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Wortgeschichte zu

Bourgeois

Bourgeoisie · bourgeois

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Die aus dem Französischen übernommenen Wörter Bourgeois (mit dem Adjektiv bourgeois) und Bourgeoisie bezeichnen, wie in der Gebersprache auch, anfänglich den Gegensatz zum Adel. Sie werden dann aber ab den 1840er Jahren zunehmend in Opposition zu Proletarier bzw. Proletariat gestellt und als zentrale Schlagwörter des Sozialismus ideologisch aufgeladen. Die Abwertung der so bezeichneten Schicht bzw. ihrer Angehörigen wird in der Folge auch über den engeren ideologisch-politischen Bereich hinaus zum festen Bestandteil des Wortgebrauchs.

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Wortgeschichte

Bourgeois und citoyen

Die substantivische Personenbezeichnung Bourgeois Angehöriger der besitzenden Schicht innerhalb einer Gesellschaft und das gleichlautende Adjektiv bourgeois treten seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in deutschen Texten in Erscheinung. Beide Wörter referieren auf französische Verhältnisse, sind also zunächst als Exotismen anzusehen. Dabei wird einerseits der Gegensatz zwischen Adel und Bürgertum betont (1773), andererseits auch der Gegensatz zwischen bourgeois und citoyen thematisiert, der für das Französische bis heute prägend ist (1784, 1840): citoyen steht dabei grundsätzlich für den Staatsbürger, während bourgeois den wohlhabenden, besitzenden Bürger meint. Bourgeois ist dabei schon im Französischen des 19. Jahrhunderts negativ aufgeladen; bereits bei dem Sozialphilosophen Saint Simon wird es als Gegensatz zu prolétaire verwendet (TLFi unter bourgeois bzw. citoyen, 25Kluge  144). Damit sind bereits wesentliche Züge der Bedeutungsgeschichte des Wortes in der Gebersprache vorgeprägt.

Ein Stigmawort des Klassenkampfs

Besondere Bedeutung kommt dabei den Autoren der sozialistischen Bewegung, allen voran Karl Marx und Friedrich Engels, zu. Bereits im Manifest der Kommunistischen Partei wird die (von Saint Simon begründete) Opposition von Bourgeois und ProletarierWGd etabliert (1848a, vgl. noch 1890).1) Die Rollen sind dabei klar verteilt: Der Bourgeois als Angehöriger der herrschenden Klasse innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft ist der Ausbeuter, der Proletarier bzw. Arbeiter der Ausgebeutete (1848b, 1848c). In Texten, die dem Sozialismus zuzurechnen sind, erscheint der Bourgeois indes nicht allein als Ausbeuter, ihm wird auch eine grundsätzliche moralische Verkommenheit unterstellt, so etwa die Neigung zu Prostitution und Ehebruch oder Mordlust (1848d, 1848e). Außerdem ist er feige und niederträchtig (1848f) und auch ohne Kunstgeschmack (1850). Borniert und philisterhaft ist er natürlich ebenfalls (1895). Bourgeois ist damit ganz klar zu einem Stigmawort geworden, mit dem der politische Gegner bezeichnet und auch geschmäht werden kann. Dies funktioniert nicht allein um die Mitte des 19. Jahrhunderts, auch in der Zeit der 1968er-Bewegung tritt dieser bis ins Unmenschliche verzerrte Typus des Bourgeois wieder in den Vordergrund (1972).

Das Wort ist dabei durchaus nicht mit Bürger gleichzusetzen; der Bourgeois entspricht eher dem Großbürger oder dem Kapitalisten, und seine Prototypen sind die Herren Fabrikanten (1894). Das Wort Bourgeois erfüllt im Feld der Bezeichnungen für den mittleren Stand somit eine wichtige differenzierende Funktion, indem es garantiert, dass Bürger – das ja immerhin auch Staatsbürger bedeutet – als nicht-wertender Ausdruck weiterverwendet werden kann. Damit wird in gewisser Weise auch die im Französischen vorhandene Unterscheidung von citoyen und bourgeoisfrz., von gutem und schlechtem Standesvertreter, nachgebildet.

