Vorschauansicht

Wortgeschichte zu

antimodern · gegenmodern

Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Sowohl das Adjektiv antimodern als auch das Adjektiv gegenmodern bedeuten gegen die gesellschaftliche oder kulturelle Moderne gerichtet. Zwar ist antimodern bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelegentlich bezeugt, weitere Verbreitung finden beide Adjektive allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, vermutlich vor dem Hintergrund der entsprechenden Debatten der Zeit um Moderne, Vormoderne und Spät- oder Postmoderne.

Wortgeschichte

Antimodern und gegenmodern: Bedeutungen

Mit antimodern und gegenmodern sind im Deutschen gleich zwei Adjektive belegt, die in einem vorwiegend synonymischen Verhältnis zueinander stehen und gegen die Moderne gerichtet bedeuten. Beide Wörter setzten sich aus einem Präfix sowie dem Anfang des 18. Jahrhunderts ins Deutsche entlehnten Adjektiv modernWGd zusammen.

Hinsichtlich ihrer Bedeutungen sowie der mit den Wörtern verbundenen Konnotationen sind die Adjektive den Substantiven AntimoderneWGd und GegenmoderneWGd sehr ähnlich: Sie begegnen sowohl in der Bedeutung gegen die gesellschaftliche Moderne gerichtet (2001a, 1999) als auch in der Bedeutung gegen die literarische, künstlerische und architektonische Moderne gerichtet (1997, 1991a). Ferner handelt es sich vornehmlich um Fremdzuschreibungen (1992, 1996b) oder aber in analytischer Perspektive um Beschreibungskategorien für bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Strömungen (2002a). Vor diesem Kontext gehören zudem Bedeutungsaspekte des Rückständigen (2017) ebenso wie in der Regel negativ Konnotationen (1996a, 2016) zur semantischen Kontur der Wörter. Sie begegnen nicht zuletzt häufiger in Zusammenhang mit der Adressierung völkischer bzw. rechter sowie fundamentalistischen Strömungen (1991b, 2002b, 2005).

Antimodern, das Adjektiv modern und das Substantiv Antimoderne

Die Abbildung zeigt die DWDS-Wortverlaufskurve zu antimodern.

Abb. 1: DWDS-Wortverlaufskurve zu antimodern

DWDS (dwds.de) | Bildzitat (§ 51 UrhG)

Antimodern ist das ältere der beiden Adjektive: Hier datieren erste Belege bereits auf die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts (1869, 1882). Insgesamt ist das Wort allerdings zunächst wenig verbreitet, eine größere Verwendungsfrequenz hat es erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (vgl. Abb. 1 sowie die entsprechende Wortverlaufskurve des Google NGram Viewers). Möglicherweise handelt es sich daher bei den frühen Belegen eher um Spontanbildungen zum Adjektiv modernWGd als um ein in den Sprachhaushalt eingegangenes Wort – jedenfalls stehen neben Bezeugungen, in denen das Wort erkennbar auf das naturalistische Schlagwort modern bezogen ist (1890, 1896), durchaus heterogene und schwer auf einen Nenner zu bringende Verwendungen (1884, 1888, 1903). Antimodern ist im Übrigen – anders offenbar als gegenmodern – gelegentlich auch in alternativer Schreibung mit Bindestrich belegt (2001b, 2002a, 2009).

Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheint das Adjektiv antimodern (1963, 1966) in den allgemeinen Sprachhaushalt einzugehen. Die zunehmende Verbreitung sowohl von antimodern als auch von gegenmodern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist insofern wohl im Kontext entsprechender Debatten der Zeit um ModerneWGd und Post-WGd, Nach-WGd oder SpätmoderneWGd zu verorten. Schwierig zu entscheiden ist, inwieweit die Bildung des Substantivs AntimoderneWGd, die auf die 1980er Jahre datiert, Auswirkungen auf die weitere Verbreitung des Adjektivs antimodern hat: Die entsprechenden Wortverlaufskurven sind hinsichtlich der Frage der Verbreitung von Substantiv und Adjektiv nicht ganz einheitlich (vgl. Abb. 2 sowie die entsprechende Wortverlaufskurve des Google NGram Viewers). Auch wenn das Adjektiv also vor dem Substantiv gebildet wird, kann für die semantische Kontur ebenso wie für die weitere Verbreitung des Adjektivs die Bildung des Substantivs durchaus relevant gewesen sein. So fällt jedenfalls auf, dass die Bedeutung auch von antimodern gegenüber den Bedeutungen von modern enger gefasst ist und sich eher im Sinne von auf die Strömung der Antimoderne bezogen beschränkt, als dass es ex negativo auf das semantisch breiter aufgestellte modern bezogen ist.

Gegenmodern: Wortbildung unter Einfluss von antimodern?

Die Abbildung zeigt die DWDS-Wortverlaufskurve zu antimodern und gegenmodern.

Abb. 3: DWDS-Wortverlaufskurve zu antimodern und gegenmodern

DWDS (dwds.de) | Bildzitat (§ 51 UrhG)

Das Adjektiv gegenmodern ist erst seit den 1970er Jahren bezeugt (1978) und damit selbst dann, wenn man die frühen Belege um die Jahrhundertwende für antimodern als Gelegenheitsbildungen wertet, erst nach der Bildung von antimodern (1963, 1966). Zudem scheint gegenmodern insgesamt weniger weit verbreitet als antimodern (vgl. Abb. 3 sowie die entsprechende Wortverlaufskurve des Google NGram Viewers). Ein Einflussfaktor für die Bildung von gegenmodern könnte freilich die zunehmende Verbreitung des Adjektivs antimodern gewesen sein.

Anna S. Brasch

Belegauswahl

Der Kern des Pudels liegt in des Verfassers Abneigung gegen die revolutionäre Geschichtsmalerei der Franzosen und die patriotische Porträtdarstellung in Ehrenstatuen ausgezeichneter Männer; in architektonischen Sachen ist er so antimodern gegenüber modernen Fabrik- und Profanbau, die Zustände „beklagenswert“ zu finden, wenn auf so und so viel Einwohner einer großen Stadt „jetzt viel weniger Kirchen kommen als in den Jahrhunderten des Mittelalters“.

Blätter für literarische Unterhaltung, 8. 4. 1869, Nr. 15, S. 225–231, hier S. 231. (books.google.de)

Er liess sich überhaupt bei der Beurtheilung dichterischer Schöpfungen meist nur von den Grundsätzen und Mustern des griechischen Alterthums leiten und dachte und empfand ganz antimodern. Nur die Alten fand er „gesund“; die Jetztzeit galt ihm fast durchaus für krank oder doch angekränkelt, und ihre poetischen Vertreter schienen ihm entweder schwächlich oder blosse Nachahmer, besonders dann, wenn sie nicht in Richtung und Ausdruck streng national waren.

[Siegel, Heinrich]: Joseph Haupt. In: Bericht der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaftlichen und der Philosophisch-Historischen Classe […]. Erstattet von dem Generalsecretär Dr. Heinrich Siegel. In: Almanach der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. 32. Jahrgang. Wien 1882, S. 183–222, hier S. 195. (books.google.de)

Die Texte selbst für die oberen Klassen lassen trotz aller Sorgfalt doch vielfach erkennen, dass der Ausdruck aus lateinischer Quelle stammt, oder dass der Verfasser, wenn er ihn nicht dazu bestimmt hätte, namentlich wenn, um den antiken rhetorischen Elan einzuüben, undeutsch und antimodern klingende Formalien zum Ausdruck kommen müssen.

Zeitschrift für das Gymnasial-Wesen 38 (1884), S. 218. (books.google.de)

Was die Staatsschule angeht, da steht alles, was nicht geradezu antimodern, d. h. antipreußisch ist, zusammen, „alles, was nicht katholisch werden will.“

Die Grenzboten 47/4 (1888), S. 195. (books.google.de)

Denn das Leitmotiv, das durch alle ihre Litaneien klingt, ist uns tief zuwider. Es riecht uns nach Fäulniß und Decadence und ist antimodern bis in seine letzte Note.

