Wortgeschichte zu

alternativ

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Seit dem 15. Jahrhundert in deutschen Texten nachweisbar, tritt das Wort alternativ zunächst vorwiegend in Rechtskontexten und in den Bedeutungen ‚abwechselnd, wechselweise‘ oder ‚wahlweise‘ auf. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts scheint alternativ auch in anderen Zusammenhängen Verwendung zu finden. Ab den 1970er Jahren verbreitet sich das Wort dann plötzlich rasant. Zugleich lässt sich eine auch semantische Veränderung beobachten: Zum einen wird es zur Bezeichnung für bestimmte gesellschaftliche Gruppierungen, die in Opposition zur Mehrheitsgesellschaft stehen. Zum anderen entwickelt sich zunächst in der Verbindung alternative Energien die Lesart ‚erneuerbar, regenerativ‘. Jüngst hat sich die Wortverbindung alternative Fakten verbreitet; alternativ soll hier verschleiern, dass es sich um Falschaussagen handelt.

Wortgeschichte

Von einem unbeachteten Adverb zu einem ‚Wort des Jahres‘ 1979

Alternative Energienalternative Lebensformenalternative Szene: Alle diese Wortverbindungen hätte man bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein kaum verstanden. Dabei ist das Wort alternativ bereits seit dem 15. Jahrhundert in deutschen Texten nachweisbar, zu dieser Zeit mit der Bedeutung ‚abwechselnd, wechselweise‘ (vgl. ²DWB 2, 594). Besonders häufig wird das Adverb zunächst jedoch noch nicht verwendet und auch den Lexikographen erschien es wohl nicht besonders wichtig – weder Stielers „Teutscher Sprachschatz“ verzeichnet es am Ende des 17. Jahrhunderts noch Adelungs „Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart“ um 1800, und auch das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm nimmt alternativ Mitte des 19. Jahrhunderts noch nicht auf. Das mag auch daran liegen, dass alternativ zunächst gar nicht als deutsches Wort wahrgenommen worden ist – Campe bucht alternative Anfang des 19. Jahrhunderts noch im „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“ als lateinisches Umstandswort mit der Bedeutung ‚wechselweise‘ (Campe, Verdeutschung, 102/103).

Im Verlauf des 20. Jahrhunderts gewinnt alternativ dann offenbar rasant an Bedeutung – dafür spricht nicht nur die Übereinstimmung der Wortverlaufskurven des DWDSaufge. 26. 11. 2019 und des Google Ngram Viewersaufge. 26. 11. 2019, die beide einen signifikanten Anstieg der Wortverwendung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verzeichnen, sondern auch die Tatsache, dass alternativ bei der Wahl des Wortes des Jahres 1979 immerhin auf Platz fünf landet (vgl. auch Mayer 2017).

Entlehnung aus dem Mittellateinischen und frühe Verwendungen in Rechtskontexten

Aber zunächst zurück zu den Anfängen: Entlehnt wird alternativ aus dem mittellateinischen alternativusmlat (s. DFWB 1, 408, online), das ‚ambiguus – zweideutig‘ und ‚variationem efficiens – Änderungen bewirkend‘ bedeutet (MLW 1, 512). In deutschen Texten tritt es seit dem späten 15. Jahrhundert zunächst in der lateinischen Adverbialform alternative auf (s. DFWB 1, 408, vgl. auch 1693 und 1723, daneben allerdings auch 1668). Es handelt sich also zunächst um ein Adverb, hier in der Bedeutung ‚wahlweise‘: „Wenn einem alternative Gefängnis oder Geld-Straffe zuerkant worden/ stehet die Wahl nicht bey dem Reo, sondern der Obrigkeit.“ (1693) Erst im 18. Jahrhundert und wohl unter Einfluss des Französischen alternatiffrz (s. DFWB 1, 408) ist das Wort zunehmend auch als (attributives) Adjektiv bezeugt:

