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Wortgeschichte zu

Hautevolee

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Das Wort geht auf die französische Verbindung de (la/la plus) haute volée von hohem bzw. höchstem Rang zurück. Im Zuge der Entlehnung entfällt die Präposition de, und die Kombination von Adjektiv und Substantiv wird als ein Wort Hautevolee reanalysiert. Während der französische Ausdruck auf unterschiedliche Bezugsgrößen anwendbar ist, denen hoher Rang zugesprochen wird, steht die ins Deutsche übernommene Verbindung ausschließlich für die hohe soziale Stellung von Personen und bedeutet dementsprechend Oberschicht einer Gesellschaft. Der Ausdruck kann dann auch auf Gruppen bezogen werden, die nicht in der Gesellschaft als Ganzer, sondern auf einem bestimmten Gebiet (z. B. Wirtschaft, Kultur) als tonangebend gelten.

Wortgeschichte

Die Entlehnungsgrundlage und ihre Modifikation

Das Wort geht auf die französische Verbindung de (la/la plus) haute volée von hohem bzw. höchstem Rang zurück, mit der sowohl Sachverhalte als auch Personen näher bestimmt werden (z. B. des gens de la (plus) haute volée Leute von hohem/höchstem Rang). Französisch volée bedeutet ursprünglich Flug, Flughöhe (vgl. TLFi unter volée C 1 b, zur Herkunft auch Pfeifer unter HautevoleeDWDS).

Im Zuge der Übernahme des Ausdrucks aus dem Französischen ins Deutsche wird dieser in mehrfacher Hinsicht modifiziert: Die Präposition de wird weggelassen bzw. nicht übertragen, und auch die Möglichkeit, einen Superlativ (de la plus haute) zu bilden, entfällt. Aus der Verbindung von Präposition, Adjektiv und Substantiv übernimmt das Deutsche somit lediglich die Adjektiv-Substantiv-Kombination haute volée, die dann zu einem Wort verschmolzen wird. Auch auf der Bedeutungsseite weicht die deutsche Entlehnung von ihrer Quelle ab: Während der französische Ausdruck auf ein ganzes Spektrum unterschiedlicher Bezugsgrößen anwendbar ist, denen hoher Rang zugesprochen wird, steht die ins Deutsche übernommene Verbindung ausschließlich für die hohe soziale Stellung von Personen. Im Zuge der Entlehnung ist somit aus einem qualifizierenden Präpositionalattribut mit der Bedeutung von hohem/höchstem Rang ein Kollektivnomen geworden.

Hautevolee als Bezeichnung für die Oberschicht

Der Ausdruck ist seit den 1830er Jahren in deutschen Texten bezeugt (1833, 1847). Neben die französische Originalschreibung tritt sehr früh auch schon die ans Deutsche angepasste Variante Hautevolee (mit Großschreibung des französischen Adjektivs und ohne Akzent).

Wer zur Hautevolee als der Oberschicht der Gesellschaft gehört, ist nur relativ zu bestimmen: Die Hautevolee ist immer die jeweils höchste, die mit dem jeweils größten Prestige versehene Schicht in einem sozialen Gebilde; dabei kann es sich im konkreten Fall um den Hochadel (1847, 1855), aber auch um Angehörige des Bürgertums handeln (so 1911 und 1919, hier in Bezug auf Beamte und Kaufleute im Gegensatz zum mittlere[n] und Kleinbürgertum); oftmals lassen die Belege – abgesehen von der Situierung der Gruppe auf der höchsten Stufe der Sozialhierarchie – auch weitergehende soziale Situierungen erkennen, etwa wenn von der Hautevolee einer Kleinstadt oder einem Dorf die Rede ist (1974b). Gelegentlich findet sich das Wort auch in ironisch-spöttischer Verwendung und in einer dem mündlichen Gebrauch angepassten Schreibung (1924, 1969).

