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solidarisieren

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Das Verb (sich) solidarisieren ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts belegt und ist damit rund 50 Jahre später als das Substantiv Solidarität und das Adjektiv solidarisch überliefert. Es kann einerseits auf das französische (se) solidariser zurückgeführt werden, das zunächst gemeinsam mit jemandem haften und später allgemein für jemanden eintreten bedeutete. Andererseits ist es auch als Wortbildung zu dem im Deutschen bereits geläufigen Stamm solidar- sowie dem Suffix -isieren analysierbar. Während die transitive Verwendung insgesamt selten ist, dominiert von Beginn an die reflexive Form sich solidarisieren. Vorwiegende Bedeutung ist in diesem Fall eine bedrängte oder benachteiligte Person oder Personengruppe unterstützen. (Sich) solidarisieren kann auch als Sprechaktverb auftreten, bei dem das Aussprechen der Solidarität selbst die Handlung darstellt.

Wortgeschichte

Entlehnung und Fremdwortbildung

Das Verb (sich) solidarisieren tritt um die Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals auf. Es ist damit später als das Substantiv SolidaritätWGd und auch später als das Adjektiv solidarischWGd bezeugt, die beide bereits für die Zeit um 1800 nachweisbar sind. Wie Substantiv und Adjektiv kann auch das Verb (sich) solidarisieren auf eine französische Entlehnungsgrundlage zurückgeführt werden. Ausgangspunkt ist in diesem Fall französisch (se) solidariser für jemanden eintreten, dessen Position teilen (vgl. 1DHLF, 2113 und TLFi unter solidariser).1)

Das Aufkommen von solidarisieren kann allerdings nicht nur als direkte Übernahme aus dem Französischen, sondern auch als Ergebnis von Wortbildungsprozessen innerhalb des Deutschen erklärt werden. In diesem Fall ist solidarisieren als Bildung mit dem Stamm solidar-, der auch in Komposita wie Solidarverhältnis oder SolidargemeinschaftWGd enthalten ist, sowie dem verbalen Element -isieren zu verstehen (wie auch in finalisieren zu final oder dämonisieren zu Dämon).

Lesarten

Das transitive jemanden/etwas solidarisieren ist insgesamt selten. Es bedeutet entweder jemanden zum gegenseitigen Zusammenhalt bewegen (1872b, 1977) oder auch Einzelnes, Verschiedenartiges zusammenbringen (1921a). Wesentlich häufiger ist die reflexive Verwendung des Verbs. Sich solidarisieren tritt in einer Reihe eng verwandter Lesarten in Erscheinung. Zuerst bezeugt ist die Lesart sich auf die Seite einer (in Bedrängnis geratenen) Person oder Gruppe stellen, für diese eintreten; die Bezugsgröße der Handlung wird dabei bereits in den frühesten Belegen durch die Präposition mit angeschlossen (1849). Vor allem wenn das Objekt des Verbs keine Person, sondern eine Sache oder ein Abstraktum ist, kann auch eine metonymische Verschiebung zu der Bedeutung mit etwas einverstanden sein, sich einverstanden erklären gegeben sein. Man kann sich in diesem Fall etwa mit Maßnahmen, Tendenzen oder einem Programm solidarisieren (1921b, 1926, 1929). Allerdings ist diese Bedeutung in der jüngeren Geschichte des Wortes kaum mehr vertreten. Zur Gegenwart hin hat sich das reflexive sich solidarisieren in der Bedeutung sich auf die Seite einer (in Bedrängnis geratenen) Person stellen als dominante Gebrauchsweise durchgesetzt.

Kennzeichnend für diese Verwendungsweise ist, dass das Objekt, dem die Solidarität gilt, in irgendeiner Weise als schwach, bedrängt oder unterstützenswert dargestellt ist. Man kann sich in dieser Weise etwa mit streikenden Arbeitern, revoltierenden Studenten oder Flüchtlingen solidarisieren (1981, 2004, 2012, 2019b). Sich mit jemandem zu solidarisieren setzt somit ein Machtgefälle zwischen der im Subjekt ausgedrückten Bezugsgröße und der Bezugsgröße des (Präpositional-)Objektes voraus. Eher selten dagegen sind Verwendungsweisen, in denen gleichgestellte Personen sich solidarisieren, das heißt sich miteinander zusammenschließen. (Eine nah verwandte Bedeutung sich zusammenschließen ist ebenfalls belegt, bleibt aber selten [1872a, 1987, 2019a].)