Da das Königl. Amt Poel auf Trinitatis des künftigen 1790ſten Jahres aus der Pacht fällt, und den 3ten des nächſtkommenden September-Monats im Königl. Gouvernements-Hauſe allhier wiederum öffentlich dem Meiſtbietenden, und zwar auf die alternative Art, verpachtet werden ſoll, daß entweder beyde Amtshöfe zuſammen, oder ein jeder derſelben einzeln zum Aufbot gelangen; ſo wird ſolches dem Publico hiemit gebührend angezeiget. [1789]

Seit den frühesten Bezeugungen kann alternativ im Sinne von ‚abwechselnd, wechselweise‘ verwendet werden, wie etwa in „ein Vicariat entweder […] alternative, oder […] gemeinschafftlich […] verwalten“ (1712; vgl. daneben auch die Buchungen im ²DWB 2, 594, die für diese Bedeutung bis zum Jahr 1488 zurückreichen), oder aber im erwähnten Sinn von ‚wahlweise‘, wie in „alternative Gefängnis oder Geld-Straffe“ (1693).

Gerade für das 17. und 18., aber auch noch für das beginnende 19. Jahrhundert lässt sich beobachten, dass alternative bzw. alternativ im DTA-Korpus auffallend häufig in rechtlichen Kontexten auftritt (1693, 1723, 1808, 1840).1) Nicht zuletzt bucht die Neubearbeitung des Grimmschen Deutschen Wörterbuchs für alternativ bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich Belege, in denen das Wort in Rechtskontexten verwendet wird (vgl. ²DWB 2, 594). Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts scheint alternativ aus den rechtlichen Zusammenhängen herausgelöst zu werden und – bei zunächst gleichbleibendem Bedeutungsspektrum – auch in anderen Bereichen Verwendung zu finden (1868, 1891, 1943, 2000).

Alternatives Leben, alternative Energien: Zur Entstehung neuer, gesellschaftlicher und ökologischer Bedeutungen im 20. Jahrhundert

Ab den 1970er Jahren verbreitet sich das kleine Wörtchen alternativ dann also plötzlich rasant (vgl. die Wortverlaufskurve zu alternativDWDS). Über eine rein quantitative Veränderung hinaus lässt sich zugleich und vor allem eine semantische beobachten (vgl. auch Carstensen 1980, 18): Alternativ bedeutet nicht mehr nur wie zuvor ‚abwechselnd‘ oder ‚wahlweise‘, es entsteht die neue Bedeutung ‚im Gegensatz zur etablierten Norm, Technik oder Vorgehensweise stehend, handelnd‘.

Diese neue Bedeutung tritt vor allem in zwei Kontexten auf: Erstens wird alternativ nun zur Bezeichnung für bestimmte ‚gesellschaftliche Gruppierungen, die in mehr oder minder ausgeprägter Opposition zur Mehrheitsgesellschaft stehen‘: „Heute ist diese Massenbewegung alternativ: provokative, zornige, resignative Abkehr von der Gesellschaft, ihrem Alptraum.“ (1982b) Alternativ wird damit zu einem Wort des Themenfeldes Gesellschaft. Diese im engeren Sinn gesellschaftliche Bedeutungsdimension entwickelt sich vermutlich aus der bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts bezeugten, insgesamt jedoch wohl wenig verbreiteten weiteren Bedeutung ‚auf eine andere als die übliche Art und Weise; eine andere Möglichkeit darstellend‘ (1954, 1955, 1966). Die Übertragung auf gesellschaftliche Gruppierungen und die Entstehung der gesellschaftlichen Bedeutungsschicht setzt dann spätestens in den 1970er Jahren ein (1976, 1980a).