Die Abwertung verfestigt sich

Die negativen lexikalischen Zuschreibungen, die vorwiegend aus der Zeit der 1848/49-Revolution stammen, sind in der Folgezeit zu festen Komponenten der Wortbedeutung geworden. Dies ist auch bei Autoren festzustellen, die nicht oder nicht im engeren Sinne eine linke Position vertreten, so beispielsweise sehr prononciert beim späten Fontane (vgl. 1882, 1898, 1899) oder auch in der nationalsozialistischen Presse (1939). Bourgeois kann dabei durchaus direkt als Beschimpfung verwendet werden (1896, 1906). Zumal jünger ist es indes auch stark bildungssprachlich: Wer es verwendet, stellt eine gewisse Belesenheit unter Beweis.

Der Bourgeois als Spießer

Teilweise lässt sich ab 1900 aber insofern eine Loslösung von ständische Zuordnungen erkennen, als Bourgeois zu einer Entsprechung des SpießbürgersWGd wird, dem vor allem um seine eigene Ruhe und Bequemlichkeit zu ist und der als konservativ, behäbig und verklemmt charakterisiert wird (1918, 1927, 1922, 1954, 2016a). Damit bildet sich ansatzweise eine weitere Bedeutung des Wortes heraus: saturierte (wohlhabende) Person, Spießer.

Mehr Abstraktum als Kollektivum: die Bourgeoisie

Stehen zunächst Bourgeoise und Adel als Oppositionspaar einander gegenüber (1839), wird das Wort dann seit den 1840er Jahren zunehmend in einen Gegensatz zum ProletariatWGd gebracht. In der marxistischen Ideologie bezeichnet das Wort dabei freilich weniger die Gemeinschaft der reichen, besitzenden Bürger als Personen als vielmehr eine abstrakte ökonomische und politische Macht, die jedes menschlichen Zuges entbehrt (1848g, vgl. auch 1912, 1923).

Das Adjektiv

Das Adjektiv bourgeois ist zwar insgesamt deutlich dichter bezeugt als das gleichlautende Substantiv, es geht gleichwohl ähnliche wortgeschichtliche Wege. Zunächst tritt es in der Beschreibung französischer Verhältnisse auf (1773, 1848h); dann wird es auch als ideologisch aufgeladenes Stigmawort des Sozialismus verwendet (1907, 1987). In seiner Grundbedeutung typisch für die Bourgeoisie kann es allerdings auch eher beschreibend gebraucht werden, etwa wenn Personen oder eine Lebensweise als wohlhabend, gediegen und großbürgerlich gekennzeichnet werden sollen (2005, 2016b).

Volker Harm

Anmerkungen

1) Zu diesem Gegensatz und seiner Vorgeschichte im Denken von Karl Marx s. auch GG, 1, 718; zum Gegensatz Bourgeoisie/ProletariatWGd vgl. ferner GG, 1, 721.

Literatur

GG Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. von Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck. Bd. 1–8. Stuttgart 1972–1997.

25Kluge Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Aufl. Berlin/Boston 2011.

TLFi Trésor de la language française informatisé (Trésor de la language française, sous la direction de Paul Imbs/Bernard Quemada. Bd. 1–16. Paris 1972–1994). (atilf.fr)

Belegauswahl

[…] und man wird begreifen, daß die Frau von Hohenauf im zweyten Monate, mit ihrer franzoͤſiſchen Mamſell, weit mehr zufrieden war, als im erſten. Wenn ſie ja an den Fraͤulein etwas fand, das ſie fuͤr bas und fuͤr bourgeois hielt, ſo nahm ſie ſich die Muͤhe, ihnen ſelbſt daruͤber einen Verweis zu geben.