Freie Bühne für modernes Leben 1, 29. 1. 1890, Nr. 1, S. 165. (books.google.de)

An allen drei Erzählungen hob die antinaturalistische und antimoderne Kritik mit besondrer Genugthuung hervor, daß die Verfasser mit lobenswerter Entschiedenheit Stellung gegen die umstürzlerischen Neigungen der Gegenwart genommen hätten.

Die Grenzboten 55/1 (1896), S. 135. (deutschestextarchiv.de)

Aber andrerseits ist sie mit der Tiefe und Ausschließlichkeit ihres religiösen Verlangens, mit ihrem Bewußtsein der Nichtigkeit des bloßen Menschen und aller irdischen Dinge durchaus unmodern, ja antimodern.

Clausnitzer, Eduard/Johannes Heydtmann (Hrsg.): Deutsches Lesebuch für Lehrerseminare. Zweiter Teil. Prosa aus Religion, Wissenschaft und Kunst. Berlin/Leipzig 1903, S. 15. (gei.de)

Dies mag einen der Gründe dafür bilden, daß sein Werk erst ein Jahrzehnt nach seinem Tode dem deutschen Publikum zugänglich gemacht wurde, während bei uns jährlich Dutzende von Bänden antimoderner „Kulturkritik“ erscheinen.

Die Zeit, 13. 9. 1963, Nr. 37. [DWDS] (zeit.de)

Aber während die USA mit dem New Deal ihre Verwaltung grundlegend änderten, herrschte in Deutschland ein antimodernes Regime.

Die Zeit, 9. 12. 1966, Nr. 50. [DWDS] (zeit.de)

Im Bekenntnis werden auch nicht, wie fehlberatene gegenmoderne Orthodoxie will, Inhalte des christlichen Wortes gegenständlich geordnet vorgesetzt.

Baur, Jörg: Einsicht und Glaube. Aufsätze. Band 1. Göttingen 1978, S. 284.

In dieser antimodernen, schollenbewußten, oft sentimentalen und ideologisch unterfütterten Heimatkunst fanden sich sowohl die erste Generation landflüchtiger Arbeiter wieder wie das Kleinbürgertum, das neiderfüllt zum agrarischen Mittelstand aufblickte, der nationalstolze Besitzbürger und auch der vermögende Gutsbesitzer, ja sogar der Junker.

Wittmann, Reinhard: Geschichte des deutschen Buchhandels. In: Mark Lehmstedt (Hrsg.): Geschichte des deutschen Buchwesens. Berlin 2000 [1991], S. 8338. [DWDS]

In diesem Fall geht es darum, die unter anderem von Klaus Hildebrand und Henry A. Turner Jr. vertretene These vom gegenmodernen Gehalt des Nationalsozialismus zu widerlegen.

Die Zeit, 20. 9. 1991, Nr. 39. [DWDS] (zeit.de)

Man hat George Steiner vorgehalten, seine Kritik verkenne Mallarmés Dichtung und betreibe zugleich eine antimoderne Re-Theologisierung der Kunst.

Die Zeit, 25. 9. 1992, Nr. 40. [DWDS] (zeit.de)

Die Kunststadt München, oft als antimodern geschmäht, meint es diesmal ernst mit der Moderne.

Berliner Zeitung, 21. 8. 1996. [DWDS]

Er hält den Berlinern eine „antimoderne retrospektive Haltung“ vor.

Berliner Zeitung, 16. 12. 1996. [DWDS]

Edith Clevers Bühnenfassung des „Hausbesuchs“ ist daher auch ein literaturpolitisches Signal: Erprobt wird die Publikumswirksamkeit der avanciertesten deutschen Gegenmoderne (avanciert und gegenmodern – weniger paradox läßt sich der Fall Borchardt eben nicht umreißen).