Sachhistorischer Hintergrund der Entstehung der neuen Bedeutung sind die Protestbewegungen der 1970er bis 1980er Jahre. Eine Rolle mögen, darauf weist das Anglizismen-Wörterbuch hin, auch die amerikanischen Protestbewegungen der 60er Jahre gespielt haben, deren der etablierten Gesellschaft und ihren ElitenWGd entgegengesetzter Lebensstil im Englischen als alternative bezeichnet wurde (vgl. Anglizismen-Wb. 1, 32/33). Tatsächlich datiert der erste Beleg, den das OED unter der Bedeutung ‚Of or relating to activities that represent an unorthodox style or approach; of a kind purported to be preferable to or as acceptable as those in general use or sanctioned by the establishement‘ bucht, auf 1962 (vgl. ³OED, s. v. alternative). Für die These des Anglizismen-Wörterbuchs spricht zudem, dass in deutschsprachigen Texten die englische Wendung der „alternative Society“ in Bezug auf englischsprachige Länder Verwendung findet (1970). Gleichwohl zeigen die deutschsprachigen Bezeugungen mit der Bedeutung ‚auf eine andere als die übliche Art und Weise‘ aus den 1950er Jahren, dass der semantische Wandel im Deutschen bereits durch die frühere Bedeutungserweiterung gewissermaßen vorbereitet worden ist. Die englischsprachigen sach- und sprachhistorischen Entwicklungen konnten im Deutschen insofern auf fruchtbaren Boden fallen und mögen mit Blick auf die rasante Verbreitung des Wortes in seiner gesellschaftlichen Bedeutung ab den 1970ern sicher eine Rolle gespielt, wenn nicht als Katalysator fungiert haben. Über die semantische Erweiterung von alternativ ergibt sich schließlich eine Nähe zu Wörtern wie Subkultur oder Jugendkultur (1982a).

Wohl ebenfalls ausgehend von der seit den 1950ern bezeugten Bedeutung ‚auf eine andere als die übliche Art und Weise; eine andere Möglichkeit darstellend‘ entwickelt sich zweitens seit den 1970er Jahren (1972) die ökologische Bedeutung von alternativ, die sich insbesondere in der Wortverbindung alternative Energien im Sinn von ‚regenerative‘ oder ‚erneuerbare Energien‘ zeigt (1989). Diese semantische Entwicklung nimmt ihren Ausgangspunkt bei der erstmalig Ende der 1970er Jahre bezeugten Verbindung alternative Energien, hier wohlgemerkt noch ohne ökologische Konnotationen und nur im Sinn von ‚als eine andere Möglichkeit‘ (1979). Die ökologische Aufladung der Wortverbindung mit der neuen Bedeutung einer ‚ökologischeren als der üblichen Variante‘ (1997) vollzieht sich dann schrittweise in den Debatten, die angesichts der Ölkrisen der 1970er Jahre, der Reaktorunfälle bei Harrisburg 1979, Tschernobyl 1986 und jüngst Fukushima 2011 sowie im Kontext des Umwelt- und Klimawandeldiskurses geführt werden.

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Die Wortverbindung alternative Energien entsteht zunächst vor dem Hintergrund der Ölkrisen. Alternativ impliziert hier zunächst schlicht alle Energiequellen, die nicht auf Erdöl basieren – was Kohlekraft und Kernkraft explizit einschließt (1979; vgl. auch Haß 1989, 417). In dieser Wortverwendung hat alternative Energien noch keine ökologischen Konnotationen. Vor dem Hintergrund der Reaktorunfälle bei Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986 und im Kontext der nunmehr auch auf die Gefahren von Atomkraft abzielenden Kernenergiediskussion der 1980er Jahre zählt Kernenergie dann nicht mehr zu den alternativen Energien; vielmehr referiert alternativ nun gerade auf Energieformen in Abgrenzung zur Kernkraft (1998a) und fasst hier Energiequellen wie Kohle, Gas, Öl, Erdwärme, Wasserkraft und Sonnenwärme zusammen (vgl. Haß 1989, 417). Ebenfalls in den 1980er Jahren entwickelt sich schließlich die heute dominante Verwendung im Sinne von ‚regenerative‘ oder ‚erneuerbare Energien‘ (1987), die nun im Kontext des Umwelt- sowie zuletzt insbesondere Klimawandeldiskurses Verwendung findet (1989, 1997; vgl. auch Haß 1989, 417). Alternativ ist hier nun endgültig ökologisch konnotiert, alternative Energien sind solche, die umweltfreundlicher sind als herkömmliche.

