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Wortgeschichte zu

Gettoisierung / Ghettoisierung

gettoisieren / ghettoisieren

sozialräumliche Segregation

Themenfeld Politik & Gesellschaft

Kurz gefasst

Ghettoisierung leitet sich von dem seit dem 17. Jahrhundert bezeugten Ghetto ab. Anders als seine Ableitungsbasis ist Ghettoisierung vergleichsweise jung: Es wird in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt, zunächst mit der allgemeinen Bedeutung Prozess der sozialräumlichen Segregation der Juden. Nach 1933 bezeichnet das Wort die Errichtung von abgesonderten, eingezäunten Stadtteilen und die zwangsweise Verschickung von Juden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt es zu einer Bedeutungserweiterung: Ghettoisierung kann sich nun auch auf den Prozess der sozialräumlichen Segregation von Minderheiten und Einkommensschwachen beziehen.

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Wortgeschichte

Vom Ghetto zur Ghettoisierung jüdischer Bevölkerung

Die Geschichte des Wortes Ghettoisierung bzw. Gettoisierung hängt unmittelbar mit der Geschichte seiner Ableitungsbasis GhettoWGd zusammen. Ghetto ist seit dem 17. Jahrhundert mit der Bedeutung Stadtviertel, in dem Juden abgetrennt von der übrigen Bevölkerung leben im Deutschen bezeugt (1614). Entlehnt wird es, soviel kann als gesichert gelten, aus dem italienischen ghetto. Die weitere Herkunft ist hingegen nicht eindeutig geklärt (vgl. GhettoWGd). Im Deutschen zunächst und bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein in Bezug auf Italien verwendet (1704), kann das Wort seit dem 19. Jahrhundert auch ein separates, zum Teil auch zwangsweise abgeschlossenes Judenviertel außerhalb Italiens bezeichnen (1835).

Von dieser Bedeutung leitet sich im frühen 20. Jahrhundert Ghettoisierung ab. Das Wort gehört im Bereich der Wortbildung des Substantivs damit zu den wenigen Ableitungen mit Suffix -ung, die keine verbale, sondern eine substantivische Basis haben (vgl. hierzu Fleischer/Barz 2012, 225 und 229); die verbale Ableitung gettoisieren bzw. ghettoisieren ist erst seit den 1970er Jahren bezeugt (1974a, 2001; vgl. auch 2DFWB unter Ghetto) und ausgesprochen selten. Überwiegend bedeutet ghettoisieren isolieren, absondern (2000), nur selten wird es in Bezug auf die (Zwangs-)Segregation von Juden verwendet (2003). Das Substantiv Ghettoisierung hat zunächst die Bedeutung Prozess der sozialräumlichen Segregation von Juden im Allgemeinen (1920). Daneben gibt es Verwendungen in Bezug auf Minderheiten im Allgemeinen (1931). Insgesamt ist die Verbreitung des Wortes zu dieser Zeit noch gering. Dabei wird das Wort zunächst auch von jüdischer Seite verwendet (1920).

Unter nationalsozialistischer Herrschaft steht Ghetto für behördlich erzwungenes, zwangsweise eingerichtetes und räumlich beschränktes jüdisches Wohnviertel und erhält damit neue Bedeutungsaspekte (vgl. hierzu auch Ravid 1992, 383). Vor diesem Hintergrund bezieht sich auch Ghettoisierung nunmehr vor allem auf den Prozess der erzwungenen sozialräumlichen Segregation von Juden. Sein Auftreten in Zusammenhang mit der Deportation der Juden zeigt zugleich, dass Ghettoisierung nunmehr für einen Teilprozess innerhalb der systematischen Vernichtung der Juden während des Zweiten Weltkriegs steht (1938, 1941). Auch gegenwärtig wird das Wort mit Bezug auf diesen historischen Sacherhalt verwendet (1981, 1988, 1994).