Hiermit solidarisiere ich mich …: Sprechaktverb

Das Verb (sich) solidarisieren steht für eine innere Einstellung, die jemand gegenüber einer Sache oder Person einnimmt, und es kann zugleich das Verbalisieren einer solchen Einstellung bezeichnen. Seine Bedeutung ist in diesem Fall anzugeben als seine Verbundenheit mit einer Person oder Sache (öffentlich) erklären. Zentral für sich solidarisieren in dieser Lesart ist indes, dass die Solidaritätserklärung selbst als eine Handlung aufzufassen ist: Mit dem Aussprechen der inneren Einstellung wird nicht nur etwas beschrieben oder benannt, vielmehr wird mit den Mitteln der Sprache selbst auch etwas vollzogen. Sich solidarisieren verhält sich damit ähnlich wie die Verben etwas erklären oder jemandem etwas untersagen, die in einzelnen Lesarten ebenfalls nicht nur etwas bezeichnen, sondern zugleich eine Handlung darstellen können. Entsprechende Verben werden häufig auch mit dem Element hiermit verwendet: Ich erkläre hiermit den Konflikt für beendet, Wir untersagen hiermit das Rauchen im Flugzeug oder Wir solidarisieren uns hiermit mit den Opfern (zum Gebrauch von sich solidarisieren als Sprechaktverb vgl. 2002, 2014, 2020).

Anmerkungen

1) Nach den in 1DHLF, 2113 gegebenen Datierungen ist französisch solidariser in der rechtlichen Bedeutung gemeinsam haften seit 1842 zu belegen; die allgemeinere Bedeutung sich einverstanden erklären ist dagegen etwas jünger (1850, 1869). Der früheste reflexive Gebrauch wird auf 1868 datiert.

Literatur

1DHLF Dictionnaire historique de la langue française, par Alain Rey et al., 3. Aufl. Bd. 1–2. Paris 2000.

TLFi Trésor de la langue française informatisé (Trésor de la langue française, sous la direction de Paul Imbs/Bernard Quemada. Bd. 1–16. Paris 1972–1994). (atilf.fr)

Belegauswahl

Man verlangt, daß wir unsere Politik in Bezug auf Italien ändern. […]Unsere Politik ist noch dieselbe, die sie war als unser Corps nach Civita-Vecchia fuhr. Ich will und kann die römische Republik nicht anerkennen, mich nicht mit ihr solidarisiren; aber ich will nicht, daß der Fremde, der Neapolitaner und Oesterreicher, in Rom einziehe.

Neue Rheinische Zeitung, 13. 5. 1849, Nr. 297, S. [3]. (deutschestextarchiv.de)

Ihr werdet uns sagen, ob die von euch bei den Baumwollenarbeitern […]der anderen Häuser gemachten Anstrengungen uns zu einem günstigen Ergebniß verhelfen werden. Sagt ihnen nur, daß sie sich zuerst untereinander unterstützen sollen, […]um die Hülfe ihrer Brüder in den andern Ländern zu verdienen, falls der Kampf allgemeiner werden sollte. Sagt ihnen vor Allem, daß sie sich gruppiren, organisiren, solidarisiren, in den internationalen Bund der Arbeiter eintreten müssen, um sich der Mitwirkung Aller zu versichern

Die Grenzboten 31/2/1 (1872), S. 130. (deutschestextarchiv.de)

Wie Sie sagen, werden wir sicherlich, unfehlbar triumphiren, wenn wir den Erfolg mit Ausdauer in der Organisation suchen. Aber lassen wir nicht außer Augen, daß die Organisation den Zweck hat, für die Action die möglichst große Zahl zu solidarisiren.

Die Grenzboten 31/2/1 (1872), S. 181. (deutschestextarchiv.de)

Nach dem Kriege gab es nur ein Mittel, die wirtschaftliche und finanzielle Ordnung wiederherzustellen: Europa noch enger als vor dem Kriege zu solidarisieren und alle Völker zu gemeinsamer Arbeit berufen.