Nicolai, Friedrich: Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker. Erster Band. Berlin/Stettin 1773, S. 185. (deutschestextarchiv.de)

Die Einwohner werden auf 25000 geschäht, und in Citoyens oder solche, die in der Stadt geboren sind, Bourgeois, dergleichen auch Fremde werden können, und Tarifs oder Nachkommen von Fremden, die sich ohne Bürger zu werden hier niedergelassen haben, eingetheilt.

Hammerdörfer, Karl/Kosche, Christian Traugott: Europa. Ein geographisch-historisches Lesebuch zum Nutzen der Jugend und ihrer Erieher. Erster Band. West- und Süd-Europa. Leipzig, 1784, S. 687. (gei.de)

Ja, der Adel iſt eine Magie, Bourgeoiſie und Philoſophie mögen ſagen, was ſie wollen. Adel iſt eine Schrift mit ſympathetiſcher Dinte; tauſendmal verſchwunden kommt ſie immer wieder zum Vorſchein. Selbſt, wenn man ſich in eigener Perſon zum Ritter ſchlägt, kriegt man Ehre, und Ehre iſt wieder eine Magie, ein Bann, eine Zauberformel.

Immermann, Karl: Münchhausen. Eine Geschichte in Arabesken. Dritter Theil. Düsseldorf 1839, S. 387. (deutschestextarchiv.de)

[…] denn dieser Passus derselben ist an sich eine Anomalie und ein Verstoß gegen die eben bezeichnete Meinung, dazu aber ist er eine Unmöglichkeit, weil die Unzureichendheit der Civilliste nie und in keinem Fall nachweisbar ist, indem der Bourgeois und Citoyen den Rechnungen, die man ihm vorlegt, seinen Spruch entgegenhält: „mit Vielem hält man Haus, mit wenig kommt man aus“, […]und im Fall er sich dessen nicht besinnt, von irgend einem weiland Vicomte oder Tribun an ihn und seine Folgen erinnert wird.

Allgemeine Zeitung, 5. März 1840, Nr. 65, S. 516. (deutschestextarchiv.de)

I. Bourgeois und Proletarier.

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.

[…]Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigner, Zunftbürger und Gesell, kurz, Unterdrücker und Unterdrückte standen in stetem Gegensatz zu einander, führten einen ununterbrochenen, bald versteckten bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete, oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. London 1848, S. 3. (deutschestextarchiv.de)

Sie [Arbeitermassen] werden als gemeine Industriesoldaten unter die Aufsicht einer vollständigen Hierarchie von Unteroffizieren und Offizieren gestellt. Sie sind nicht nur Knechte der Bourgeoisklasse, des Bourgeoisstaates, sie sind täglich und stündlich geknechtet von der Maschine, von dem Aufseher und vor Allem von dem einzelnen fabrizirenden Bourgeois selbst.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. London 1848, S. 8. (deutschestextarchiv.de)

Im Anfang kämpfen die einzelnen Arbeiter, dann die Arbeiter einer Fabrik, dann die Arbeiter eines Arbeitszweiges an einen Ort gegen den einzelnen Bourgeois, der sie direkt ausbeutet.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. London 1848, S. 8. (deutschestextarchiv.de)

Unsre Bourgeois, nicht zufrieden damit, daß ihnen die Weiber und Töchter ihrer Proletarier zur Verfügung stehen, von der officiellen Prostitution gar nicht zu sprechen, finden ein Hauptvergnügen darin, ihre Ehefrauen wechselseitig zu verführen.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. London 1848, S. 14. (deutschestextarchiv.de)

Die Pariser Bourgeoisie hat die ersehnte „Schlacht“ geliefert bekommen. Die Gründer der Republik wurden niedergemetzelt, Frauen und Kinder von den Bourgeois gemordet. Sie haben sich in der Wollust des Abschlachtens im Ganzen und Großen berauscht.