Insofern die Debatten um alternative Energien über lange Zeit von einer gesellschaftlichen Trägerschicht, die ihrerseits als alternativ im oben genannten gesellschaftlichen Sinn bezeichnet werden kann, geführt werden, ergeben sich zunächst enge Verbindungen zwischen den beiden Konnotationen und den daraus entstehenden neuen Bedeutungen. So kann mit Ulrike Haß für die 1980er Jahre sicher konstatiert werden, dass die Verwendung von alternative Energien einer Verwendung von alternativ im Sinn einer auf einen bestimmten gesellschafts- und umweltpolitischen Standort festgelegten Charakterisierung entspreche (vgl. Haß 1989, 417; daneben 1980a). Zugleich lässt sich für die weitere Verwendungsgeschichte von alternative Energien spätestens seit Beginn des 21. Jahrhunderts gegenüber den 80er und 90er Jahren (1998b) eine wachsende gesamtgesellschaftliche Trägerschaft des Diskurses um alternative Energien beobachten: „Ähnlich verfuhr Angela Merkel 2011 beim Atomausstieg: Weil nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima kaum noch jemand für eine Verlängerung der Laufzeiten der deutschen Atommeiler war, und die CDU deshalb mehrere Landtagswahlen zu verlieren drohte, schwenkte die Kanzlerin um und forcierte das Ende der Atomkraft in Deutschland. So sollte Grünen und SPD das Siegerthema genommen werden.“2) Hintergrund ist neben dem Reaktorunfall in Fukushima 2011, der den deutschen Atomausstieg beschleunigt hat, wohl auch die zunehmend gesamtgesellschaftlich wahrgenommene Relevanz des Klimaschutzes. Gehen also gesellschaftliche und ökologische Konnotationen von alternativ in den frühen Jahren der Debatte um alternative Energien Hand in Hand, treten sie in den vergangenen Jahren zunehmend auch getrennt voneinander auf.

Es sind nun die neuen gesellschaftlichen und ökologischen Bedeutungsschichten, die die eingangs genannten Wortverbindungen alternative Energien, alternative Lebensweise, alternative Szene allererst verständlich machen und die sich im Kontext der Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts entwickeln und durchsetzen. Vor diesem Hintergrund entsteht seit den 1980er Jahren eine Reihe an neuen Wortbildungen, die von alternative Ernährung (2004) über alternative Medizin (1980b) bis hin zu alternativer Nobelpreis (2007) reichen und die allesamt gerade an das gesellschaftlich und/oder ökologisch aufgeladene alternativ anschließen. Sowohl Formen alternativer Ernährung – man denke etwa an den Vegetarismus oder die Ernährungsreformbewegung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts – als auch Formen alternativer Medizin wie beispielsweise die Traditionelle Chinesische Medizin sind in der Sache selbst natürlich deutlich älter. Die Wortverbindungen hingegen sind neu – der Erstbeleg für alternative Medizin datiert in den DWDS-Korpora auf 1980 (1980b), der für alternative Ernährung auf 1995 (1995, Abrufdatum beider Erstbelege 23. 8. 2019). Anders formuliert: Alternativ ist seit den 1970er Jahren zu einem ausgesprochen produktiven und anschlussfähigen Wort avanciert.

Alternative Fakten oder: Unwort des Jahres 2017

Jüngst hat sich die Wortverbindung alternative Fakten in der Nachfolge einer Äußerung von Donald Trumps Wahlkampfmanagerin und Beraterin Kellyanne Conway weltweit, so auch in Deutschland, verbreitet (2017a).