Die Grenzboten 80/1 (1921), S. 279. (deutschestextarchiv.de)

Meine Fraktion kann infolgedessen, so sehr sie die Vorkommnisse bedauert, und ohne sich mit den Einzelheiten der Maßnahmen der Behörden zu solidarisieren, dem Antrag, der zwei ganz verschiedene Dinge behandelt, nicht zustimmen.

Verhandlungen des Reichstages. Berlin 1921, S. 764. [DWDS] (digitale-sammlungen.de)

Wenn man sich mit den Tendenzen des vorgelegten Gesetzentwurfs nicht solidarisieren wollte, so wäre doch noch Gelegenheit gewesen, dies anläßlich der Regierungserklärung des Herrn Dr. Hans Luther auszusprechen und freimütig zu bekennen: Wir haben uns in unseren Voraussetzungen geirrt.

Verhandlungen des Reichstages. Berlin 1926, S. 5245. [DWDS] (digitale-sammlungen.de)

»Es ist anzunehmen«, schreibt Hans Conrad, »daß sich die Herausgeber der ‚Weltbühne‘ mit dem Hillerschen Programm solidarisieren

Tucholsky, Kurt: Die Rolle des Intellektuellen in der Partei. In: Ders.: Werke – Briefe – Materialien. Berlin 2000 [1929], S. 6507. [DWDS]

Hinter diesen Paragraphen stehen konkrete Unterdrückungsprogramme, die […]trotz der teilweisen Aufhebung und Veränderung der Vorschriften weiter gesellschaftlich wirksam sind. Das solidarisiert Frauen und [homosexuelle] Basis-Männer untereinander immer wieder von neuem.

Pilgrim, Volker Elis: Manifest für den freien Mann. Teil 1. Reinbek b. Hamburg 1983 [1977], S. 152. [DWDS]

Die Delegierten in Danzig haben sich mit den streikenden Bergarbeitern solidarisiert.

Süddeutsche Zeitung (Morgen), 28. 9. 1981, S. 2. [DWDS]

Sie werden sich solidarisieren, wenn es gegen die Polizei geht.

Der Spiegel, 7. 12. 1987, S. 33. [DWDS]

Wir, die „Alkoholtouristen“ vom Lichtenberger S-Bahnhof Nöldnerplatz, solidarisieren uns hiermit und ausdrücklich mit den Kollegen vom Prenzlauer Berg (Helmholtzplatz).

Berliner Zeitung, 3. 7. 2002. [DWDS]

„Natürlich, Madame Sagan ist mit dem Ferrari da, um sich mit der Revolte der Genossen Studenten zu solidarisieren.“

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26. 9. 2004. [DWDS]

Der DGB hat gezeigt, dass er sich mit den griechischen Arbeitern solidarisiert, die nicht für die Schuldenkrise verantwortlich gemacht werden können.

Frankfurter Rundschau, 5. 3. 2012. [DWDS]

Ich grüße und solidarisiere mich hiermit mit Allen, die offenen Herzens alle die kritisieren, welche zu Hass und Vergeltung aufrufen, alle diejenigen die Hochachtung haben und Demut zeigen vor dem Wunder der Natur, die die Unversehrtheit von Kindern schützen wollen und allen die gleichen Chancen wünschen.

Frankfurter Rundschau, 16. 8. 2014. [DWDS]

Peter Jong: Ja, wenn man bedenkt, wie viel Mut und Engagement unsere Vorväter im 19. Jahrhundert aufbringen mussten, um sich als Arbeiter zu solidarisieren und für Gerechtigkeit und gegen Unterdrückung zu kämpfen.

Neue Westfälische, 27. 4. 2019. [DWDS]

Es waren die Ungarn, die sich mit den DDR-Flüchtlingen solidarisierten, die offiziell die Ausreise aller DDR-Bürger „in ein Land ihrer Wahl“ genehmigten.

Maas, Heiko: Rede des Bundesministers des Auswärtigen, Heiko Maas, zur Eröffnung des Deutsch-Ungarischen Jugendforums, 10. 9. 2019. [DWDS] (bundesregierung.de)

Wir vom Leibniz-Gymnasium solidarisieren uns uneingeschränkt mit Idil und nehmen sie hiermit öffentlich in unsere Mitte.

Der Tagesspiegel, 17. 11. 2020. [DWDS]