den Topdog auf seinen Platz verweist; diese schleichende, unfaßliche Verkehrung der Rollen.

Die Zeit, 11. 12. 1992, Nr. 51. [DWDS] (zeit.de)

Ein Underdog, der sich buchstäblich nach oben boxt; ein Schwarzer [Muhammad Ali], der von weißen Millionären gesponsert wird, aber wegen der Hautfarbe im Restaurant nicht an ihrem Tisch sitzen darf; einer, der sich weigert, nach Vietnam zu gehen, und damit nicht nur das amerikanische Nationalgefühl verletzt, sondern auch die sportliche Karriere aufs Spiel setzt.

Berliner Zeitung (online), 26. 6. 1997. (berliner-zeitung.de)

„Ich habe einfach eine gewisse Sympathie für Underdogs, deswegen hoffe ich, dass Union den Aufstieg ins Profigeschäft schafft.“

Berliner Morgenpost, 12. 4. 2001. [DWDS]

„Wir sind natürlich krasser Außenseiter, spekulieren aber mit unserer Rolle des Underdogs und vielleicht holen wir sogar einen Punkt“, hofft ein optimistischer Trainer Frank Tresp.

Leipziger Volkszeitung, 10. 10. 2003. [DWDS]

Die Kleinen, die hoffnungslos Unterlegenen, die absoluten Underdogs, sie werden von Sportfans gerne in ihre Herzen geschlossen.

Saarbrücker Zeitung, 21. 6. 2003. [DWDS]

Wenn uns nicht gelingt, sie zu integrieren, dann haben wir irgendwann wie in den Vorstädten von Paris oder Lyon Gruppen von sozialen Underdogs, die anfällig für extremistische Positionen sind.

Der Tagesspiegel, 11. 9. 2004. [DWDS]

Der Spitzenreiter hatte zwei Punkte bei einem vermeintlichen „Underdog“ verloren und außerdem nichts für das am Saisonende möglicherweise entscheidende Torverhältnis getan.

Hamburger Abendblatt, 28. 2. 2005. [DWDS]

Als „absoluter Underdog“ gehen die Kirchascher-Kickerinnen in das anstehende Heimspiel.

Münchner Merkur, 29. 4. 2023. [DWDS]