Sozialräumliche Segregation von Minderheiten. Bedeutungserweiterung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Vermutlich als Neuentlehnung aus dem Englischen nimmt Ghetto in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die neue Bedeutung Stadtviertel, in dem Minderheiten, Einwohner verschiedener Nationalitäten zusammenleben, Elendsviertel an (1953, 1956). Vor diesem Hintergrund kann auch Ghettoisierung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts den Prozess sozialräumlicher Segregation von Minderheiten und Einkommensschwachen im Allgemeinen bezeichnen (1966). Vergleichbar der Ableitungsbasis Ghetto wird auch Ghettoisierung zunächst insbesondere in Bezug auf die USA verwendet (1966). Erst ab den 1970er Jahren und vor dem Hintergrund eines sozio-ökonomischen Wandels in den westlichen Industriestaaten, der zu neuerlichen Formen sozialräumlicher Segregation führt (vgl. Häußermann 2012), wird Ghettoisierung auch für Prozesse sozialräumlicher Trennung in deutschen Städten gebraucht (1979, 1983). Häufig ist das Wort dabei mit negativ besetzten Vorstellungen etwa von hoher Kriminalität belegt (1998). Überwiegend wird Ghettoisierung zudem in Bezug auf die Separierung Einkommensschwacher verwendet (1995). Daneben treten auch solche Verwendungen, die lediglich den Bedeutungsaspekt der räumlichen Abgrenzung anschließen (2002) sowie solche, die auf die gezielte Absonderung von sozialen Gruppen im Allgemeinen abheben (1974b) – der Übergang zu Verwendungen im übertragenen Sinn (1997) ist hier fließend.

Anna S. Brasch

Literatur

2DFWB Deutsches Fremdwörterbuch. Begonnen von Hans Schulz, fortgeführt von Otto Basler. 2. Aufl., völlig neu erarbeitet im Institut für Deutsche Sprache von Gerhard Strauß u. a. Bd. 1 ff. Berlin/New York 1995 ff. (owid.de)

Fleischer/Barz 2012 Fleischer, Wolfgang/Irmhild Barz: Wortbildung der deutschen Gegenwartssprache. 4., völlig neu bearb. Aufl. unter Mitarbeit von Marianne Schröder. Berlin/Boston 2012.

Häußermann 2012 Häußermann, Hartmut: Wohnen und Quartier: Ursachen sozialräumlicher Segregation. In: Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.): Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung, 2., überarb. u. erw. Aufl. Wiesbaden 2012, S. 383–396.

10Paul Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10., überarb. u. erw. Aufl. von Helmut Henne, Heidrun Kämper und Georg Objartel. Tübingen 2002.

Pfeifer Pfeifer, Wolfgang u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache. (dwds.de)

Ravid 1992 Ravid, Benjamin C. I.: From Geographical Realia to Historiographical Symbol: The Odyssey of the Word Ghetto. In: David Ruderman: Essential Papers on Jewish culture in Renaissance and Baroque Italy. New York u. a. 1992, S. 372–385.

Belegauswahl

Dises ortheist mann Ghetto/ oder Jüdenstatt.

Beatus, Georg: Amphitheatrvm Naturae, Schawplatz Menschlicher Herzlichkeit: In zwey unterchiedliche Theil verfasset. In: Beatus, Georg: Amphitheatrvm Naturae, Schawplatz Menschlicher Herzlichkeit. Frankfurt, 1614. (deutschestextarchiv.de)

Ghetto, alſo wird die Juden-Stadt zu Venedig genennet.

Hübner, Johann: Reales Staats- und Zeitungs-Lexicon. […]. Leipzig 1704, Sp. 467–468. (deutschestextarchiv.de)

Spindlers Bendavid und der Ghetto von Frankfurt ſind bekannt.

Gutzkow, Karl: Öffentliche Charaktere. Erster Theil. Hamburg 1835, S. 280. (deutschestextarchiv.de)

Darum die Forderung nach Hebraisierung des jüdischen Hauses. Das hat nichts zu tun mit einem Wunsch nach Isolation und Ghettoisierung der Juden in Deutschland. Nicht die Negierung des Deutschen, sondern die Betonung des Jüdischen ist der Ausgangspunkt.

Calvary, Moses: Erziehung. In: Der Jude 5 (1920/1921), H. 2, S. 123–128, hier S. 124. (ub.uni-frankfurt.de)

Die Tendenz auf staatsrechtliche Ghettoisierung der Völker sind wieder im Steigen, die in der eigenen Wesensunsicherheit gegründete Angst vor geistiger Überfremdung nimmt die Form der Psychose an, und immer gellender erklingen in allen Staaten die Parolen, die den Staat zum Staat des jeweiligen Mehrheitsvolkes machen wollen.

Stavenhagen, Kurt: Soziologie als Wirklichkeitswissenschaft und die nationalsozialistischen Probleme. In: Nation und Staat. Deutsche Zeitschrift für das europäische Minoritätenproblem. V. Jhg. H. 1 (1931), S. 78–98, hier S. 86.