N. N.: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Nr. 45, 15. Juli 1848. Köln 1848, S. 223. (deutschestextarchiv.de)

Das sind die Früchte die Elberfeld durch seine schwarz-roth-goldene Emeute erndten will; die Bourgeois, welche allein durch ihren prämeditirten Verrath den Angriff der Soldaten abhielten, werden durch ihre Feigheit der Achtung des tapfern Hohenzoller gewiß sein.

N. N.: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Nr. 301, 19. Mai 1849. Köln 1848, S. 1715. (deutschestextarchiv.de)

Das Bedürfniß nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Ueberall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.

Die Bourgeoisie hat durch die Exploitation des Weltmarkts die Produktion und Konsumtion aller Länder kosmopolitisch gestaltet.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei. London 1848, S. 5. (deutschestextarchiv.de)

Man wettet sogar, daß Paris noch auf lange Zeit hin bourgeois bleibt. […]England und der Absolutismus zählen ja so fast auf ein Bündniß mit Frankreichs Bourgeois, damit Alles recht hübsch wieder in’s Alte komme.

N. N.: Neue Rheinische Zeitung. Organ der Demokratie. Nr. 153, 26. November 1848. Zweite Ausgabe. Köln 1848, S. 808. (deutschestextarchiv.de)

Es kostet Opfer, ein gebildeter Mann zu sein. Anders wirkt das Concert aus die Tochter des Bourgeois, die in bürgerlichem Ballstaat den Augenblick ersehnt, wo der Dirigent das Ende des Concerts verkündet, die Musiker ihre Notenbücher zumachen, die Kellner Tische und Stühle über die Seite bringen, und der Tanzmeister sich in die Mitte des Saales stellt.

Kuranda, Ignaz (Hrsg.): Jg. 9, 1850, II. Semester. I. Band. In: Die Grenzboten. Berlin 1850. (deutschestextarchiv.de)

Gefliſſentlich an den unübertroffenen Vorbildern Schinkel’s und ſeiner Schule vorübergehend, wie ſie die Villenſtraßen des Thiergartens aufweiſen, gefällt ſich der Bourgeois unſerer öſtlichen Stadtreviere darin, ſeinen „Donjon“, und, wenn es ſein kann, ſelbſt ſeinen „Belfroi“ zu haben.

Fontane, Theodor: Wanderungen durch die Mark Brandenburg. Vierter Theil: Spreeland. Beeskow-Storkow und Barnim-Teltow. Berlin 1882, S. 67. (deutschestextarchiv.de)

Das gehört zu den Gründen der Thatsache, daſs der Groll des Proletariers sich meistens nicht gegen die höchsten Stände, sondern gegen den Bourgeois wendet; denn diesen sieht er unmittelbar über sich, er bezeichnet für ihn diejenige Staffel der Glücksleiter, die er zunächst zu ersteigen hat, und auf die sich deshalb für den Augenblick sein Bewuſstsein und sein Wunsch nach Erhöhung konzentriert.

Simmel, Georg: Über sociale Differenzierung. Sociologische und psychologische Untersuchungen. Leipzig 1890, S. 97. (deutschestextarchiv.de)

Es war in sofern eine goldne Zeit für die Herrn Fabrikanten, als die Arbeiter entweder verhungern oder zu jedem, dem Bourgeois profitabelsten Preis arbeiten mussten; wobei die Unterstützungskomité’s als ihre Wachthunde agirten.

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Oekonomie. Dritter Band, erster Theil. Buch III: Der Gesammtprocess der kapitalistischen Produktion Kapitel I bis XXVIII. Hrsg. von Friedrich Engels. Hamburg 1894, S. 111. (deutschestextarchiv.de)

Ist es dem deutschen Bourgeois und dem deutschen Philister ein ungeheuerlich erscheinender Gedanke, die Altersgrenze für die Ausübung des allgemeinen gleichen Wahlrechts auf das vollendete 20. oder 21. Lebensjahr herabzusetzen, so erscheint ihm die Forderung, auch den Frauen das Stimmrecht zu gewähren, als Ausbund der Tollheit, als Wahnsinn.