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Sean Spicer, Pressesprecher des Weißen Hauses, hatte am 21. Januar 2017 bei einer Pressekonferenz unter anderem behauptet, dass bei der Amtseinführung von Donald Trump deutlich mehr Menschen als bei der seines Amtsvorgängers Barack Obama anwesend gewesen seien. Daraufhin wurde Trumps Beraterin Kellyanne Conway in der NBC-Sendung „Meet the Press“ am 22. Januar 2017 von Moderator Chuck Todd gefragt, weshalb Donald Trump seinen Pressesprecher bei seinem ersten Auftritt Unwahrheiten habe verbreiten lassen. Kellyanne Conway antwortete: „Don’t be so overly dramatic about it, Chuck. You’re saying it’s a falsehood […]. Sean Spicer, our press secretary, gave alternative facts to that“. Chuck Todd antwortete daraufhin: „Look, alternative facts are not facts. They are falsehoods“ (vgl. das Interview auf der Homepage von NBC News).

Die Debatte um alternative Fakten und um den Umgang der Regierung Trump mit Informationen entwickelt sich 2017 zu einem regelrechten Diskursereignis (2017b, 2017c, 2017d). Die Wortverbindung selbst, zunächst in der Presse noch in Anführungszeichen gesetzt, etabliert sich binnen Wochen nicht nur als feste Wendung und wird auch ohne Anführungszeichen verstanden (2017e), sondern wird auch in andere Kontexte übertragen (2017f und 2017g). Es handelt sich bei alternativen Fakten, so die Bedeutungsbestimmung im Neologismenwörterbuch, um eine „als andere Sichtweise behauptete, eigentlich aber falsche Information“ (s. Neologismenwb., s. v. alternativer Fakt, online; vgl. auch 2017e). Vor dem Hintergrund der Verwendung in verschleiernder Absicht für ‚falsche Fakten‘ einerseits und der Karriere der Wortverbindung andererseits wird alternative Fakten 2017 zum Unwort des Jahres gewählt.

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Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt: „Mit diesem Ausdruck werden Falschbehauptungen salonfähig gemacht und mit Tatsachenbehauptungen auf eine Stufe gehoben. In Deutschland wird ‚alternative Fakten‘ auch zur Kritik an dieser Praxis genutzt – diese kritischen Stimmen sollen durch die Wahl des Unworts 2017 explizit unterstützt werden. Die Bezeichnung ‚alternative Fakten‘ ist der verschleiernde und irreführende Ausdruck für den Versuch, Falschbehauptungen als legitimes Mittel der öffentlichen Auseinandersetzung salonfähig zu machen. Zwar ist der Ausdruck nur aus dem US-amerikanischen Kontext und dort nur aus einem einzelnen Redebeitrag belegt: Die Trump-Beraterin Kellyanne Conway bezeichnete die falsche Tatsachenbehauptung, zur Amtseinführung des Präsidenten seien so viele Feiernde auf der Straße gewesen wie nie zuvor bei entsprechender Gelegenheit, als ‚alternative Fakten‘. Der Ausdruck ist seitdem aber auch in Deutschland zum Synonym und Sinnbild für eine der besorgniserregendsten Tendenzen im öffentlichen Sprachgebrauch, vor allem auch in den sozialen Medien, geworden: ‚Alternative Fakten‘ steht für die sich ausbreitende Praxis, den Austausch von Argumenten auf Faktenbasis durch nicht belegbare Behauptungen zu ersetzen, die dann mit einer Bezeichnung wie ‚alternative Fakten‘ als legitim gekennzeichnet werden. Mit der Wahl dieser Wortverbindung zum Unwort des Jahres 2017 schließen wir uns daher den kritischen Stimmen in Deutschland an, die durch den im Deutschen fast ausschließlich distanzierenden Gebrauch des Ausdrucks warnend auf diese Tendenzen in der öffentlichen Kommunikation hinweisen. Der Ausdruck wurde 65-mal eingeschickt.“ (Alternative Fakten)

Anna S. Brasch

Anmerkungen

1)Ulrike Haß zufolge wurden mit alternativ zunächst Situationen als Entscheidungssituationen gekennzeichnet; „daran anknüpfend wurde alternativ bald überwiegend zur Charakterisierung einzelner Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten vor allem im öffentlich-politischen Bereich verwendet“. Vgl. Haß 1989, 415.