Übertragungen

Ist Hautevolee zunächst und überwiegend auf die Gesellschaftsordnung eines Gemeinwesens, d. h. eines Landes oder einer Stadt, bezogen (1847, 1919, 1956), so kann es dann von hier ausgehend auch auf weitere Lebensbereiche angewandt werden, in denen hierarchische Strukturen eine Rolle spielen. Der Ausdruck bedeutet dann auch Personengruppe mit dem größten Einfluss und Ansehen auf einem bestimmten Gebiet. Dabei kann es sich um die führende Schicht im kulturellen Leben (1852), in der Wirtschaft (1984) oder im Sport bzw. in einer bestimmten Sportart (1974a) handeln.

Ablösungen: Beaumonde und High Society

In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass Hautevolee die ältere Bezeichnung BeaumondeWGd abgelöst habe (2DFWB unter Hautevolee, 25Kluge, 400). Beaumonde bedeutet vornehme Gesellschaft (wörtlich schöne Welt) und stammt aus dem gleichlautenden französischen Ausdruck. Dieser wird in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ins Deutsche übernommen. Semantisch entspricht er in der Tat teilweise dem jüngeren Hautevolee. Allerdings geht es in den Belegen zu Beaumonde weniger um den sozialen Rang, sondern eher um Eleganz und vornehme Lebensart der so Bezeichneten (vgl. 1831, 1857). Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass Übertragungen, wie sie bei Hautevolee auftreten, für Beaumonde nicht belegt sind.

Das ohnehin nicht sehr häufig bezeugte Beaumonde tritt seit ca. 1900 kaum mehr in Erscheinung (vgl. noch 1906 und 1964). Da um diese Zeit eine ganze Reihe von Bezeichnungen für die elegant lebende Oberschicht zur Verfügung steht – so die oberen ZehntausendWGd, die Crème der GesellschaftWGd oder partiell auch EliteWGd –, liegt es sicherlich nicht allein an einer Konkurrenz durch Hautevolee, dass sich Beaumonde nicht weiter etabliert hat.

Im Zusammenhang mit der Frage nach möglichen lexikalischen Ablösungsprozessen, die zu einem Rückgang von Hautevolee geführt haben, ist aber in jedem Fall auf High SocietyWGd hinzuweisen. Dieses kann als starker Konkurrent von Hautevolee wie von BeaumondeWGd angesehen werden, da damit eine Bezeichnung vorliegt, die nach verschiedenen Seiten hin moduliert werden kann, nämlich sowohl in Richtung auf die soziale Stellung als auch im Hinblick auf die Lebensart der Oberschicht.

High Society ist aber wohl letzten Endes auch deshalb erfolgreicher, weil Anglizismen im Themenfeld Politik und Gesellschaft – und selbstverständlich darüber hinaus – seit der Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich an sprachlichem Prestige gewinnen. Gleichwohl ist festzuhalten, dass Hautevolee auch noch nach der Jahrtausendwende bezeugt ist (vgl. 2003, 2004). Die Ablösung hat sich somit nicht vollständig vollzogen.

Volker Harm

Literatur

2DFWB Deutsches Fremdwörterbuch. Begonnen von Hans Schulz, fortgeführt von Otto Basler. 2. Aufl., völlig neu erarbeitet im Institut für Deutsche Sprache von Gerhard Strauß u. a. Bd. 1 ff. Berlin/New York 1995 ff. (owid.de)

25Kluge Kluge – Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. von Elmar Seebold. 25., durchgesehene und erweiterte Aufl. Berlin/Boston 2011.

Pfeifer Pfeifer, Wolfgang u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. (dwds.de)

TLFi Trésor de la langue française informatisé (Trésor de la langue française, sous la direction de Paul Imbs/Bernard Quemada. Bd. 1–16. Paris 1972–1994). (atilf.fr)

Weitere wortgeschichtliche Literatur zu Hautevolee.