Jeder Tag bringt neue Einschnürung. Eben, Sonnabend, 3. 12., steht in der Zeitung Ghettoisierung und »Judenbann« in Berlin. Weitere »einschneidende« Maßnahmen sind angekündigt.

Klemperer, Victor: [Tagebuch] 1938. In: ders., Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten, Berlin: Aufbau-Taschenbuch-Verl. 1999 [zuerst 1938], S. 116. [DWDS]

Welche Wege der Lösung der Judenfrage als einer bevölkerungspolitischen Massenfrage stehen Praktisch zur Verfügung?

Darauf ist zu antworten:

[…]

2. Ihre Ghettoisierung, sei es in einzelnen Stadtghetti, sei es in einem Bereich Osteuropas, wohin zunächst die Juden Osteuropas, in der Folgezeit die Juden Gesamteuropas zu überführen seien. […]

Seraphim, Peter-Heinz: Bevölkerungs- und wirtschaftspolitische Probleme einer europäischen Gesamtlösung der Judenfrage. In: Weltkampf. Die Judenfrage in Geschichte und Gegenwart. Jahrgang 1941, S. 43–51, hier S. 46.

Durch diesen kulturgeschichtlichen Zusammenhang wird die Atmosphäre der schwarzen Viertel„ von New Orleans in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts nur noch interessanter — Von dem Ghetto Milieu hat Louis Armstrong bereits in der vorigen Ausgabe der ZEIT erzählt, von seiner Mama, seinen „Stiefvätern“ und davon, wie einer in Streit mit seiner Mutter geriet, während er, Louis, gerade vom Schulweg kam . ayann und Slim prügelten sich, ais ich angerannt karrij immer noch in der Bar Honkey tonk, nun aber in umgekehrter Richtung, auf den Ausgang zu.

N. N.: Jazzkönig Armstrong: Meine Jugend in New Orleans. In: Die Zeit, 30. 7. 1953, Nr. 31. [DWDS] (zeit.de)

Die Neger, auf die man damals in New York stieß – Stiefelputzer, Fahrstuhlführer, Hausdiener, die schwärmenden Massen des Harlem-Distrikts, die verzückten Beter in stickigen Kirchen, die wirbelnden Tänzer in den lokalen Vergnügungsplätzen des schwarzen Ghetto –, sie alle waren eine „bunte“ Note im Völkerkonzert der Stadt, aber nicht gerade sehr eindrucksvoll.

N. N.: Die sanfte Gewalt der dunklen Menschen. In: Die Zeit, 19. 4. 1956, Nr. 16. [DWDS] (zeit.de)

Das aber heißt, die Gettoisierung des amerikanischen Negers zu verewigen – was seine Radikalisierung nur beschleunigen kann.

N. N.: Weiße Übermacht – schwarze Macht. In: Die Zeit, 19. 8. 1966, Nr. 34. [DWDS] (zeit.de)

Zu viele Erfahrungen, die Selbstvertrauen und Sicherheit schaffen, fehlen in der Regel, weil der Körperbehinderte zu lange gettoisiert wurde.

Klee, Ernst: Behinderten-Report, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch-Verl. 1981 [zuerst 1974], S. 157. [DWDS]

Behinderte begehren nicht auf. IV Gettoisierung der Behinderten in Heimen – und Alternativen 1. Heimunterbringung

Klee, Ernst: Behinderten-Report, Frankfurt a. M.: Fischer Taschenbuch-Verl. 1981 [zuerst 1974], S. 61. [DWDS]

Die Trennung zwischen Deutschen und Ausländern ist augenfällig. Deutsche Kinder werden aus den städtischen Schulen herausgenommen, wenn die „Fremden“ kommen; manche Kleinstädte haben einen Exodus der Deutschen erlebt, der Trend zur Gettoisierung ist damit noch beschleunigt worden.

N. N.: Bürger statt Gastarbeiter. In: Die Zeit, 7. 9. 1979, Nr. 37. [DWDS] (zeit.de)

Łódz wurde zum Musterbeispiel dafür, was das hieß: Enteignung, Aussiedlung, Vertreibung, Gettoisierung, Ausrottung „Fremdvölkischer“ und „Fremdrassischer“. InŁódz richteten die Nazis das erste polnische Ghetto ein.