2)Greven, Ludwig: Ein bisschen nach links. In: Die Zeit, 31.01.2013, Nr. 5.

Literatur

  • Alternativer FaktUnwort des Jahres: Alternative Fakten (2017). (unwortdesjahres.net)
  • Anglizismen-Wb.Anglizismen-Wörterbuch. Der Einfluß des Englischen auf den deutschen Wortschatz nach 1945, begründet von Broder Carstensen, fortgeführt von Ulrich Busse. Bd. 1–3. Berlin/New York 1993–1996.
  • Campe, VerdeutschungCampe, Joachim Heinrich: Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke. Ein Ergänzungsband zu Adelung’s und Campe’s Wörterbüchern. Neue stark vermehrte und durchgängig verbesserte Ausgabe. In: Schmitt, Ludwig Erich (Hrsg.): Documenta Linguistica. Quellen zur Geschichte der deutschen Sprache des 15. bis 20. Jahrhunderts. Reihe II. Wörterbücher des 17. und 18. Jahrhunderts. Herausgegeben von Helmut Henne. Reprografischer Nachdruck der Ausgabe Braunschweig 1813. Hildesheim/New York 1970.
  • Carstensen 1980Carstensen, Broder: Wörter des Jahres 1979. In: Der Sprachdienst 24 (1980) H. 2, S. 17–23.
  • DFWBDeutsches Fremdwörterbuch. Begonnen von Hans Schulz, fortgeführt von Otto Basler, weitergeführt im Institut für Deutsche Sprache. Ab Bd. 4 bearbeitet von Alan Kirkness u. a. Bd. 1ff. Straßburg bzw. Berlin 1913ff. (owid.de)
  • ²DWBDeutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Neubearbeitung. Hrsg. von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (vormals Deutsche Akademie der Wissenschaften) und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Bd. 1–9. Stuttgart 1983–2018.
  • Haß 1989Haß, Ulrike: Umwelt. In: Gerhard Strauß/Ulrike Haß/Gisela Harras (Hrsg.): Brisante Wörter von Agitation bis Zeitgeist. Ein Lexikon zum öffentlichen Sprachgebrauch. Berlin/New York 1989, S. 395–557.
  • Interview ConwayInterview mit Kellyanne Conway am 22. Januar 2017 in der Sendung „Meet the Press“ auf NBC News. (nbcnews.com)
  • Mayer 2017Mayer, Andreas: alternativ. In: Jochen A. Bär/Jana Tereick (Hrsg.): Von „Szene“ bis „postfaktisch“. Die „Wörter des Jahres“ der Gesellschaft für deutsche Sprache 1977 bis 2016. Hildesheim u. a. 2017, S. 37–38.
  • MLWMittellateinisches Wörterbuch. Bis zum ausgehenden 13. Jahrhundert. In Gemeinschaft mit den Akademien der Wissenschaften zu Göttingen, Heidelberg, Leipzig, Mainz, Wien und der Schweizerischen Geisteswissenschaftlichen Gesellschaft hrsg. von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Bd. 1ff. Berlin 1967ff.
  • Neologismenwb.Leibniz-Institut für deutsche Sprache (IDS): Neologismenwörterbuch. (owid.de)
  • ³OEDOxford English Dictionary. The Definite Record of the English Language. Kontinuierlich erweiterte Ausgabe auf der Grundlage von: The Oxford English Dictionary. Second Edition, prepared by J. A. Simpson and E. S. C. Weiner. Vol. 1–20. Oxford 1989. (oed.com)
  • Wort des JahresGesellschaft für deutsche Sprache e. V.: Wort des Jahres (1979). (gfds.de)