Belegauswahl

London iſt jetzt ſo todt an Eleganz und faſhionablen Leuten, daß man kaum eine Equipage vorüberfahren ſieht, und von aller beau monde nur einige Geſandten gegenwärtig ſind.

Pückler-Muskau, Hermann von: Briefe eines Verstorbenen. Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England, geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828. Dritter Theil. Stuttgart 1831, S. 42. (deutschestextarchiv.de)

Zu Tische bei Jos. Schwarzenberg mit Hohenlohe. Finde viel Gelegenheit mich gegen den Haß eines Teiles der Hautevolee gegen mich wegen Reichstadt zu verteidigen.

Prokesch von Osten, Anton: Aus den Tagebüchern. 1830–1834. Wien 1909, S. 174. (archive.org)

Am Abende dieses Tages gab der Großfürst Constantin von Rußland der haute-volée Karlsbads einen glänzenden Ball. Dieser Ball war ein Ereigniß für die Badewelt, die sich in mancherlei spöttischen und geistvollen Bemerkungen über die persönlichen Beziehungen des Fürsten, über sein Familien- und Herzensleben erging. […]Denn diese Verhältnisse waren keinem der Karlsbader Gäste ein Geheimniß. Sah man doch seine Gemahlin, die edle Fürstinn Helene, täglich bleicher und kränker am Brunnen erscheinen, während das Auge ihrer Hofdame, der üppig schönen Gräfinn Sidonie von Lichtenfels jeden Morgen freudiger strahlte, wenn es den flammenden Blick des Fürsten traf.

Aston, Louise: Aus dem Leben einer Frau. Hamburg 1847, S. 44. (deutschestextarchiv.de)

Ich selbst hatte vorgezogen […], am Tage der ersten Vorstellung, das heißt am Montage, das erste Concert der deutschen Musikerin Wilhelmine Clauß zu besuchen. Der entschiedene Erfolg, den ihr erstes Auftreten hatte, bestätigt mein über sie gefälltes Urtheil vollkommen. Sie hat die blasirte Hautevolee so sehr zu begeistern verstanden, daß diese eine Fuge von Bach wiederholen ließ.

Die Grenzboten 11/1/1 (1852), S. 305. [DTA]

Die Whigs hinderten stets durch ihre Freundschaft die Mittelklassen, sich zu bewegen; die Tories durch ihre Freundschaft warfen die Volksmassen stets in die Arme der Mittelklassen, die sie den Whigs zur Disposition stellten. In diesem Augenblicke existiert kein Unterschied mehr zwischen Whigs und Tories, als daß letztere den Plebs und erstere die Hautevolee der Aristokratie repräsentieren. Die altaristokratische Phrase befindet sich auf Seite des aristokratischen Plebs; die liberale Phrase auf Seite der aristokratischen Hautevolee.

Neue Oder-Zeitung 227, 18. 5. 1855, S. 218–219. (mlwerke.de)

Eine Polka, in der verwegensten Behandlung, dursäuselte die Luft und die Schützen, also auch Honoratioren der Stadt, huschten als dämmerige Phantome vorüber, und wirbelten weibliche Toiletten mit sich hinweg, die uns einen eben nicht glänzenden Aufschluß über Suhls beau monde gaben.

Die Gartenlaube 5 (1857), S. 524. [DTA]

Beau monde (frz., bo mongd), die schöne Welt, nämlich die vornehme, feine Gesellschaft.

Brockhaus’ Kleines Konversations-Lexikon. Berlin 2001 [1906], S. 6703. [DWDS]

Dann aber, als ich das Bellevuetheater gefunden hatte, sah ich in dem sauberen Saal die Hautevolee von Tegel versammelt, und das kunstliebende Publikum hatte mit der Zuhörerschaft der Berliner Theaterhäuser gemein, daß es fast nur aus Damen bestand.