Bebel, August: Die Sozialdemokratie und das Allgemeine Stimmrecht. Mit besonderer Berücksichtigung des Frauen-Stimmrechts und Proportional-Wahlsystems. Berlin 1895, S. 50. (deutschestextarchiv.de)

Ein Sozialist, Kommunist, Anarchist könnte dem B höhnisch vorhalten: „Sie Bourgeois, Sie Halber, Sie Schwachkopf! Was nützt mir das gleiche Wahlrecht? Jch will Gleichheit des Einkommens, der Genüsse!“ Die letzte Konsequenz wäre die Frauen- und Männergemeinschaft. Dieselbe kommt bereits, nicht als Jnstitut, wohl aber als Mißbrauch vor.

Walcker, Karl: Die Frauenbewegung. Kritische Betrachtungen. Straßburg 1896, S. 20. (deutschestextarchiv.de)

Denn der Bourgeois, wie ich ihn auffasse, wurzelt nicht eigentlich oder wenigstens nicht ausschließlich im Geldsack; viele Leute, darunter Geheimräte, Professoren und Geistliche, Leute die gar keinen Geldsack haben, […]oder einen sehr kleinen, haben trotzdem eine Geldsackgesinnung und sehen sich dadurch in der beneidenswerten oder auch nicht beneidenswerten Lage, mit dem schönsten Bourgeois jederzeit wetteifern zu können. […]Alle geben sie vor, Ideale zu haben; in einem fort quasseln sie vom „Schönen, Guten, Wahren“ und knixen doch nur vor dem goldnen Kalb, entweder indem sie thatsächlich alles was Geld und Besitz heißt, umcouren oder sich doch innerlich in Sehnsucht danach verzehren.

Fontane, Theodor: Von Zwanzig bis Dreißig. Autobiographisches von Theodor Fontane. Hrsg. von Universität Göttingen Theodor Fontane-Arbeitsstelle. Berlin 1898, S. 12. (deutschestextarchiv.de)

„Nun, dieſer Gundermann, wie immer die Dummen, iſt zugleich Intrigant, und während er vorgiebt, für unſern guten alten Stechlin zu werben, tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte ſenil ſei und keinen Schneid habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid als ſieben Gundermanns. Gundermann iſt ein Bourgeois und ein Parvenu, alſo ſo ziemlich das Schlechteſte, was einer ſein kann.

Fontane, Theodor: Der Stechlin. Roman. Berlin 1899, S. 225. (deutschestextarchiv.de)

[…]Nein, das ist dein schottisches Blut, Harry! Leugne es nicht: du drehst den Schilling um. Sie machte eine Bewegung, als sähe sie auf etwas in ihrer flachen Hand nieder — schüttelte bedenklich und kurz den Kopf und machte ihr Gesicht lang und puritanisch. Dann sah sie auf. ……

Bourgeois! sagte sie und steckte die Zunge heraus.

Kuranda, Ignaz (Hrsg.): Jg. 65, 1906, Drittes Vierteljahr. In: Die Grenzboten. Berlin 1906. (deutschestextarchiv.de)

Mit der Befestigung der bourgeoisen Klassenherrschaft wächst die Gleichgültigkeit, mit der Bedrohung dieser Klassenherrschaft durch das Proletariat aber steigt der Haß der Liberalen gegen das allgemeine Wahlrecht.

Zetkin, Clara: Zur Frage des Frauenwahlrechts. Berlin 1907, S. 21. (deutschestextarchiv.de)

Von der kleinen Zahl Berufstätiger unter ihnen abgesehen, nehmen die Frauen der Bourgeoisie an der gesellschaftlichen Produktion keinen Anteil, sie sind bloße Mitverzehrerinnen des Mehrwerts, den ihre Männer aus dem Proletariat herauspressen, sie sind Parasiten der Parasiten am Volkskörper.