N. N.: Alptraum „Litzmannstadt“. In: Die Zeit, 8. 5. 1981, Nr. 20. [DWDS] (zeit.de)

Die deutsche Wirtschaft brauchte ausländische Arbeitskräfte; die türkischen Arbeiter mußten, weil sie als letzte gekommen waren, mit den schlechtesten Arbeits- und Wohnbedingungen vorliebnehmen – eine der Ursachen der Gettoisierung.

N. N.: Rationale Phantasie contra Fremdenhaß. In: Die Zeit, 6. 5. 1983, Nr. 19. [DWDS] (zeit.de)

Der Zentralität von Auschwitz aus der Retrospektive steht als historisches Faktum gegenüber, daß die Judenvernichtung in der Zeit, in der sie tatsächlich geschah, nur möglich war, weil sie gerade nicht im Rampenlicht stattfand, sondern weitgehend verborgen gehalten werden konnte; weil sie eine Minderheit betraf, die schon Jahre vorher durch soziale Ghettoisierung systematisch aus dem Blickfeld der nichtjüdischen Umwelt herausgerückt worden war. Die „Endlösung“ konnte so reibungslos nur ins Werk gesetzt werden, weil das Schicksal der Juden für die Mehrheit der Deutschen während des Krieges nur eine wenig beachtete Nebensache war und weil es für die alliierten Kriegsgegner Deutschlands nur ein – und nicht einmal das wichtigste – Problem darstellte, das sie während des Krieges beschäftigte.

N. N.: Historisierung des Nationalsozialismus? In: Die Zeit, 22. 4. 1988, Nr. 17. [DWDS] (zeit.de)

in alphabetischer Folge werden die Repressionsmaßnahmen des NSStnates ausführlich dargestellt, von der Erfassung und Enteignung der jüdischen Bevölkerung bis zu ihrer Deportation, Ghettoisierung und Vernichtung.

N. N.: Wenn das Erinnern zum Vergessen führt. In: Berliner Zeitung, 3. 2. 1994. [DWDS]

„Ein solches Heim bedeutet doch letztlich die Ghettoisierung der Schwächsten der Gesellschaft“, erklärte Karl Schulze, Direktor des Amtes Unteres Dahmeland, gegenüber der KW-Rundschau.

Stemmler, Uwe: Ein Dach über dem Kopf für die Schwächsten. In: Berliner Zeitung, 4. 2. 1995. [DWDS]

Eine „Ghettoisierung“ frauenspezifischer und feministischer Themen sei daher nicht zu befürchten.

Der Tagesspiegel, 28. 4. 1997. [DWDS]

Das politisch korrekte Schweigen über die sich anbahnende Ghettoisierung, über die Verwilderung der Jugendlichen, steigende Kriminalität und wachsenden Fundamentalismus begleitete über Jahre hinweg das Fehlen jeglicher praktischer Integrationspolitik.

N. N.: Wer zu spät kommt. In: Die Zeit, 10. 6. 1998, Nr. 25. [DWDS] (zeit.de)

In der DDR lebten eine halbe Million sowjetische Soldaten und viele vietnamesische Vertragsarbeiter. Die wurden ghettoisiert und abgeschottet. Niemand musste kulturelle Widersprüche leben.

Seils, Christoph: „Ohne uns gäbe es eine machtvolle rechte Partei“. In: Berliner Zeitung, 7. 8. 2000. [DWDS]

Die Länder können die Einkommensgrenzen erhöhen. Doch für den Fall, dass sie davon keinen Gebrauch machten, kämen für den sozialen Wohnungsbau nur extrem einkommensschwache Haushalte in Frage, sagte Freitag, die doch gerade nicht gettoisiert werden sollten.

Wöbken-Ekert, Gunda: „Reform des sozialen Wohnungsbaus greift zu kurz“. In: Berliner Zeitung, 23. 2. 2001. [DWDS]

„Es darf dort allerdings nicht zu einer Ghettoisierung der Schönen und Reichen kommen.“

Blz: Mit Blick bis zum anderen Ufer. In: Berliner Zeitung, 23. 3. 2002. [DWDS]

Von der Musterung ausgeschlossen waren die Juden, die zunächst vertrieben, dann gettoisiert und ermordet wurden.

Mix, Andreas: Die Planer der Umvolkung. In: Berliner Zeitung, 1. 9. 2003. [DWDS]