Berliner Tageblatt (Abend-Ausgabe), 3. 3. 1911, S. 1. [DWDS]

In der Tat fanden wir, als wir den Rathaussaal betraten, die Hautevolee des Städtchens dort versammelt, nämlich die Beamtenschaft und einige Kaufleute, die mit überaus ernsten und strengen Gesichtern in den ersten Reihen saßen; hinter ihnen saß neugierig das mittlere und Kleinbürgertum.

Blos, Wilhelm: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. Bd. 2. In: Oliver Simons (Hrsg.): Deutsche Autobiographien 1690–1930, Berlin 2004 [1919], S. 9956. [DWDS]

„Aber schade ist es doch, daß Sie den Winter nicht mitmachen, denn was so die Hotevoleh ist“, sagte er [Hofrat Behrens] mit scherzhaft unmöglicher Aussprache, „die internationale Hotevoleh da unten in Platz, die kommt doch nun mal erst im Winter, und die müßten Sie sehen, da täten Sie etwas für Ihre Bildung“.

Mann, Thomas: Der Zauberberg. Roman. Gesammelte Werke in dreizehn Bänden. Frankfurt a. M. 1974 (Lizenzausgabe 1990), Bd. 3, S. 151.

Wer in die italienische Hautevolee eingeführt wird, sollte sich genau vergewissern, wer welche Ehrentitel führt, also etwa „Commendatore“ oder „Cavaliere“ ist.

Graudenz, Karlheinz/Erica Pappritz: Etikette neu. Berlin 1967 [1956], S. 471. [DWDS]

Die „Beau Monde“ von Westeuropa gibt sich hier wieder ein Stelldichein, im letzten Jahr kamen über eine Million Besucher, ungefähr ein Viertel von ihnen waren Ausländer.

Die Zeit, 17. 1. 1964, Nr. 3. [DWDS] (zeit.de)

Für die Sprößlinge der Mainzer Hoodwollé (Haute-Volée nannte sich weniger die gute als die wohlhabende Gesellschaft) war die Sache früher verhältnismäßig einfach. Es gab da eine stadtnotorische Madame Beauri […], eine Dame reiferen Alters, die […], mit opulentem Schmuck behängt, in der grellen Eleganz einer Pariser Coquotte einherging, und eine ganze Generation zahlungskräftiger junger Herren […],von Vätern auf Söhne, von Onkeln auf Neffen vererbt, in die ars amandi eingeweiht haben soll.

Zuckmayer, Carl: Als wär's ein Stück von mir. Horen der Freundschaft. Frankfurt a. M. 1969, S. 175 (35. Aufl. 2019).

Die Hautevolee dieses Sports erhofft sich von diesen Meisterschaften neue Erkenntnisse.

Die Zeit, 18. 1. 1974, Nr. 04. [DWDS] (zeit.de)

Der Kern des Orts, der seit kurzem zur Großgemeinde Seevetal gehört, soll ein ganz neues Gesicht bekommen, damit die Hautevolee „auch mal in Nerz und Smoking durchs Dorf bummeln kann“ (so Meier).

Die Zeit, 1. 2. 1974, Nr. 06. [DWDS] (zeit.de)

Kiep sah auch nicht, daß es sich mit seinen Funktionen als Finanzminister, CDU-Schatzmeister, Aufsichtsratsvorsitzender der Hannover Messe und beim Volkswagenwerk nicht vertrug, in Gesprächen mit der Hautevolee der Wirtschaft deren Spendenbereitschaft zu erhalten.

Die Zeit, 7. 9. 1984, Nr. 37. [DWDS] (zeit.de)

Denn Tennis, einst ein Sport der Hautevolee, hat sich längst abgekoppelt von verwandten Vergnügen wie der Hatz nach dem Wild im grünen Wams.

Berliner Zeitung, 8. 10. 2003. [DWDS]

Und vor allem macht die globale Wirtschaftsflaute auch der Hautevolee zu schaffen.

Der Tagesspiegel, 31. 1. 2004. [DWDS]