Berliner Zeitung, 20. 1. 1997. [DWDS]

Zwar ist Deutschland besonders anfällig für eine Art antimodernen Widerstands, für eine Neigung zur Vormoderne im geistigen und gesellschaftlichen Feld.

Der Tagesspiegel, 14. 3. 1999. [DWDS]

Das Drehbuch von Leslie Dixon beruht auf einem Roman von Catherine Ryan Hyde, es exekutiert mit bemerkenswerter Konsequenz eine gegenmoderne Bewegung durch: Nach dem Scheitern der ausdifferenzierten Gesellschaft und ihrer Institutionen (die Schule!) hilft nur ein Zurück zur Integration durch Religion.

Berliner Zeitung, 5. 4. 2001. [DWDS]

Die generelle Abstinenz von der musikalischen Moderne ist das folgenschwerste Resultat eines Wechselspiels zwischen den Präferenzen der anti-modern gesonnenen Hörerschaft einerseits und der Programmplanung der Konzertinstitutionen andererseits.

Der Tagesspiegel, 1. 6. 2001. [DWDS]

Seit dem der Zerfall der Monarchie und der Entstehung der Ersten Republik war es im deutschsprachigen Raum zu verschiedensten Entwicklungsprozessen innerhalb der Literatur gekommen. Besonders dominant und länderübergreifend entwickelt sich seit den frühen zwanziger Jahren, besonders jedoch in den dreißiger Jahren, eine literarische Haltung, die von der Literaturkritik und geschichtsschreibung mit den charakterisierenden Termini »bodenständig«, »völkisch«, »national«, »anti-liberal«, »anti-modern« versehen wird. K. Müller holt mit Bezug auf Ketelsen 1976 und Vondung 1976 bei seinem Definitionsversuch der Begriffe »anti-modern« bzw. »Antimoderne« noch weiter aus. »Antimoderne« sei demnach definiert als »Ensemble der regressiven Literatur« oder als »Literatur der (klein) bürgerlichen Anti-Modernisation.

Mattle, Christoph: Gustav von Festenberg – zwischen Schöngeist und Beamtentum, Hrsg: Eicher, Thomas; Hackert, Fritz; Hamacher, Bernd – Oberhausen: ATHENA-Verlag, 2002, 348 S. [S. 167]. [IDS]

Das Gemeinsame der fundamentalistischen Religionsdeutung war zunächst der Versuch, über die Religion eine Gegenmoderne auszuformulieren. Doch ist die gegenmoderne Religionsdeutung nur als Teil einer globalen Moderne zu verstehen, denn kulturgeschichtliche Stile provozieren stets einen entsprechenden Gegendiskurs.

Neue Zürcher Zeitung, 2. 3. 2002, S. 85. [IDS]

So entstand eine Typologie der Deutschen, die mit Umbrüchen und Errungenschaften des frühen 20. Jahrhunderts rein gar nichts zu tun hatte und sich stattdessen so ländlich-sittlich wie anti-modern herleitete aus den Kategorien Blut und Boden, Volk und Rasse – die also nur zu leicht von den Nationalsozialisten ideologisch genutzt werden konnte.

Berliner Zeitung, 23. 7. 2005. [DWDS]

Wer islamistische Ideologien als anti-modern und rückwärtsgewandt abtut, macht es sich zu leicht.

Süddeutsche Zeitung, 6. 5. 2009, S. 14. [IDS]

Obergrenze, Polizisten und Soldaten an Grenzen, mehr Überwachung und warum haben Flüchtlinge eigentlich Handys, kurzum: das ganze Potpourri an populistischem, reaktionärem, antimodernem Geschwätz von Vorvorgestern.

Die Zeit, 19. 10. 2016 (online). [DWDS] (zeit.de)

Kann es sein, dass diese eindeutig gestrige, antimoderne und immanent antijüdische Abwehrhaltung damit zu tun hat, von wem sie Denken und Schreiben gelernt haben?

Die Zeit, 6. 4. 2017, Nr. 15. [DWDS] (zeit.de)