Luxemburg, Rosa: Frauenwahlrecht und Klassenkampf. In: Frauenwahlrecht! Stuttgart 1912, S. 8–10, hier 9. (deutschestextarchiv.de)

Zwar verringert der Kleinhausbau die Sterblichkeit und kommt auch sonst der Hygiene zugute, aber er erzieht gleichzeitig den einfachen Mann zum vorsichtigen Bourgeois, der Bequemlichkeit, Ruhe und damit Kinderbeschränkung schätzen lernt.

Grabowsky, Adolf/Leutwein, Paul (Hg.): Die Zukunft der deutschen Kolonien. Gotha 1918, S. 42. [DTA]

Er ist biederer Durchschnitt u. Bourgeois; es ist nur ärgerlich, daß dies zum Univ.-Professor genügt, u. daß er es sicher weiter bringen wird als ich.

Klemperer, Victor: Tagebuch. In: ders., Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Berlin 2000 [1922], S. 100. [DWDS]

Sollte es der Bourgeoisie gelingen, Europa in einen zweiten verheerenden Krieg zu ziehen, so würde das erstens bedeuten, daß hauptsächlich die Generationen der Arbeiterklasse verbluten müßten und vernichtet würden, die die Träger der Zukunft sind, und zweitens würde wirtschaftlich Europa zum Bettler herabsinken.

Vossische Zeitung (Abend-Ausgabe), 9. 3. 1923, S. 2. [DWDS]

Der Weg zu den Müttern, aus deren Schoß allein alles Neue, Unbekannte, Staunenerregende, Gewaltige komme, werde verschüttet durch den Geist, der, fast hämisch, ein Philister, ein Bourgeois, nur die Wiederholung des Hergebrachten, Mittelmäßigen sanktioniere.

Haecker, Theodor: Christentum und Kultur. München 1927, S. 229. [DTA]

Es besitzt vielmehr augenblicklich die imponierendste Wehrmacht der Welt, und es wird auch nicht von feigen Bourgeois regiert, sondern von Adolf Hitler geführt.

N. N.: Außenpolitik. In: Archiv der Gegenwart, Bd. 9, 17. 6. 1939, S. 4105. [DWDS]

Der französische Bourgeois hat derart weniger Cant in Vorrat als der durchschnittliche deutsche, gar englische; demgemäß zeigt er weniger Sexualmuff, weniger libidinöse Verdrängungskomplexe.

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Berlin 1954, Bd. 1, S. 78. [DWDS]

Diese Bourgeois kennen keine menschliche Regung, wenn es ums Geld geht.

Enzensberger, Hans Magnus: Der kurze Sommer der Anarchie. Frankfurt a. M. 1972, S. 238. [DWDS]

Entgegen allen Behauptungen bourgeoiser Apologeten von einem grundlegenden Wandel der kapitalistischen Gesellschaft, die man am liebsten nicht mehr kapitalistisch nennen möchte.

Kuczynski, Jürgen: Tagebuch. Berlin 1987, S. 620. (deutschestextarchiv.de)

Rüdiger Voglers Wohnung ist in Saint-Germain, zwischen den Schuh- und Handtaschengeschäften der bourgeoisen Pariserinnen und der Fashion-Victims gelegen.

Berliner Zeitung, 20. 8. 2005. [DWDS]

Du hast alles angegriffen, was dem Bourgeois heilig war; den Fleiß, die Ordnung, sogar die Liebe.

Die Zeit, 7. 1. 2016, Nr. 02. [DWDS] (zeit.de)

Sonia Rykiel wuchs in einem bourgeoisen Milieu auf, ihr Vater war Uhrmacher, ihre Mutter eine Intellektuelle.

Die Zeit, 25. 8. 2016 (online). [DWDS] (zeit.de)